/

Zeit der Fiktion ist vorbei

Menschen | Zum 85. Geburtstag des Schriftstellers Rolf Schneider am 17. April*

»Ich betrachte die deutsche Wiedervereinigung und die heutigen Zustände in der Bundesrepublik alles in allem doch als einen Glücksfall«, hatte der Schriftsteller Rolf Schneider vor vier Jahren in einem Interview mit dem ›Deutschlandradio Kultur‹ erklärt. Zeitlebens ist er immer etwas gegen Strom geschwommen. Von PETER MOHR

Als Romancier hat sich Schneider in jungen Jahren einst stark an Thomas Mann orientiert, als Dramatiker wandelte er auf den Pfaden von Peter Weiss, Heinar Kipphardt und Rolf Hochhuth.

Rolf Schneider (2010) Abb: Therese Schneider
Rolf Schneider (2010)
Abb: Therese Schneider
Er war längst in der DDR ein arrivierter Autor, als sich am 22. Mai 1979 ein großes Loch im Leben des Schriftstellers auftat. An diesem Tag veröffentlichte das ›Neue Deutschland‹ einen offenen Brief des linientreuen Schriftstellers Dieter Noll an Erich Honecker, in dem Noll Stefan Heym, Joachim Seyppel und Rolf Schneider als »kaputte Typen« denunzierte, die »mit dem Klassenfeind kooperieren, um sich eine billige Geltung zu verschaffen.«
Dies hat Rolf Schneider tief getroffen, denn er gehörte zu jenem kleinen Kreis der Intellektuellen, die sich zunächst gegen die Biermann-Ausbürgerung ausgesprochen hatten, dann aber den »Rauswurf noch einmal überdenken« wollten.

Ein Jahr zuvor hatte Schneider, der stets ein ambivalentes Verhältnis zur DDR pflegte, noch vollmundig bekannt: »Ich lebe mit Absicht in diesem Staat.« Doch die SED-Führung ließ sich nicht erweichen und schloss den Autor im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband aus, obwohl Schneider ein äußerst populärer und viel gelesener Autor war, der sowohl als Romancier (›Reise nach Jaroslaw‹, ›Das Glück‹) als auch als Theaterautor (›Prozeß in Nürnberg‹) nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Später genoss Schneider, der 1958 mit dem Parodienband ›Aus zweiter Hand‹ debütierte, das Privileg eines mehrjährigen Westvisums, ohne allerdings seine DDR-Staatsbürgerschaft aufzugeben. Rolf Schneider wurde heute* vor 85 Jahren in Chemnitz als Sohn eines Werkzeugmachers geboren, wuchs in Wernigerode auf, studierte in Halle Germanistik und Pädagogik und wurde in dieser Zeit durch die Lektüre von Gorki und Puschkin künstlerisch geprägt, ehe er von 1955 bis 1958 als leitender Redakteur der Zeitschrift ›Aufbau‹ tätig war.

Nach dem Mauerfall ist Rolf Schneider offener geworden und hat sich vehement für eine kritische, nicht nostalgische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eingesetzt. Am nachhaltigsten gelang ihm dies im vorzüglichen Essayband ›Volk ohne Trauer‹ (1992). Inzwischen hat Rolf Schneider, der 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, das Metier gewechselt. Durch seine kritischen Aufsätze und Kommentare zur Tagespolitik (vorwiegend für das Deutschlandradio, ›Die Welt‹ und ›Berliner Morgenpost‹) und seine Essays zu literarischen Themen ist aus dem Schriftsteller einer der angesehensten Publizisten geworden.

Zuletzt hat Schneider äußerst lesenswerte Beiträge über Victor Hugo, Vladimir Nabokov, Fürst Pückler, Siegfried Lenz, sowie über Brandenburg, Potsdam, Weimar und seine »Kindheitsstadt« Wernigerode veröffentlicht. Vor vier Jahren legte er seine äußerst lesenswerte, völlig uneitle Autobiografie ›Schonzeiten‹ vor. »Die DDR ist heute schon nicht mehr sinnlich zu erfahren, weil sie nicht mehr besteht. Doch auch vorher verweigerte sie sich dem Außenstehenden, da sie sich in Hermetismus, Isolierung und Heimlichkeit verkroch; die offiziell betriebene Außenwirkung war öd und verlogen«, bekannte Schneider 2001 in einem Rundfunkbeitrag.
Geläutert, abgeklärt und scharfsinnig präsentiert sich der in Schöneiche (30 Kilometer südlich von Berlin gelegen) lebende Autor heute immer noch als Publizist. In seinem 1976 erschienenen Roman ›Das Glück‹ ließ Rolf Schneider die junge Protagonistin Hanna sagen: »Jedenfalls las sie kaum einmal erfundene Geschichten und las sie nicht gern.« Auch bei Rolf Schneider ist die Zeit der Fiktion längst vorbei.

| PETER MOHR
| Fotos: THERESE SCHNEIDER

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Feiner neuer Indie-Folk

Nächster Artikel

Folkdays … »Campfire Songs«

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Mit Kurs aufs Weihnachtsgeschäft

Menschen | Mary und Charlie Dickens: Unser Vater Charles Dickens Am 7. Februar 2012 vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren, als zweites von acht Kindern. Das »Leben im Prekariat« lernt er früh aufs Drastischste kennen, als der Vater kurzfristig im Schuldturm sitzt und der elfjährige Charles in einer Schuhwichsefabrik fürs Familieneinkommen sorgen muss. Die Grenze für Bildung heißt Geld, die Grenze für Liebesglück heißt Klassengesellschaft. Charles Dickens wird diese Erfahrung als Gerichts- und Parlamentsreporter und erst recht als Schriftsteller immer wieder variieren, ob als herzzerreißende Erzählung oder als schneidende Sozialsatire. Wie sie auch in sein eigenes Familienleben einfließt, erzählt

Von links nach rechts

Menschen | 80. Geburtstag von Monika Maron

Zum 80. Geburtstag der Schriftstellerin Monika Maron (am 3. Juni*) erschien der Essayband ›Was ist eigentlich los‹. Von PETER MOHR

»Was machen wir aus unserem Leben? «

Menschen I Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll

Sie sind zwei der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll. Sie waren auch persönlich miteinander befreundet. Über diese Freundschaft ist jedoch nur wenig bekannt. Nun liegt der gemeinsame Briefwechsel vor, der lange unter Verschluss gehalten wurde: ›Was machen wir aus unserem Leben?‹ 122 Briefe sind es, 58 von Bachmann und 64 von Böll. Den ersten davon schrieb Bachmann im Dezember 1952 an den »lieben Heinrich«; er war die Antwort auf einen (verlorenen) Brief Bölls, mit dem dieser den Briefwechsel eröffnete. Vielleicht bedankte er sich darin bei Bachmann für eine Rezension seiner Erzählung ›Der Zug war pünktlich‹ in der österreichischen Kulturzeitschrift ›Wort und Wahrheit‹. Von DIETER KALTWASSER

Zeige deine Wunde

Menschen | Oliver Polak: Der jüdische Patient »Comedy: kann man so meinen, muss man aber nicht«, sagt der jüdische Comedian Oliver Polak gerne bei seinen Auftritten, die von mitunter sehr harten Gags bestimmt werden. Mindestens genauso hart ist seine schwere Depression gewesen, über die Polak nun das Buch ›Der jüdische Patient‹ geschrieben hat. MARTIN SPIESS hat es gelesen.

Prosa als fehlender Rest

Menschen | Zum 90. Geburtstag von Jürgen Becker

»Vielleicht ein Versuch, die Zeit aufzuhalten und geräumtes Gelände zurückzugewinnen. Weit kommst du nicht mehr, aber fang nicht damit an, deine Schritte zu zählen; allein dein Schatten, falls Sonne vorhanden, begleitet dich«, heißt es im neuen Band »Die Rückkehr der Gewohnheiten« aus der Feder des viele Jahrzehnte unterschätzten Schriftstellers Jürgen Becker. Als »eine maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie« wurde Becker 2014 völlig zu Recht bezeichnet, als ihm der Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands, verliehen wurde. Von PETER MOHR