Warum nicht mal Wunder

in Kinderbuch

Kinderbuch | Mike Revell: Wundervogel

Wunder gibt es nur in Märchen? Sicher, wenn man es mit der Physik punktgenau nimmt. Manchmal tut es aber auch gut, das eine oder andere Rätsel ungelöst zu lassen und sich an den Lösungen zu freuen, die sich unvermutet ergeben haben. Zum Beispiel eine gute Geschichte. Von MAGALI HEISSLER

Revell - WundervogelLiam ist elf, aber er hat Probleme, die Erwachsene überfordern können, und auch noch jede Menge davon. Seine Großmutter leidet an Altersdemenz und verbringt ihre Tage im Pflegeheim. Um sie regelmäßig besuchen zu können, ist die Familie umgezogen. Eine neue Stadt, eine neue Schule, eine neue Klasse sind etwas, das Liam Angst macht, zumal er es an der alten Schule lange nicht leicht hatte. Sein Vater hat die Familie vor Jahren schon verlassen, seine Mutter wird immer deprimierter und sucht ausgerechnet Liams Unterstützung. Die ältere Schwester steckt mitten in der Pubertät, was nicht zum Familienfrieden beiträgt. Woher soll Liam die Kraft für all das nehmen? Er fühlt sich nur schwach.

Als Steinvogel auftaucht, bessert sich die Lage schlagartig. Plötzlich hat Liam einen Beschützer. Er muss sich nur Hilfe wünschen und schon kommt sie. Liegt das tatsächlich an dem rätselhaften Gargoyle? Oder hat die Erzählrunde im Klassenzimmer, die die neue Lehrerin eingeführt hat, etwas damit zu tun? Märchen oder Realität? Liam muss sich über vieles klarwerden, vor allem aber über sich selbst.

Stärke entwickeln

Revell, das soll gleich gesagt werden, greift zu viele Themen auf. Wie nicht selten bei Debütromanen jongliert er mit einem Dutzend Bälle und es braucht eine nicht zu wundern, wenn ein paar davon stracks zu Boden fallen und auf Nimmerwiedersehen davonrollen. Dass er ein guter Schriftsteller ist, zeigt sich daran, dass das eigentliche Thema, das Entwickeln innerer Stärke, trotz der beträchtlichen Länge der Geschichte stets erkennbar ist. Liam ist sehr jung, aber tatsächlich der Verlässliche in der Familie. Er ist hartnäckig, einfallsreich, mitfühlend und sensibel anderen gegenüber, selbst wenn er in höchster Bedrängnis ist. Sein Fehler ist, dass er blind ist gegenüber seinen guten Seiten. Er hält sich für schwach bis hin zur Feigheit, für untauglich, irgend etwas zu meistern, während er schon Dinge ins Lot bringt für sich wie andere.

Was ihm hilft und was die angesprochene Zielgruppe begeistern wird, ist seine Fantasie. Der Gargoyle ist sein Geschöpf, seine Stütze um zu überstehen, was Liam für nahezu unüberwindbar hält. Dass dabei die eine oder andere Frage offen bleibt, verleiht der geschickt erzählten Geschichte den Charme gut gehüteter Geheimnisse. Aber die Botschaft ist klar: sprechen, handeln, nicht locker lassen. Nur so kann man Schwieriges bewältigen. Kraft gibt die Fantasie. Das ist nicht neu, wird aber mit solcher Überzeugung präsentiert und so liebevoll ausgemalt, dass man es schluckt, ohne mit der Wimper zu zucken. Der junge Held macht eine erstaunliche Wandlung durch, die man mit Spannung verfolgt.

Komplexes und Versatzstücke

Es gibt arg viele allzu bekannte Versatzstücke in dieser Geschichte. Mobbing in der Schule, eine Mutter, die gern zum Rotwein greift, wenn es kompliziert wird, eine geheimnisvolle Kirchenruine, ein uraltes Tagebuch, eine Lehrerin mit Mary Poppins-Einschlag und, ebenso unnütz wie ungeschickt, Rückgriffe auf den Zweiten Weltkrieg samt Paris, spanischem Exil und einer Heldin der Résistance. Die dazu konstruierte Familiengeschichte ist alles andere als logisch und fußt vor allem darauf, dass es eben ein Gargoyle von Notre-Dame sein soll, als ob das die einzige Kirche ist, die solche Wasserspeier schmücken.

Wer eine Fantasygeschichte erwartet, wird enttäuscht werden, auch wenn man beim Lesen den Eindruck gewinnt, dass hinter dem Ganzen ursprünglich Fantasy steckte, das aber weder ausgearbeitet noch energisch genug auf seinen realistischen Kern zurückgeführt wurde.
Was detailliert ausgearbeitet wird, ist vor allem die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern und der Großmutter. Formen der Demenz und ihre Auswirkung auf die Angehörigen der Kranken ist eingehend und sensibel geschildert, das Leid aller Beteiligten fühlbar. Das Thema, wie man mit Erinnerungen umgeht, schiebt sich ein bisschen plötzlich in den Vordergrund, wie überhaupt das letzte Drittel einen neuen Ton bekommt. Insgesamt hält die Geschichte aber gut zusammen und alle Einwände kommen aus der Sicht der erwachsenen Leserin.

Kinder werden sich umgehend mit Liam identifizieren, seine Angst spüren, seine Schüchternheit. Ihn um den Erzählkreis beneiden und das steinerne Ei in der Hand halten wollen, das bekommt, wer erzählen soll. Sie werden den wohligen Schauer in der alten Kirche spüren, den Schreck, wenn Steinvogel plötzlich dasitzt und sich wie Liam fragen, ob das Wesen lebendig ist oder gar nicht existiert? Sie werden aber auch die Schwierigkeiten der Erwachsenen erkennen und sie werden überdies ebenso realistisch wie liebevoll mit dem Schrecken bekannt gemacht, der Demenz ist.

Dass es am Ende noch ein Wunder und ein halbes gibt, passt dann doch ganz gut. Manchmal entwickelt sich eben etwas so rasant, dass man es gar nicht anders erklären kann.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Mike Revell: Wundervogel
(2015 Stonebird, 2015) Aus dem Englischen von Katharina Orgaß
Frankfurt/M.: Sauerländer 2017
328 Seiten. 14,99 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

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