/

Für immer geschlossen

Kulturbuch | 169 Jahre Grotemeyer

Ich habe zunächst überlegt, ob das Buch, das ich vorstellen möchte, nicht zu regional ist, aber: Manchmal liegt im Regionalen ja auch die ganze Welt. Das Kaffeehaus Grotemeyer in Münster, das nach 169 Jahren für immer nun geschlossen bleibt, es steht in der Tradition der alten Kaffeehäuser, die man schnell mit den österreichischen Originalen in Verbindung bringt, es gibt sie aber auch hier, oder besser, es gab sie. Da kommt – so meint BARBARA WEGMANN – schon etwas Melancholie auf.

Grotemeyer Es ist wohl die »gediegene Atmosphäre«, die die Kaffeehäuser zu dem machte, was ihren Ruf begründete: »Lieblingsorte von Künstlern und Literaten« waren und sind sie, ein »gesellschaftlicher Treffpunkt«, ein Ort, um zu sehen und gesehen zu werden. »Herren gingen ins Kaffeehaus, um Zeitung zu lesen, zu philosophieren, Geschäftsfreunde zu treffen, oder Kontakte zu knüpfen. Damen nutzten die Bühne, um eine neue Frisur, eine Hutkreation oder ein elegantes Kostüm auszuführen. Wer früher in ein Kaffeehaus ging, der machte sich schick und fühlte sich entsprechend besonders.«

Das hat sich geändert mit Zeit und Jahrzehnten, aber ein Kaffeehaus blieb und bleibt immer ein Kaffeehaus. Das Antico Caffè in Rom, das Sacher in Wien, das Grand Café Orient in Prag, das Café New York in Budapest, das Café Einstein in Berlin oder das Grotemeyer in Münster, »Kaffeehaustraditionen und Gewohnheiten wandeln sich… Die Faszination, die ein traditionelles Kaffeehaus verströmt, ist interessanterweise ungebrochen. Die Sehnsucht nach einem besonderen Ort, der die Phantasie beflügelt, ist da.«

So empfängt einen beim Aufschlagen dieses Bild- und Geschichtenbuches eine sehr herzenswarme, leicht melancholische Stimmung, gern schlüpft man in so lebendige Erinnerungen, in Zeiten dieses altehrwürdigen Cafés, die man zum Teil selbst noch miterlebt hat. Hieß es doch – auch für mich- lange Zeit: »Komm wir gehen ins Grotemeyer…«

Und schnell taucht die Frage auf, was an die Stelle rücken wird, wie groß der Verlust »eines der ältesten Familienbetriebe Münsters« sein wird, wie sich »die DNA der Stadt verändern wird«. Wie wird er schmecken, der Kaffee, der Kuchen, der kleine Imbiss andernorts, wie wird sie sein, die Stimmung, die Atmosphäre in irgendeinem anonymen Kaffeeladen, irgendeinem Café- Restaurant, das aber nie an das Flair alter Kaffeehäuser heranreichen wird.

Münster ist da nur ein Beispiel unter vielen. In Zeiten mit neuem Zeitgeist, in denen Städte ohnehin sich immer ähnlicher werden, in Bauweise, Geschäftsangebot, mit all den Ketten und austauschbaren Läden, da verliert eine Stadt mit der Schießung eines alten, traditionsreichen Kaffeehauses, das so viele Geschichten erzählen kann, ein Stückchen Gesicht. Ob in Münster, oder anderswo, Städte verlieren Charakter, Originelles, Spezielles, ein Stück liebenswerter Tradition.

Das reich illustrierte Buch bietet aber soviel mehr als einen sehr persönlichen »Blick zurück«. Fritz Grotemeyer, er war das neunte von elf Kindern von Albert und Berta Grotemeyer, den Gründern des über Münster hinaus bekannten Cafés, und er wurde ein weit über die Landesgrenzen hinaus bekannter, oft ausgezeichneter Maler, viele seiner Bilder hingen im Grotemeyer und so wurde das Café zur lebendigen Galerie, was für eine wunderbare Konstellation. Und dann, wie ein großes Dankeschön an alle Gäste, Kunden, Stammkunden, und Kaffee-Genießer ist da noch ein großer Rezeptteil. Aus »Grotemeyers Konditoren- Schatztruhe«.

Letztlich weiß man an der Stelle gar nicht mehr, was attraktiver ist: die Geschichte eines Familienunternehmens oder die Geschichten aus einem alten Café, das so viel erlebt hat oder sind es vielleicht die wunderbaren 25 Rezepte für Torten, Gebäck und Pralinen, die hier preisgegeben werden und dazu animieren, sich ein kleines Stückchen eines alten, renommierten Kaffeehauses nach Hause zu holen. Schön, wenn Erinnerungen wach bleiben, die aus Münster oder anderswo.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Dorothée Kerstiens, Michael Kerstiens, Dr. Gabriele Kahlert-Dunkel: 169 Jahre Grotemeyer
Münster: Wermeling Verlag 2020
(2. Auflage)
184 Seiten, 24,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zwischen Sein und Nicht-Sein, Wunsch und Wirklichkeit

Nächster Artikel

Und was hörst du so? Ein Kennenlernen

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Über die Entzauberung des Genies

Kulturbuch | Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick! Der Psychologe Bas Kast möchte mit ›Und plötzlich macht es Klick! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen‹ den althergebrachten Nimbus der Genialität entzaubern. Was zeichnet einen kreativen Menschen aus und weshalb gibt es so wenige davon? Bas Kast erläutert Funktionsweisen eines kreativen Gehirns und gibt all denen Hoffnung, die ihr bislang wenig kreatives Leben etwas aufmöbeln möchten. VIOLA STOCKER ging in die Schule der Genies.

Wie das Bild zum Bild wird

Kulturbuch | Gottfried Boehm: Wie Bilder Sinn erzeugen

Die neue ›Berlin University Press‹, die sich als populäres und gleichzeitig wissenschaftliches Leitmedium in der deutschen Verlagswelt etablieren will, startet ihr Programm klugerweise unter anderem mit einer Sammlung von Aufsätzen des Kunsthistorikers Gottfried Boehm, der wie kein anderer die interdisziplinär bedeutende Strömung der Bildwissenschaften prägte. »Wie Bilder Sinn erzeugen« führt Fachleute und interessierte Laien gleichermaßen in das weite Feld der Beschäftigung mit den theoretischen Grundlagen der Bilder ein. Von SEBASTIAN KARNATZ

Allgegenwärtiges Trauma

Kulturbuch | Ronja von Wurmb-Seibel: Ausgerechnet Kabul Die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel ist 26 Jahre alt, als sie sich im Frühjahr 2013 dazu entschließt, nach Kabul zu ziehen. Einem afghanischen Freund erklärt sie ihre Entscheidung so: »Ich liebe meinen Job hier. (…) Ich habe das Gefühl, ständig auf der Suche zu sein. Das mag ich.« Gut, dass sie dem gefolgt ist, denn mit ihren persönlichen Geschichten zeigt sie, wie es wirklich ist, im Krieg zu leben. Von STEFFEN FRIESE

Leerlaufkompetenz

Kulturbuch | Ehn / Löfgren: Nichtstun Die Muße einer Siesta wird heute immerhin nicht mehr überall als unproduktiver Gegensatz zur Arbeit verteufelt. Auch Nicht-Tätigkeit hat ihre sozialkompatiblen Funktionen. Aber wie sieht das bei den vielen anderen kleinen und größeren »Leerzeiten« aus – Rumstehen an Bushaltestellen oder vor Supermarktkassen beispielsweise? Ist das nicht »verlorene Zeit« fürs Individuum wie fürs Kollektiv? Im Gegenteil, zeigen Billy Ehn und Orvar Löfgren in ihrer fulminanten Studie Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen. Von PIEKE BIERMANN

Eine Ahnung von Dunkelheit, ein unstillbares Heimweh

Kulturbuch | László F. Földényi: Lob der Melancholie

Wenn einer etwas zur Melancholie zu sagen hat, dann ist es der ungarische Geisteswissenschaftler László F. Földényi. In seinem neuesten Essayband versammelt er Gedanken zu melancholisch-metaphysischen Abgründen in Architektur, bildender Kunst und Film. Und überrascht dabei mit seinem Gespür für die Körperlichkeit der Melancholie, die »mehr ist als nur ein Gefühl.« Von JALEH OJAN