/

Fesselnde Lektüre

Kulturbuch | Anne-Carolin Hopmann: Der Hamster ist tot und die Glocken läuten

Wir lernen Abläufe des Alltags einer Gemeindepfarrerin der reformierten Kirche in der Schweiz kennen, Wochentag nach Wochentag, unaufgeregt beschrieben, mit Akzentuierungen auch auf das Altern und auf das Heranwachsen, also auf diejenigen, die die Glaubensgemeinschaft verlassen werden, und auf diejenigen, die durch den Konfirmandenunterricht aufgenommen werden. Von WOLF SENFF

9783280056653 AC Hopmann - Der Hamster ist tot 350Die Publikation ist frei von Phrasen, Anne-Carolin Hopmann will niemanden bekehren und hat nirgends die Absicht, ein Programm oder, wie es neuerdings so nett heißt, eine To-do-Liste vorzulegen.

Das Bohren tiefer Bretter

Wir lernen die Mühen der Ebene kennen und jene Arbeitsfelder, die sonst eher selten in die Aufmerksamkeit unserer medialen Öffentlichkeit gelangen, der Beruf des Pfarrers gehört zu denjenigen Berufen, die wenig glamourös sind und kaum einmal Aufsehen erregen.

Die Arbeit eines Pfarrers geschieht im Stillen, und es ist nicht falsch zu sagen, dass ihre ihre Wirksamkeit desto größer ist. Der Lärm der Medien wirkt an der Oberfläche und ist schnell vergangen. Bei der Lektüre von Anne-Carolin Hopmanns Alltag entsteht dagegen der Eindruck, dass die von ihr geschilderten Begegnungen tief im Leben wurzeln.

Ach, unser Hochleistungsalltag

Sie erzählt von durchreisenden Bittstellern, »Europawanderern«, von ihren Besuchen in einem Altersheim, von der Notwendigkeit auch konkreten sozialen Handelns und schildert den Fall einer alleinerziehenden Mutter, deren eigene Mutter aus gesundheitlichen Gründen das dreijährige Kind nicht länger betreuen kann.

Beständig wachsende Lebenserfahrung und damit einhergehendes Verstehen und Verständnis für den menschlichen Alltag seien unerlässlich, um den Menschen beistehen zu können. Das sind Worte und Redeweisen, die aus unserem von ökonomischem Denken geprägten Hochleistungsalltag und der entsprechenden öffentlichen Wahrnehmung nahezu verschwunden sind.

Von Konfirmanden und vom Hamster

In gleicher Weise unsere Augen öffnend wirkt die Schilderung des Segellagers der Konfirmandengruppe in Holland, weil stets ein großer Respekt gegenüber den Jugendlichen durchscheint. Sie werden ernst genommen.

Genauso ernst genommen wird selbstverständlich die eigene Tochter, deren Hamster ausgerechnet zu einem ungünstigen Moment verstorben ist und dessen Tod angemessen kindgerecht eingeordnet werden muss.

Medienwirklichkeiten

All das ist für Kirche zweifellos eine Selbstverständlichkeit, doch in der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen Heranwachsende vor allen in Statistiken zum Drogenkonsum, zur demographischen Entwicklung, zu schulischen Leistungen in Lesen und Rechnen. Schlagzeilen machen jugendliche Hochleistungstalente im Balltretersektor, und wir haben insgesamt hinreichend Grund, uns über die Wahrnehmung der Realität durch unsere Medienwelt zu wundern.

Vermutlich ist es das, was dieses Werk so auffällig aus dem Lektüre-Alltag heraushebt. Die Menschen sind aus einem Denken herausgenommen, das sie zuallererst nach ihrer Nützlichkeit einordnet, ihrer Nützlichkeit für die eigene Gruppe, den Verband, die regionale Wirtschaft, den Sport usw. Anne-Carolin Hopmann lässt den Menschen in seiner Individualität gelten und respektiert ihn. Wir lesen eine ruhige, fesselnde Lektüre.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Anne-Carolin Hopmann: Der Hamster ist tot und die Glocken läuten
Aus dem Alltag einer Pfarrerin
Zürich: orell füssli 2017
272 Seiten, 30 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Free Jazz, Free Space & Impro: Led Bib

Nächster Artikel

Lost Tapes and Lush House Grooves: An Interview With Swayzak

Neu in »Gesellschaft«

Revolutionäre im Autohimmel

Gesellschaft | Bastian Obermayr: Gott ist gelb Auf der Hauptversammlung vom 10. Mai 2014 versuchte der ADAC, sein verbeultes Image zu reparieren. Doch was wird ihm eigentlich vorgeworfen? Gut, die manipulierten Wahlen zum »Auto des Jahres« gingen groß durch die Presse. Auch von außerplanmäßigen Flügen mit Rettungshubschraubern konnten wir lesen. Der ›SZ‹-Journalist Bastian Obermayer, der die Enthüllungen über den ADAC ins Rollen brachte, hat in seinem Buch ›Gott ist Gelb‹ weitere Verfehlungen ans Tageslicht geholt. Und lässt kein gutes Haar am Münchner Verein. Monatskartenbesitzer JÖRG FUCHS hat viele Fragen – bekommt er auch Antworten? PDF erstellen

Die Herren der Welt

Sachbuch | Aram Mattioli: Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700 – 1910 Einsicht, hieß es einst, sei ein Weg zur Besserung. Ohne Einsicht in eigenes Fehlverhalten sei keine Reue möglich und schon gar keine aufrichtige Entschuldigung. Einsicht betreffe das Verständnis für die Tragweite eigenen Fehlverhaltens. Die Lektüre von Aram Mattioli, ›Verlorene Welten‹, der uns die Wirklichkeit der Ereignisse im Nordamerika jener Tage in ein neues Licht stellt, verleiht massiv Gelegenheit zur Einsicht. Von WOLF SENFF PDF erstellen

West-Ost-Wanderer

Gesellschaft | Peter Köpf: Wo ist Lieutenant Adkins? Von Wolf Biermann weiß man es und von Frau Merkels Eltern, ehemalige Bürgerinnen und Bürger der DDR werden sich auch an Dean Reed erinnern. Es gab nicht nur die Massenflucht aus der DDR nach Westen, es gab immer auch, wenn auch viel bescheidener, eine West-Ost-Wanderung in die DDR mit dem Ziel der Niederlassung. Auf West-Ost-Wanderer der besonderen Art macht Peter Köpfs Buch Wo ist Lieutenant Adkins? aufmerksam. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen

Sie sind viele, sagt sie

Sachbuch | Millay Hyatt: Ungestillte Sehnsucht

»Wir sind viele« – so beginnt das Sachbuch ›Ungestillte Sehnsucht‹ von Millay Hyatt, das den Kinderwunsch ungewollt kinderloser Paare betrachtet. Es ist eine tendenziell politische Aussage, weil sich darin die Forderung nach mehr Aufmerksamkeit widerspiegelt. Dieses Schicksal sei nicht nur hart, es treffe auch mehr als man denkt. Von BASTIAN BUCHTALECK

Subversive Ideale

Gesellschaft | Susan Neiman: Warum erwachsen werden? Erwachsen werden wir alle, körperlich jedenfalls und im juristischen Sinn, sobald wir ein bestimmtes Alter erreicht haben (und nicht schwer geistig behindert sind). Und dennoch weiß jede/r, dass genug Erwachsene ihr Leben lang kindlich bleiben, sich schwertun mit Verantwortung oder allgemein damit, sich mündig und selbstbestimmt zu verhalten. Was Philosophen über das bewusste Erwachsenwerden zu sagen haben, stellt uns Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, in ›Warum erwachsen werden?‹ vor. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen