Komm, Gegenwart, erinnere dich

Prosa | Antònio Lobo Antunes: Zweites Buch der Chroniken

Wie schön, dass der Luchterhand Literatur-Verlag nun, in der mit seiner deutschen Präsenz innig verschwisterten Übersetzung von Maralde Meyer-Minnemann, auch den zweiten Band von Kolumnen veröffentlicht hat, die der portugiesische Epiker António Lobo Antunes zwischen 1993/2001 vierzehntäglich in einer portugiesischen Zeitung geschrieben und 2002 gesammelt publiziert hat. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Zweites Buch der Chroniken von Antonio Lobo Antunes
Zweites Buch der Chroniken von Antonio Lobo Antunes
Was zu Lobo Antunes‘ ›Chroniken‹, ihrer Form, ihrem Charakter, ihren Schönheiten und Eigenheiten zu sagen ist, habe ich bei der Vorstellung des »Buchs der Chroniken« an dieser Stelle gesagt (»Komm, Erinnerung, sprich«, Titelmagazin, 31.8.06). Da die nun vorgelegten 78 Kolumnen sich in ihrem Formenreichtum und Stil von den zuvor veröffentlichten nicht unterscheiden und diese nur zeitlich fortsetzen, will ich mich nicht wiederholen, weil ich es sonst müsste. Alles früher daran Bemerkte & Bewunderte trifft hier ebenso zu.

Vielleicht aber tritt in dem »Zweiten Buch« noch mehr als in der ersten »Chronik« der Autor als Reflektor seiner eigenen literarischen Passion hervor, wenn er z.B. eine »Anleitung zum Lesen meiner Bücher« gibt, in der er u.v.a. schreibt: »Das wahre Abenteuer, das ich anbiete, ist eine Reise, welche der Erzähler und der Leser gemeinsam in die Finsternis des Unbewussten, zur Wurzel der menschlichen Natur machen«. Oder wenn er an anderer Stelle (›Antonio 56 ½‹) von sich berichtet: »Er hatte so intensiv alles auf das Schreiben gesetzt, jeden Roman genutzt, um den voraufgegangenen auf der Suche nach dem Buch zu korrigieren, das er nie mehr korrigieren würde, dass er sich nicht an die Ereignisse erinnern konnte, die geschehen waren, als er diese Romane schrieb. Diese Intensität und diese Arbeit führten dazu, dass er keinem anderen Einfluss als dem eigenen ausgesetzt war und er außerhalb seiner selbst nichts als Vorbild hatte, obwohl ihn das einsamer machte als eine in einem leeren Hotelzimmer vergessene Jacke, während der Wind und die Enttäuschungen nachts die Rollläden klappern lassen, den niemand geschlossen hatte. Da ihm Traurigkeit fremd war, wusste er, was Verzweiflung ist«.

Das (literarische) Genie, denkt man sich bei der Lektüre vieler dieser »Chroniken«, ist nichts anderes als die ästhetische Organisation der bedrängenden Bilder & Szenen, Gerüche & Worte, die durch eine Vielzahl von Epiphanien (oder proustsche »Madeleines«) aus den abgelagerten Erinnerungsflözen im gespeicherten Gedächtnis des Autors unwillentlich zurück in die Gegenwart gerufen und freigesetzt werden; denn so intensiv leuchten Lobo Antunes´ Erzählungen aus Kindheit und Jugend – und vor allem aus dem ihn traumatisierenden Krieg in Angola – einem oft hier entgegen, als wären sie in der Niederschrift dem erlebten Augenblick wie eine Blaupause abgenommen.

Daneben stehen zarteste Miniaturen ehelichen Alltags (»Wir beide hier hören dem Regen zu«) oder herzbewegende Abschiede: von seiner ersten Frau (»Geh noch nicht in diese dunkle Nacht«) oder von gestorbenen Freunden wie z. B. José Cardoso Pires, dem ihm nächsten & liebsten – wobei das Wunder dieser Freundschaft auch darin bestand, dass Cardoso Pires ein grandioser Whisky-Trinker war, sein Freund António aber Mineralwasser favorisiert – eine Pointe, die der Nachrufer so vieler gemeinsamer Bar-Abende aber verschweigt. Was für eine grandiose Freundschaft!

Hier, in diesen zwei Bänden von »Chroniken« liegt ein Trost- & Schmerzbuch, ein »Stundenbuch« der Liebe und des Todes, des virtuosen Scherzes und des wehmütigen Ernstes, also eine facettenreiche Sammlung von sprachlich & erzählerisch durchkomponierten »Fados« in poetischer Prosa vor, die so unverwechselbar melancholisch und zärtlich ist, wie sie, zumindest in der europäischen Literatur, die bei Lobo Antunes sehr verschwiegen und doch unverkennbar an das mediterran-orientalische Erzählen erinnert, nur von einem Portugiesen geschrieben werden konnte: ebenso radikal wie diskret intim.

Wer ein literarisches Geschenk sucht für einen Menschen, den er liebt, von dem er wünscht, geliebt zu werden oder von dem er Abschied nimmt und dennoch wünscht, von ihm erinnert zu werden: der könnte/müsste/sollte in den beiden »Chroniken« von António Lobo Antunes das richtige, nachhaltige Zeichen seiner Aufmerksamkeit, Zuneigung, Trauer und Freude finden. Allerdings nur dann sind einem solchen Leser diese Taschenbücher adäquat, wenn er sie zwiefach erwirbt: für sich selbst und für den/die Beschenkte(n). Denn ich wette: wer eines auf diese Empfehlung hin zum Verschenken kaufte, gäbe es nicht mehr aus der Hand, wenn er sich erst einmal lesend darin verloren hätte.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Titelangaben
Antònio Lobo Antunes: Zweites Buch der Chroniken
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann
München: Luchterhand-Literaturverlag 2007
319 Seiten, 10 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf der Flucht

Nächster Artikel

Das schwimmende Literaturhaus

Weitere Artikel der Kategorie »Prosa«

Waldbrände Buschfeuer

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Waldbrände Buschfeuer Die Buschfeuer in New South Wales sind mittlerweile keine Neuigkeit, ihr Sensationswert hat sich abgenutzt, der Qualm breitet sich über Sydney aus, auch das nichts Neues, während die regionalen Sender ununterbrochen ihre dramatischen Bilder verbreiten, du siehst gewaltig aufflackernde Feuersbrünste, wogende Flammenmeere, eben doch nie dagewesene Szenen, sie bilden das Feuer ab, wie auch das Leid nur in Bildern per Video mitgeteilt werden kann.

Faustrecht

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Faustrecht

Farb trug eine Schale mit Pflaumenschnitten auf, er hatte ein Blech gebacken, sie waren noch warm.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Verteilungskämpfe, sagte Tilman, wir erleben Verteilungskämpfe, der Planet ist abgewirtschaftet, seine Ressourcen sind erschöpft, die Situation ist dramatisch.

Farb tat sich vom Kuchen auf, nahm von der Sahne, strich sie sorgfältig glatt und sah mißmutig zu, wie sie sogleich an den Rändern zerfloß.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Tempo

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tempo

Ob sie nicht längst auf verlorenem Posten stünden, fragte Wette.

Wie er das meine, fragte Farb.

Sie hätten den Anschluß verpaßt, sagte Wette.

Er verstehe nicht, sagte Farb.

Die Dinge liefen an ihnen vorbei, sagte Wette.

Welche Dinge, fragte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Farb strich die Sahne langsam und sorgfältig glatt.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Wasser

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wasser

Ernsthaft, sagte Tilman, die Ressourcen des Planeten wollen schonend behandelt werden.

Farb blickte auf.

Sie würden knapp, sagte er.

Im Brandenburgischen tobe ein Konflikt um die Nutzung des Grundwassers, das von einem PKW-Hersteller ausgebeutet werde, die dort lebenden Menschen fürchteten extreme Konsequenzen, Wasser sei ein kostbares Gut.

Zurecht, sagte Farb, die natürlichen Vorräte würden über alle Maßen beansprucht, von schonendem Umgang könne keine Rede sein, das Desaster sei unausweichlich, weltweit, sagte er: in Spanien breite sich Steppe aus, in den USA schrumpften die Stauseen, Australien fahre Jahr für Jahr geringere Ernten ein, die Hälfte der Weltbevölkerung sei heute schlechter mit Wasser versorgt als die Bewohner des antiken Rom.

Am Toten Meer

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Am Toten Meer

Gramner hatte noch nie vom Toten Meer gehört, was sollte das sein.

Ein Salzmeer? Ach was, rief er, jedes Meer sei ein Salzmeer, und sofern keine Wale zu harpunieren seien, gäbe es gar keinen Grund, dort auf Fang auszufahren.

Ein Binnenmeer auf der anderen Seite der Erdkugel, schmaler als die Sea of Cortez und bei weitem nicht so lang?

Um nichts in der Welt würde er sich dort aufhalten wollen, sagte Gramner, zumal auf dem Toten Meer, wie es hieß, keine Schiffe verkehrten, also bitte, die Geschichte vom Walfang sei auserzählt, Punkt, Schluß.