Stets eine blutige Antwort parat

Digitales | Games: Bayonetta

›Bayonetta‹ ist überwältigend, »eine atemberaubende Farbenexplosion, eine Netzhaut transzendierende Erfahrung« – und … ein recht banales Videospiel. RUDOLF INDERST über den »teuersten Softporno der Welt«.

BayonettaDas Spiel eine Ansammlung kinetisch-durchstilisierter Momente zu nennen, ist eine Möglichkeit, aber keine Option. Denn ›Bayonetta‹ widersetzt sich der bloßen Beschreibung. Es widerspricht der Annäherung durch Standbilder. Es will in Bewegung erlebt werden – wäre es jedoch ein Fahrzeug, gäbe es die Gänge 1 bis 4 nicht! Es ist kraftvoll, und es möchte Spielerinnen und Spieler um jeden Preis mitreißen. Was die Dynamik betrifft, kann momentan kein anderer Titel ›Bayonetta‹ das Wasser reichen. Geradezu müde und erschöpft wirken all die anderen Protagonisten zeitgenössischer Spiele gegen diesen …

… Hexentanz?

Wie viele andere japanische Unternehmen, die sich der Herstellung von digitalen Spielen widmen und entsprechend nach Stoffen für eine Hintergrundgeschichte suchen, die ihr Produkt in eine Rahmenhandlung kontextualisieren könnten, findet auch das Traditionshaus Capcom Gefallen am europäischen Mittelalter. In dieser Hinsicht lassen sich interessant-abstruse Vorstellungen japanischer Programmierer über die »finstere Epoche« Europas ableiten. Geht man nun noch einen Schritt weiter in diesen Überlegungen voller Mentalitätsgeschichte, schwirrt es schnell im Kopf: US-Amerikaner sehen das Mittelalter durch japanische Coderaugen? Eine doppelte Brechung, die durch die surreale Daueraction des Titels widergespiegelt und zementiert werden.

Bayonetta atmet Action

»Worum geht es denn nun eigentlich?«, mag der besorgte Narratologe fragen und sich nicht mit der Antwort „Knöpfe drücken und staunen!“ zufriedengeben. Glaubt man der offiziellen Produktbeschreibung, geht es um nicht weniger als das Große und das Ganze: den Weltuntergang. Die Protagonistin Bayonetta ist die letzte Überlebende eines Hexenclans aus alter Zeit, welcher einst das Gleichgewicht zwischen Licht, Dunkelheit und Chaos garantierte. 500 Jahre lang lag Bayonetta zu ihrem eigenen Schutz – und dem der ganzen Welt, wie wir sie kennen – begraben. Ihre Befreiung und Wiederbelebung lösen eine Ereigniskette aus, deren Auswirkungen möglicherweise katastrophal sind. Ohne etwas über ihre Vergangenheit zu wissen, muss Bayonetta zugleich um die Zukunft kämpfen und der Wahrheit auf die Spur kommen.

Die einfachste Lesart ist jedoch die des teuersten Softpornos der Welt. ›Bayonetta‹ ist eine Zusammenfassung gängiger Pornophantasien: Sie ist die strenge Lehrerin, die züchtige Bibliothekarin, die stramme Reitdozentin – sie hat gefühlte Beine bis zum Hals, Brüste, die kein Chirurg der Welt besser formen könnte, und Kampfbewegungen! Ergebnis: Sarah Palin. Und dann auch noch eine Sarah Palin, die andauernd an einem Lollipop lutscht. Übertroffen wird diese erotische Aufladung nur noch von der Beziehung zu einer anderen, blonden Hexe, die Bayonetta als einzig gleichberechtigte Partnerin betrachtet.

Da darf der Teufel ruhig weinen …

Durch die überspitzte Zeichnung der Protagonistin alternieren Deutungsversuche zwischen sexueller Opferrolle auf der einen und »female empowerment« auf der anderen Seite. Sie be- und entschleunigt im Sekundentakt, Charaktere tauchen auf, bekämpfen sich, verschwinden, nur um wenig später wieder aufzutauchen. Sie werden begleitet von einem Gegnerdesign, welches auf erstaunliche Weise christliche und babylonische Ikonographie vereint: Die Engel des Herrn sind eine innige Liebesbeziehung mit Gilgamesch und seinem Gefolge auf den Zeichentischen Capcoms eingegangen.

Die Gegnerschar mag zwar im Sekundentakt an Größe und Absurdität gewinnen, doch Bayonetta hat stets eine blutige Antwort parat. Schon ihre Standardangriffe zeigen reichlich Wirkung, doch erst die Folterangriffe sorgen für USK-Wirbel vom Feinsten. Egal ob Kettensäge oder Eiserne Jungfrau – Blut ist’s, wenn’s den anderen wehtut. Und obwohl die Spielinhalte in ihrer unbedingten Sensationalität, ihrer Wucht, ihrem Drängen nach Größe an die Ursprünge des Kinos als Jahrmarktssensation erinnern, kann ›Bayonetta‹ doch mächtig aus dem Fundus des Crossmedialen schöpfen: Zahllose Querverweise auf ältere Segaspiele fanden Eingang – so etwa ›Out Run‹, ›After Burner‹, ›Sonic‹ oder ›Space Harrier‹ und werden so bei älteren Semestern romantisch-verklärte Blicke evozieren.

Bayonetta war in wertungstechnischer Hinsicht eine Überraschung. Zuerst zückte das japanische Traditionsblatt Famitsu 40 von 40, dann folgten die britischen EDGE-Kollegen mit 10 von 10. Offensichtlich brachen dann die Wertungsdämme – eine Metascore von 91 Punkten ist abseits einer Diskussion um Sinn- und Sinnlosigkeit einer quantitativer Einordnung von Spielen ein nicht alltägliches Phänomen. Dabei lobt die Fachpresse zu Recht die einfache Zugänglichkeit des Spiels und das richtige, gut getimte Setzen von Belohnungen. Auch die Grafikpracht wird – neben dem Charakterdesign – immer wieder ins Zentrum der Besprechungen gerückt. Sie wirkt bei aller segatypischen Arcadehaftigkeit tatsächlich gestochen scharf und schmeichelt dem Auge des Betrachters zu jeder Zeit.

Kinetisch, linear, lasziv

| RUDOLF INDERST

Titelangaben
Bayonetta
Publisher: Sega
Entwickler: PlatinumGames
Genre: Action, Spieler: 1, USK: 18
Veröffentlichungsdatum: 05.01.2010

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Monolog einer Sprachlosen

Nächster Artikel

Ambivalente Ideologiekritik

Weitere Artikel der Kategorie »Digitale Spiele«

Die eierlegende Wollmilchsau des digitalen Kriegsspiels

Digitales | Games: Battlefield 3 Mit dem dritten Teil der ›Battlefield‹-Reihe versprach der Entwickler EA DICE die Rückkehr zu den Wurzeln der Reihe: Einer Balance aus Spiel und Simulation, die der Reihe seit 2002 eine treue Gefolgschaft – und viele Klone – eingebracht haben. PETER KLEMENT ist im neuesten Spross der Battlefield-Familie geflogen, gefahren und ziemlich oft gesprengt worden.

Fly me to the moon

Digitales | Games: Anno 2205 Wir schreiben das Jahr 2205. Durch das Schmelzen der Polkappen wurden bereits große Landmassen von Wasser überschwemmt. Übrig geblieben ist eine gespaltene Gesellschaft, die auf den letzten Inseln verzweifelt versucht, die alten, guten Zeiten der Menschheit wieder aufleben zu lassen. Dieses Szenario macht sich Blue Bytes neueste Version der ›Anno‹-Reihe zu eigen, um uns erneut als Boss eines aufsteigenden Globalkonzerns zu testen. In der Chefposition: DANIEL MEYER.

Vom Darmwinde verweht

Digitales | Games: South Park 2: Die rektakuläre Zerreißprobe Manche Helden werden mit einer speziellen Gabe geboren, manche erhalten sie im Laufe ihres Lebens – und manche denken sie sich einfach aus. ›South Park 2‹ stellt sich in der Tat als spektakuläre Zerreißprobe dar. Von DANIEL MEYER.

Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf

Digitales | Games: Red Dead Redemption 2 »Buuuh, eine langweilige Fortsetzung!«, mag der geneigte Leser denken, wenn eine fortlaufende Ziffer einen Spieletitel wie ›Red Dead Redemption‹ ziert. Dass aber das neueste Werk der Rockstar Studios das Duell bei Mittag mit niemandem scheuen muss, beobachtet FLORIAN RUSTEBERG bei seinem Streifzug durch den Wilden Westen. 

Make Pokémon great again!

Digitales | Games: Pokémon Sonne und Mond Da schwingt sie wieder, die alte Nostalgiekeule. Nun sind es bereits 20 Jahre, in denen sich kampfeslustige Taschenmonster auf unseren Bildschirmen tummeln. Pünktlich zum Jubiläum brachte die Entwicklerfirma Game Freak die Editionen ›Pokémon Sonne‹ und ›Mond‹ für den Nintendo 3DS auf den Markt, die einen kleinen Wendepunkt in der Geschichte des Handheld-Urgesteins markieren. Uns erwartet eine faszinierend neue, tropische Welt, die es wahrlich zu erkunden lohnt. DANIEL MEYER fängt sie alle.