Monolog einer Sprachlosen

Roman | Emmanuelle Pagano: Die Haarschublade

Als sie mit fünfzehn Jahren Pierre, ihr erstes Kind, bekommt, muss sie von der Schule abgehen. Ohnehin hatten sie der Unterricht und die Bücher angeödet, denn sie wollte doch später nur eines: Friseurin werden. Als sie aber mit knapp achtzehn Jahren Titouan, ihren zweiten Sohn, in einer Neujahrsnacht zur Welt bringt, zieht die junge alleinstehende Mutter in eine winzige Bleibe im fünften Stück eines Hauses im »Zigeunerviertel« ihres mittelalterlichen Geburtsorts in Südfrankreich, durch dessen enge Gassen Touristen stolpern. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Emmanuelle Pagano - Die Haarschublade - 9783803132246Als sie zwanzig Jahre alt ist, hebt Emmanuelle Paganos schmaler Roman ›Die Haarschublade‹ zu erzählen an: vom prekären Alltag der einsamen jungen Mutter, die als Aushilfsfriseuse arbeitet, aus einer örtlichen Polizistenfamilie stammt, und deren Mutter sich vornehmlich um Pierre gekümmert hat, nun aber den schwer gewordenen Fünfjährigen in ein Heim geben will.

Denn Pierre, zu spät durch Kaiserschnitt in die Welt gekommen, ist ein sabbernder autistischer Idiot, den seine Mutter dennoch genauso liebt wie den quirligen Titouan – und den sie sich nicht wegnehmen lassen will. Pierre ist zwar ein schönes Kind, aber es hört und sieht und bewegt sich nicht, wimmert nur, wenn es nicht stumm ist. »Pierre ist ein Toter, der nicht tot ist. Ich frage mich, was leben heißt, wenn man so ist wie er«, äußert seine Mutter einmal im Verlauf ihres facettenreichen inneren Monologs, in dem sie ihre Lebens- & Liebesumstände, ihre Wünsche und Obsessionen, ihre Herkunft und ihre Zukunft als Sozialhilfeempfängerin vor uns skizziert.

Das Buch besteht aus einer Schnittfolge kurzer sprachlicher Schraffuren. Sie sind teils erinnernden, teils gegenwärtigen Charakters, wobei die Erzähltempi so abrupt wechseln wie die Emotionen und Gedanken der ebenso selbstbezogenen wie zeitweise verwilderten jungen Solipsistin in der grauen Tristesse der südfranzösischen Provinz. Sie hat eine Obsession: Haare – die ihrer Kinder oder ihrer vorübergehenden Liebhaber oder die der Kundschaft im Frisiersalon. Eine eigene Haarsträhne wird ihr zum Fetisch, den sie in der Nachttischschublade versteckt.

Die vierzigjährige Emmanuelle Pagano, die eben den neu geschaffenen ›Europäischen Literaturpreis‹ für ihre bislang fünf Romane erhalten hat, lebt selbst in Südfrankreich und ist Mutter von drei Kindern. Wollte sie einer Verwechslung des Romans mit ihren autobiografischen Erfahrungen entgegenwirken, indem sie das Buch ihrer »Nachbarin« widmete, »die es nicht mehr ist«? In einem hochtönigen Epilog bekundet sie ihre Bewunderung für deren Mut, Schweigsamkeit und Einsamkeit. Sie habe, erklärt Pagano schließlich, »diese Geschichte ohne jede Erlaubnis geschrieben – allein damit ich beim Überqueren des Hofs, bevor ich das Tor öffne, endlich – wenn auch verspätet – sagen kann, er ist schön, dein Sohn«.

Im Roman selbst hat sie das nicht gesagt, obwohl sie ihrerseits als »Nachbarin«, die aufs Gymnasium geht & ständig in Büchern liest, von der Erzählerin immer wieder wahrgenommen & erwähnt, aber nicht angesprochen wird. Wahrscheinlich will Emmanuelle Pagano durch diese nachbarliche Spiegelung ihre literarische Scham bekunden, mit der Haarschublade ein authentisches Leben in ihrer nächsten Nähe literarisch »ausgebeutet« zu haben. Dabei hat sie es doch – in ihrer schlüssigen sprachlichen und gedanklichen Anverwandlung – eher erhoben und erhaben gemacht.

Manchmal hat sie dabei die Rollenprosa eines simplen Herzens und Kopfes, deren Ton, Vokabular & emotionalen Haushalt sie doch so treffend beschwört, zugunsten poetischer Überhöhungen verlassen, wie z. B. in solchen Metaphern: »Ihr Lächeln sinkt unter den Tisch«; »ein kleiner Luftmond wandert durch meinen Bauch«; »der mit schmutzigen Gewässern durchtränkte September« oder »Augen, die hinter Wolken versteckt bleiben«. Da bürdet die disziplinierte Autorin der handfest-schlichten »Nachbarin« momentweise zu viel von ihrer eigenen Sprachmächtigkeit auf.

Aber Emmanuelle Paganos skrupulöse Poetik der Empathie bewahrt denn doch die menschliche Würde und den lakonischen Stolz ihrer Heldin; und sie schützt sie gegen einen literarischen Zugriff, der paternalistisch immer in Gefahr ist, bei der Hinwendung des Intellektuellen zu einem »gewöhnlichen Menschen« gönnerhaft sentimental zu werden. ›Die Haarschublade‹ von Emmanuelle Pagano ist ein unsentimentaler Bericht aus dem Lebensinneren der Sprachlosigkeit.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Titelangaben
Emmanuelle Pagano: Die Haarschublade
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2009
135 Seiten, 16,90 Euro

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