Hiob begegnet Ödipus oder Bucky macht sich zum Sündenbock

Roman | Philip Roth: Nemesis

Philip Roths »Pest« heißt »Nemesis«; so der Titel des jüngsten Romans einer Tetralogie von kürzeren Spätwerken des einst von dem heute 77-jährigen amerikanischen Erzähler Philip Roth umfänglicher ausgeführten epischen Genres, ist (laut Duden) der Name einer griechischen Göttin der »ausgleichenden, vergeltenden, strafenden Gerechtigkeit«. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Philip Roth - NemesisDer althellenische Begriff zielt auf ein Faktum, das die antike Tragödie als Form der »ethisch-ästhetischen Rechtfertigung des Lebens« konstituiert und menschlichen (Wunsch-) Vorstellungen von Gerechtigkeit widerspricht: Denn Nemesis bezeichnet eine verborgene Macht, die scheinbar blind aus dem Dunkel des gelebten Lebens in dieses eintritt und dessen Glück grundlos zum Unglück mutieren lässt. Sie lässt den Unschuldigen schuldig erscheinen, wo nicht gar werden – und kehrt in der nachchristlichen Moderne als »das Absurde« bei Albert Camus wieder zurück.

Dahingestellt sei, ob Philip Roth von einer erneuten Lektüre der Camus’schen ›Pest‹ zu seinem jüngsten Roman angeregt worden ist. War für Camus die Pestepidemie der Prüfstein für eine areligiöse Ethik der pragmatischen menschlichen Solidarität & Hilfsbereitschaft, so richtet Roth – der die massenhysterischen Folgen einer Polioepidemie eher nebenbei streift – den Fokus seiner erzählerischen Reflexion auf das Schicksal einer rigorosen individuellen Verantwortungsethik, die von der Nemesis zweifach in die Bredouille gebracht wird.

Wieder – wie in ›Verschwörung gegen Amerika‹ (2005) – ist der große amerikanische Erzähler für die Dauer der 218 von Dirk van Gunsteren übersetzten Seiten seines fulminanten Romans in die Vergangenheit seiner Geburtsstadt Newark zurückgekehrt, genauer in dessen jüdisches Viertel Weequahic im Sommer 1944, wo der elternlos bei seinen Großeltern aufgewachsene 23jährige Sportlehrer »Bucky« Cantor in der höllischen Hitze die auf dem städtischen Sportplatz spielenden Jugendlichen als städtischer Angestellter beaufsichtigt.

Die Reicheren, zu denen Bucky (der mit seiner verwitweten Großmutter immer noch zusammenlebt) gewiss nicht gehört, haben ihre Kinder ans Meer oder ins Sommercamp »Indian Hill« in den 100 km entfernten Bergen geschickt, wo neben ihren jüngeren Geschwistern als Schülerinnen auch die Lehrerin Marcia Steinberg arbeitet, Buckys innigst Geliebte aus reichem Newarker Arzthaushalt.

Ein sportiver jüdischer Everyman

Der junge Mann – ein begeisterter Speerwerfer & Turmspringer – ist bei den Steinbergs wohlgelitten, aber wegen seiner geringen Körpergröße und extremen Kurzsichtigkeit nicht – wie seine besten Freunde – eingezogen worden, obwohl er sich freiwillig zum derzeit noch tobenden Zweifrontenkrieg der USA gegen Nazideutschland & Japan gemeldet hatte. Es war für den sportiven Bucky eine demütigende Erfahrung der Zurücksetzung gewesen, die ihn auch scheelen Blicken im heimischen Alltag aussetzte.

Philip Roth hat sich hier einen hochsympathischen jüdischen Everyman gewählt, der von seinem stolzen, aus Osteuropa eingewanderten Großvater die Ideale der Wahrhaftigkeit & Stärke, des Mutes und der Opferbereitschaft anerzogen bekommen hatte – und deshalb auch keinen Augenblick zögert, sich ganz allein einer Gruppe von bösartigen italienischen Jugendlichen entgegenzustellen, die in Überzahl zum Sportplatz im jüdischen Viertel gekommen waren, um (wie sie mit provozierender Lakonie sagten) »die Kinderlähmung zu verbreiten. Wir haben sie und ihr nicht, also sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir sie verbreiten müssen«.

Bucky behält einen kühlen Kopf & kann die Provokateure in die Flucht schlagen – was ihm (ohnehin eine Seele von Mensch) höchste Bewunderung bei den ihm anvertrauten Jungens einbringt. Er ist ein enthusiastischer Sportpädagoge ohne Fehl & Tadel, der umso mehr darunter leidet, dass er – der sich nun ersatzweise im »Krieg an der Heimatfront« gegen den tückischen Feind der alljährlich im Sommer virulenten Kinderlähmung sieht – mit bitteren Niederlagen konfrontiert ist, weil die damals ebenso ungreif- & unangreifbare Polio, an deren Folgen zur gleichen Zeit auch der amerikanische Präsident Roosevelt litt, Bucky Cantors Lieblingsschüler Alan Michaels tötet.

War es in Albert Camus‘ ›Der Fremde‹ das Glitzern der Sonne in der Hitze des Strandes, die Meursault zum Mörder werden ließ, so sind es eine kumulierte Zahl von »zufälligen« Momenten, die Bucky Cantor auf Marcias telefonisches Flehen plötzlich eingehen lässt, die gerade im Feriencamp durch einen Eingezogenen frei gewordene Stelle des Sportlehrers anzunehmen. Mit dem schlechten Gewissen eines Deserteurs, dem sein irischer Vorgesetzter Vorhaltungen macht, die ihm Schutzbefohlenen verlassen zu wollen, aber mit der Zustimmung seiner besorgten Großmutter, setzt sich Bucky ab – ins vergleichsweise himmlische Paradies des 100 km in den waldigen Bergen gelegenen Feriencamps »Indian Hill«.

Auf einer Insel im See genießen dort Bucky & Marcia, nackt wie Adam & Eva, ihr rousseauistisches Liebes-Glück. Und der Gründer des Camps inszeniert einmal wöchentlich einen nächtlichen indianisch-schamanistischen Mummenschanz, dessen religiöse Bedeutungen, rituelle Beschwörungen & archaistische Ideologien sich Philip Roth bei Mircea Eliade wie auch bei anderen Autoren, die er in seiner Danksagung erwähnt, angeeignet hat. Unnötig, zu sagen, dass sich Roth über diese Spinnerei eines Juden, der Indianer sein will, lustig macht.

Der Unglücksrabe im Indianer-Paradies

Eine Woche später erkrankt Donald, Buckys eng vertrauter Lieblingsschüler, an Polio & als Bucky, der sich für den Schuldigen hält, der die Epidemie aus der Hölle ins Paradies eingeschleppt hatte, sich im Krankenhaus untersuchen lässt, wird sein Verdacht bestätigt & er unter Quarantäne gesetzt. Kurz darauf bricht auch bei ihm die rätselhafte Krankheit aus, die – wie der Soldatentod seines besten Freunds in Frankreich – unvorhersehbar und »zufällig« zuschlägt.

Bucky Cantor war von Kind auf im Unglück. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, sein Vater saß wegen einer Unterschlagung im Gefängnis. Von seinem handfesten Großvater war die Waise als idealistischer Humanist so erzogen worden, dass für Bucky »nicht die Religion eine Pflicht, sondern die Pflicht eine Religion war«. Philip Roth hat sich mit dem »weitgehend humorlosen« Bucky einen kleinwüchsigen »Hiob« erschaffen, der auf seine bescheidene Art mit Gott hadert, dem er zuletzt nachsagt, er sei die »Vereinigung eines perversen Arschlochs mit einem bösartigen Genie«.

Für diese gnostische Einschätzung hat der um seine körperliche Kraft gebrachte Sportler, der als Krüppel fortexistiert, auch deshalb allen Grund, weil ihm sein literarischer Schöpfer auch noch das Schicksal von Ödipus angedichtet hat – indem er Bucky unwissentlich die Kinderlähmung nach »Indian Hill« einschleppen lässt.

Wie schon in manchem seiner früheren Altersromane erlaubt sich auch hier der gewitzte Autor einen erzählerischen Spaß. Nach rund einem Drittel des Romans gibt sich für einen Moment & quasi ganz nebenbei dessen Erzähler zu erkennen, der bis dahin und auch danach immer wieder von »uns« und von »Bucky« & »Marcia« gesprochen hatte: »Drei weitere Jungen waren an Kinderlähmung erkrankt: Leo Feinswog, Paul Lippmann und ich, Arnie Mesnikoff.«

Das plötzliche »ich« ist nicht kursiviert, man kann leicht darüber hinweglesen; nicht mehr aber dann 20 Seiten vor dem Ende des Romans, im 3. Kapitel (Wiedersehen), wenn den nun respektvoll »Mr. Cantor« genannte Bucky – nach einem heftigen Polioanfall & langen Krankenhausaufenthalten & Rehabilitationen – als Behinderter eine Bürostelle im Hauptpostamt erhielt.

»Wir«, meldet sich nun Arnie Mesnikoff plötzlich wieder, »begegneten uns 1971 und ich erkannte ihn«, also 27 Jahre nach den bislang geschilderten Ereignissen. Und die Leser erfahren nun erst einmal, wie Arnie mit seiner Polioerkrankung umgegangen ist: Er hat studiert, ist Architekt geworden, der mit einem gleichfalls poliogeschädigten Ingenieur eine Firma gegründet hat, die sich darauf spezialisierte, Wohnungen & Häuser behindertengerecht umzubauen. Ein glücklich verheirateter Vater von zwei Kindern & erfolgreicher Selfmademan, der gewissermaßen die eigene körperliche Demütigungserfahrung zu seiner beruflichen Lebensgrundlage gemacht hat.

Selbstbestrafung als Ehrenpflicht

Jedoch Mr. Cantor, der einmal Bucky hieß und der unvergleichliche Turmspringer & Speerwerfer & der »Gute Mensch von Newark« war: – Bucky Cantor »war nicht nur durch die Polio verkrüppelt, sondern auch demoralisiert durch jahrelange Scham«. Auf den wöchentlichen Mittagsgesprächen, die der einstige Schüler Arnie nun mit seinem fünfzigjährigen, ehemaligen bewunderten Sportlehrer führt, erfährt er das ganze Ausmaß der »unauslöschlichen Niederlage«, die dem Älteren die Krankheit und nach ihr er sich selbst beigebracht hat.

Bucky hat sich der Liebe Marcias, die an ihm (wie auch ihre Familie) nach seiner Polio-Erkrankung festhielt, mit Zorn & Wut verweigert, weil er nicht wollte, dass sie sich für den Rest ihres Lebens an einen Krüppel binde. Denn er »konnte sich einen Rest seiner Ehre nur bewahren, indem er sich alles versagte, was er je hatte haben wollen«.

Es hat philosophische Gründe, dass Philip Roth uns zumutet, seinem schreibenden Architekten Arnie abzunehmen, er könne genauso fabulieren & formulieren, wie der bewundernswerte Autor es auch hier wieder souverän vorführt. Denn Roth wollte sich erzählerisch am Ende die Möglichkeit verschaffen, die tragische Dialektik des rigiden religiösen Idealismus & des damit einhergehenden Schuld-Gewissens, die er auf geradezu protestantische Weise in Bucky Cantor verkörpert hat, mit dem nüchternen atheistischen Pragmatismus‘ Arni Mesnikoffs zu konfrontieren.

Mesnikoff, der Erzähler von Philip Roths ›Nemesis‹, ist ein amerikanisch-jüdischer Nachfolger von Albert Camus´ Dr. Rieux im verpesteten nordafrikanischen Oran. Er zerbricht sich nicht den Kopf über Sinn & Zweck der Polioepidemie in Newark und Mr. Cantors Ödipus-Rolle darin. »Eine Epidemie bricht aus. Punktum«, sagt sich Arnie. Bucky aber sucht nach deren Gründen: »Warum? Warum? (Es muss eine Notwendigkeit geben für das, was geschieht. Die Tragödie muss in Schuld verwandelt werden.) Dass das Ganze sinnlos, zufällig, absurd und tragisch ist, stellt ihn nicht zufrieden. Er forscht verzweifelt nach einem tieferen Grund, dieser Märtyrer«, und er findet ihn »entweder bei Gott oder in sich selbst oder – mysteriös und mystisch – in der schrecklichen Vereinigung dieser beiden zu einem einzigen Zerstörer«, kommentiert Arni Mesnikoff Bucky Cantors lebenslängliche Selbstbestrafung.

Die »Sünde«, deren Opfer Bucky ist, besteht darin, dass er die Kontingenz, sprich: die Undurchdringlichkeit des Zufalls leugnet & ihm zwangs- bzw. gewissenhaft einen Sinn unterstellt, der ihn unvermeidlich zum Schuldigen verurteilt. »Niemand«, sinniert Archie über den verbitterten Bucky, »ist so unrettbar verloren wie ein gescheiter guter Junge«.

Atheismus als Heilmittel gegen jüdischen Protestantismus?

Philip Roth diskutiert auf dieser letzten Strecke seines jüngsten Romans, ob der existenzialistische Rigorismus, wonach der Mensch ebenso frei wie damit voll verantwortlich für sein Handeln sei, nicht doch wieder in einen repressiven Moralismus zurückfällt, wenn er nicht auch zugleich das atheistische Bewusstsein von der unlösbaren Tragik der menschlichen Existenz besitzt.

Heißt das, dass Philip Roth auf seine alten, um nicht zu sagen: »letzten Tage«, den ethischen Weg von »Jerusalem« nach »Athen« zurückbeschreitet? Weg also von einem mitleidenden Gewissen & einer niederdrückenden Verantwortungsethik und hin zu einem von »Übersteigerungen« abgerüsteten »Pflichtgefühl« und zur Akzeptanz einer durch nichts & niemand aufhebbaren Tragik der menschlichen Existenz?

Zumindest die Schlussapotheose des Buchs – die Beschwörung von Buckys physischer Sportlichkeit als Lehrer – sucht bewusst die Imago des antiken Athleten zu evozieren: »Wenn er, den Speer hoch erhoben, anlief, mit dem Wurfarme weit ausholte, ihn über die Schulter nach vorne riss und den Speer wie in einer Explosion losließ, erschien er uns unbesiegbar«.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Titelangaben
Philip Roth: Nemesis
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
München: Hanser Verlag 2011
219 Seiten, 21,90 Euro
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