Vollkommen unter Wert verkauft

Musik | Knochenfabrik: Grüne Haare 2.0

Punkrock-Kennern aus Deutschland sollten Bands wie Chefdenker, Casanovas schwule Seite und Knochenfabrik ein Begriff sein. Alle drei haben etwas gemeinsam: Sänger und Gitarrist Claus Lüer grölt sich stets die Seele aus dem Leib. Letztere der drei oben genannten Bands hat seit Sommerbeginn eine neue Single namens Grüne Haare 2.0 auf dem Markt und zeigt sich nach eigener Aussage auch auf diesem Tonträger, wie seit 1994, vollkommen innovationsresistent. Von JULIAN SCHRAVEN

Knochenfabrik - Grüne Haare 2.0Es gibt nur eine Möglichkeit diese Platte zu analysieren. Man kann leider nicht umher, die für Knochenfabrik typischen selbstironischen und harakirigleichen Aussagen aufzugreifen und gegen die Band zu verwenden. Was sagt sie nun also mehrere Jahre nach ihrer letzten Studioarbeit und zahlreichen Auflösungen so wie Reunions über sich selbst?

Von der Deutschpunk-Sackgasse ist die Rede. Außerdem wird vom Komasaufen und Party im Wendehammer geredet. Den Höhepunkt der Selbst-Über-Unterschätzung liefern Knochenfabrik aber in der Pressebeilage zur neuen Platte – allerdings mit dem großen Versprechen: 6 Lieder in 6 Minuten.

Knochenfabrik und leere Versprechungen

Dies ist eine Kampfansage zu einem harten Fight. Jedoch kann selbst KNOCHENFABRIK an dieser Stelle das Versprechen, eine öde, langweilige, typische und vor allem kurze Platte zu machen, nicht einhalten. Die CD, welche man übrigens beiliegend zur Vinyl erwerben kann, ist zwar klein, sogar so klein, dass sie in einen CD-Player passt, aber – zum Glück für den Hörer – ist sie nicht sechs Minuten kurz. Pi mal Daumen dürfte die Länge, bei rund 1½ Minuten pro Track, rund neun Minuten betragen. Ein riesiges Verkaufsargument für die Platte, denn was kann man nicht alles in neun Minuten machen? Viel. Folglich ist die CD eine Allzweckwaffe, die gerade zu fast jeder Aktivität einsetz- und hörbar ist.

Neun Minuten Glück!

Nun hat der treue Deutschpunkfan, der seit Auflösung der Band im Jahr 1998 (Wikipedia meint dies zu wissen), mehr als ein Jahrzent darauf gewartet, um nach einer Kompilation (2001) und einer Neuauflage von Ameisenstaat (2008), endlich ein neues Werk der Band in die Hände zu bekommen, und darf sich freuen, denn: sie hält, zumindest auditiv, was sie verspricht.

Die Platte macht glücklich. Ob Student der sozialen Arbeit mit bewegter Punkrockjugend oder Vater von Kindern mit Irokese. Wer Knochenfabrik jemals gehört hat, darf sich auf dieser Platte auf altbekannte und geliebte Töne freuen. Schnelle Schlagzeugrhythmen, halb schiefe Gitarrensoli und einen schreienden Claus Lüer, der am Anfang der CD mehr Puste hat, als am Ende.

Am Ende haben die drei Kölner eben doch recht, wenn sie behaupten, noch mal in die Deutschpunk-Sackgasse reinzufahren. Und wozu umdrehen, wenn man im Wendehammer feiern kann? Knochenfabrik packen noch mal sämtliche Klischees aus und knüppeln mit dem Deutschpunkhammer wild durch die Landschaft. Dabei versprechen Titel wie Besoffen auf dem Trödelmarkt, Eurovision Saufcontest oder Es fährt kein Zug nach Nirgendwo nicht zu viel und erfüllen alle Kriterien einer guten Deutschpunkplatte mit 10 Sternen, oder wie man laut Knochenfabrik wohl eher sagen sollte: Knochenfabrik – 12 Points.

Fazit

Schlussendlich ist Grüne Haare 2.0 eine ganz coole Sache und auf jeden Fall sein Geld wert, gerade wo man doch Vinyl und CD zusammen bekommt und auf der CD noch ein begehrter Bonustrack aus alten Tagen auf den Hörer wartet. Knochenfabrik bleiben Knochenfabrik und verkaufen sich gewohnt unter Wert – zumindest, wenn man sie schätzt.

| JULIAN SCHRAVEN

Titelangaben
Knochenfabrik: Grüne Haare 2.0
Label: Trillerfisch Records
Vertrieb: Cargo

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