/

Klangkunstwerk ›Im Raum‹

Musik | Streichquartett von Dieter Schnebel

Über hr2-Konzertsaal wird am 28.06.18 vom Hessischen Rundfunk ›Im Raum‹ gesendet, im Kontext von ›Stücke‹ (1954/55) und ›Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten‹ (2000-2007). Ein Stück von Dieter Schnebel (1930 – 2018), das bei der Musica Viva im Carl-Orff-Saal im Gasteig am 06.03.09 auch aufgeführt wurde. TINA KAROLINA STAUNER hörte das Konzert, beobachtete und notierte als Wortkunst einen freien Wort-Assoziationsraum zu Musik und Bühne.

Schnebel: Im Raum›Im Raum‹ (2005/06), das erste Streichquartett des sogenannten Alt-Avantgardisten Dieter Schnebel, hat einen Beginn, bei dem ein Streichquartett den ganzen Raum einnimmt. Zwei Musiker auf der Bühne, zwei im Hintergrund des Zuschauerbereichs. Serielles Material, den ganzen Carl-Orff-Saal auslotend und wie Freiraum zum entspannten Atmen schaffend. In einem Raum, der auch auf die mythische Unterwelt verweist, denn der Tetrachord vom Anfang von Strawinskys Orpheus-Ballett wird betont mit eingesetzt. Und nun wird Bewegung ins Stück gebracht.
Die zwei Streicher im Zuschauerraum gehen während sie spielen auf die Bühne zu, wo sich das Quartett formiert. Und dies, um ein choreografisches Spiel zu beginnen. Denn so wie Sätze unterschiedlicher musikalischer Spielweisen und Arten in der Komposition auftauchen, zeigen sich auch die Musiker wechselnd in mehr oder weniger geordneten Gruppierungen. Werden die Streichinstrumente dabei auch sequenzweise mit den Fingern wie Pecussion-Instrumente benutzt, so sind auch die Schritte der Musiker in militärischer Manier aufstampfend als Rhythmus mit eingesetzt.

Musikalisch sind da immer wieder Anfänge, von dem, was möglich ist, Anfänge aber auch, wie Zitate aus der Musikgeschichte. Kaum stellt man sich dabei auf einen Rhythmus oder eine Melodie ein, kommt ein Abbruch. Ständig wird etwas Neues begonnen, nur um immer wieder abgebrochen zu werden. Sowohl visuell als auch akustisch entsteht dabei eine seltsame Unruhe, inmitten darin manchmal drohender Leerraum. Es gibt nichts, worauf man sich in Ruhe einlassen könnte. Antonin Artaud schrieb einmal: »Alles muss haargenau in eine tobende Ordung gebracht werden.« (aus ›Schluss mit dem Gottesgericht‹) Im Carl-Orff-Saal ist es, als wolle Schnebel versuchen, völlige Unruhe, etwas grausam Beunruhigendes, bewusst durch ihn verursacht, gleichzeitig wieder zu strukturieren und somit zu ordnen und zu bändigen. Einem Dämon zu zeigen, wer Herr ist.

Dass Artaud dabei bei seiner Arbeit nicht nur bis an seine Grenzen ging, oder dazu gebracht wurde, darüber hinaus zu gehen und dabei zerstört wurde, wissen wir. Im Stück ›Im Raum‹ aber löst Schnebel eine in die Enge treibende und aufreibende, bedrohende psychologische Dynamik, die konträr zum Anfang zunehmend von weiten Teilen des Stücks ausgeht, aber wohlweislich spielerisch auf in absoluter Nähe zur derzeitigen Szene der freien Improvisation. Um schließlich für Augenblicke mit einer Melodie, mit der man an den Jazz der 50er Jahre erinnert wird, so etwas wie ein Geborgenheitsgefühl auftauchen zu lassen. Indizien dafür, dass Geborgenheit vielleicht nicht mehr als ein flüchtiges Gefühl ist, sind aber im ganzen Stück: Lyrische, romantische Melodiefragmente sind zwischen Klopfen auf den Instrumentenkorpus, Schlägen mit dem Bogen in die Luft, dem schleifenden Kratzgeräusch des Chellostachels auf dem Boden, dem schmerzenden Ton, der beim entlangstreichen an Kanten entsteht, dem faschistischen Aufstampfen von Schuhsohlen wie Momente, die auf eine Vergangenheit verweisen, die eine zum Untergehen verdammte Welt ist, aber dabei beharrlich präsent ist.

Wobei man sich die Frage stellen kann, ob das Falsche, das Verlogene nun die biedere Idylle oder die zügellose Freiheit ist. Genau nachlesen kann man im Programmheft, wie Anfang, Scherzo, Adagio, Finale und Coda aufgebaut sind. Bis ins Detail beschrieben ist, was musikalisch und szenisch aufgeführt wird. Doch das wirkliche Spannende entsteht beim Sicheinlassen auf die Freiheit des Assoziationsspielraums, der wie ein Obertonklang über dem Ganzen wie ein weiterer Raum wahrnehmbare Option ist und nicht festgeschrieben steht. Und da ist im Programmheft auch immer wieder von dem unsichtbaren Fünften die Rede, der zu Anfang des Stückes auch als Schattengestalt mit auftaucht. Den ich aber nicht bemerkte. Ein Doppelgänger? Beobachter? Besucher aus der Unterwelt? Geist aus höherem Übersinnlichen? Vielleicht erinnert er daran: Es war einmal fast einfach jenseits von Gut und Böse. Zwei der Musiker ziehen sich zum Schluss dann wieder spielend in den Zuschauerraum zurück. Doch der entspannte Klangraum des Anfangs, dem man trauen wollte, entsteht nicht noch einmal.

Man muss nicht unbedingt bahnbrechend Neues einsetzen, um den harten Puls der Zeit zu treffen. Man muss nur genau wissen, was man tut und was andere tun um Relevantes widerzuspiegeln, wie Schnebel.

Vom Ensemble Quatuor Diotima gibt es unter Mitwirkung von Katarina Rasinski, Michael Hirsch, Naaman Sluchin, Yun-Peng Zhao, Franck Chevalier, Pierre Morlet eine CD mit den Stücken:
Streichquartett ›Im Raum‹ (2005/2006)
Stücke (1954/1955) 02:27 für Streichinstrumente (Streichquartett)
Streichquartett mit Stimmen ›Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten‹ (2000–2007)

| TINA KAROLINA STAUNER

Titelangaben
Dieter Schnebel: String Quartets
(Neos /Harmonia Mundi. 2010)

Reinschauen
| TINA KAROLINA STAUNER über Dieter Schnebel in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Sommerschattierungen

Nächster Artikel

Dankbar auf großer Bühne

Weitere Artikel der Kategorie »Live«

Eine kontrastreiche Eröffnung

Musik | Katarakt – Festival für experimentelle Musik, 15.-18. Januar Einen Eindruck vom ersten Tag des Festivals? Der Besuch ist ein Gewinn; man muss auf Kontraste vorbereitet sein. Im Mittelpunkt standen, wie bereits erwähnt, Kompositionen Phill Niblocks, der in der New Yorker Musikszene eine zentrale Figur ist. Gut, solche Formulierung gehört zur üblichen Ankündigungsrhetorik. Von WOLF SENFF

Im Westen geht die Sonne unter

Bühne | Theater: Michel Houellebecq: Unterwerfung. Im Deutschen SchauSpielHaus Hamburg Was passiert, wenn alle sozialen Verbindungen zerfallen? Edgar Selge schafft in einem über zweistündigen Monolog die meisterhafte Entführung seines Publikums in die Schreckenswelt von Houellebecqs ›Unterwerfung‹. Provozierend, anregend und amüsierend. Von MONA KAMPE

Fantasy-Metal-Abenteuer der Extraklasse

Bühne | Symphonic Metal: Avantasia Avantasias neues Album ›Moonglow‹ kam Mitte Februar raus und stieg in den deutschen Albumcharts sofort auf Platz 1 ein. Damit machen sie den seit 1989 existierenden ›Oomph!‹ und den 2004 gegründeten ›Powerwolf‹ gewaltige Konkurrenz. Das Metal-Oper-Projekt von Gründer Tobias Sammet dürfte eines der größten Unterfangen sein, das in der Metalmusikwelt verwirklicht wurde. ANNA NOAH will wissen, ob der Liveauftritt von Avantasia so erstklassig ist, wie im Promotrailer behauptet wird.

Kein Gold, das glänzt

Bühne | ›Robin Hood‹ auf der Horner Rennbahn

Der Kultursommer in Hamburg hat begonnen. Das ›Zimmer‹ verwandelt das Zuhause des Derbys in das Königreich der Diebe. Ein Statement der lädierten Kulturszene und ein Hoffnungsschimmer. Von MONA KAMPE

Im Varieté durch Afrika

Live | André Hellers Show ›Afrika! Afrika!‹ in Berlin

Am 23. Januar 2018 feierte die Neuinszenierung von André Hellers ›AFRIKA! AFRIKA!‹ eine umjubelte Premiere im ›Stage Theater Potsdamer Platz‹ in Berlin. Opulente Highlights, wie ein lebensgroß nachgebildeter Elefant beeindruckende Artisten sowie aufwendige Bühnentechnik erwarten die Zuschauer. Beim Auftakt zur Tournee bekamen die Akteure 15 Minuten Standing Ovations. ANNA NOAH hat eine künstlerisch äußerst anspruchsvolle Feel-Good-Show für Groß und Klein gesehen.