/

Tango, Elche, Erbsensuppe


Kulturbuch | Schmitz: Die spinnen, die Finnen / Schatz: Gebrauchsanweisung für Finnland

Am heutigen Freitagabend feiern die Finnen Juhannus (Johannis / Mittsommer) und in fünf Wochen beginnt dort schon der Herbst. Höchste Zeit also, ein Sommerhäuschen im Land der tausend Seen zu buchen und Reiselektüre einzupacken. Ob Die spinnen, die Finnen von Dieter Hermann Schmitz oder Gebrauchsanweisung für Finnland von Roman Schatz gute Begleiter sind, wollte JOHANNES BROERMANN wissen.

An der nordeuropäischen Peripherie gelegen, scheint Finnland fern und ist doch sehr nah. Schon seit Jahrhunderten betreiben finnische und deutsche Kaufleute intensiv Handel und fast hätte Finnland sogar einen Hessen zum König gekrönt. Nun sind zwei Bücher angetreten, uns die kulturellen Unterschiede zu vermitteln – und keines spart an gut gemeinten Ratschlägen.

Dieter Hermann Schmitz: Die spinnen, die FinnenGenaue Alltagsbeobachtungen

Dieter Hermann Schmitz verfasste mit Die Spinnen, die Finnen eine regelrechte Liebeserklärung an sein neues Heimatland. Er lässt einen ganzen Jahresreigen in und um die Stadt Tampere Revue passieren, währenddessen er beschließt, die finnische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Zusätzlich zu den amtlichen Vorgaben legt sich der gebürtige Rheinländer eigene Prüfungen seines Finnischseins als Hürde in den Weg und erklärt daran die kulturellen Besonderheiten eines ganzen Landes. So erzählt er heiter und lustig vom Tango-Tanzkurs, einer High-Tech-Elchjagd, einer Ostsee-Karaoke-Kreuzfahrt, der donnerstags obligatorischen Erbsensuppe und einem einsamen Freitagabend-Besäufnis. Auch viele Feiertage und ihre typisch finnischen Rituale werden erwähnt.

Trotz einem häufig mehr fiktionalen denn dokumentarischen Ton gelingen Schmitz dabei genaue Alltagsbeobachtungen. Nah an seiner Familie und entlang der eigenen Lebenswirklichkeit treten sowohl schweigsame Finnen wie auch verwunderte Ausländer auf. Als erklärendes Korrektiv fungiert hin und wieder seine finnische Frau. Die Spinnen, die Finnen liest sich unterhaltsam und lädt häufig zum Schmunzeln ein.

Roman Schatz: Gebrauchsanweisung für FinnlandFlache Witzchen

Sehr viel ernsthafter kommt Roman Schatz mit seiner Gebrauchsanweisung für Finnland daher. Reisebücher so zu nennen, ist sicher originell. Was Schatz liefert, ist aber eher eine Reisewarnung: in Finnland werde viel gesoffen und im Suff viel gemordet – und wer durchs Land reise, sei durch lebensbedrohliche Unfälle mit bis zu 800 kg schweren Elchen gefährdet. Wer hinter solchen Warnungen Ironie des Autors vermutet, liegt leider völlig falsch (wie sich Autofahrer beim plötzlichen Auftauchen eines Elches richtig verhalten, beschreibt jedoch nur Schmitz: beim Bremsen möglichst auf die Hinterläufe zielen).

Die eingestreuten Witzchen und Zitate kommen eher flach daher, die Gebrauchsanweisung soll witzig sein, ist es aber nicht. Eigene Anekdoten, die typisches Leben in Finnland illustrieren würden, fehlen fast gänzlich. Immerhin erwähnt Schatz nicht nur einmal, schon seit 1986 im Land zu leben und Arte hält ihn für den berühmtesten Deutschen in Finnland.

Finnische Schätze liegen woanders

Allerdings verfügt die Gebrauchsanweisung auch über interessant geschriebene Kapitel. Jene zur (deutsch-finnischen) Geschichte oder zur neueren Kulturgeschichte sind knappe, aber gut lesbare Zusammenfassungen. Angaben zu entsprechenden Reisezielen wiederum gibt es nicht. Nur ganz wenige Touristenziele werden kurz erwähnt. Auf der noch vor dem Vorwort abgedruckten Karte findet sich ein besonders markierter Ort: Gut Marlebäck. Dorthin war Bert Brecht einige Monate vor den Nazis geflohen – ob sich heute ein Besuch lohnt, lässt Schatz offen.

Einen echten Reiseführer zu den Schätzen der finnischen Natur und Kultur können beide nicht ersetzen, aber wer nach einer schnell lesbaren Einführung in die gesellschaftlichen Gepflogenheiten sucht, muss sich nur zwischen U- und E-Tonlagen entscheiden. Und bevor jemand zum Doppelpack greift: das finnische Lebensgefühl der jungen finnischen Republik in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vermittelt Kjell Westö wunderbar in Wo wir einst gingen, einen Einblick in die finnische Seele der Gegenwart bietet Johanna Sinisalo mit Troll. Als echte Sommerlektüre sei aber Fegefeuer von Sofia Oksanen empfohlen (spielt zwar in Estland, ist aber die mit Preisen überhäufte neueste Entdeckung der finnischen Literatur und wird sogar in der Gebrauchsanweisung für Finnland erwähnt).

| JOHANNES BROERMANN

Titelangaben
Dieter Hermann Schmitz: Die spinnen, die Finnen. Mein Leben im hohen Norden
Berlin: Ullstein 2011
368 Seiten. 8,95 Euro

Roman Schatz: Gebrauchsanweisung für Finnland
München: Piper 2010
224 Seiten. 14,95 Euro

Reinschauen
| Dieter Hermann Schmitz: Die spinnen, die Finnen – auf der Verlagshomepage
| Leseprobe – Dieter Hermann Schmitz: Die spinnen, die Finnen
| Roman Schatz: Gebrauchsanweisung für Finnland – auf der Verlagshomepage
| TITEL-Kulturmagazin zu Roman Schatz: Der König von Helsinki
| TITEL-Kulturmagazin zu Kjell Westö: Wo wir einst gingen
| TITEL-Kulturmagazin zu Johanna Sinisalo: Troll. Eine Liebesgeschichte
| Sofi Oksanen: Fegefeuer – auf der Verlagshomepage

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Neue Secession in neuem Licht

Nächster Artikel

Aus der Kindheit eines Machos

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Schmutzige Propaganda?

Gesellschaft | U. Gellermann, F. Klinkhammer, V. Bräutigam: Die Macht um acht Nein, Mainstream ist öffentlich kein Aufreger mehr. Nicht dass es ihn nicht mehr gäbe. Der Mainstream machte sich das Thema Mainstream zueigen, bis die Leute schon beinahe glaubten, er mache sich ernsthaft Gedanken, schmückte sich gar mit einem Anschein von Selbstkritik, und dann hat er’s fallenlassen. Schwuppdiwupp, Mainstream redet nun nicht länger über das Thema Mainstream, basta, und alles bleibt im alten Trott. Von WOLF SENFF

Mit dem Wohnwagen quer durch Deutschland

Kulturbuch | Unterwegs zuhause – Deutschland Die Zahlen derer, die mit ihrem Wohnmobil durch die Lande fahren, sie steigen und steigen. Camping, die Freiheit, ohne Termine, ohne Stress fahren zu können, wohin und wann man möchte, das ist beliebter denn je, nicht nur bei Senioren, zunehmend auch bei jungen Menschen. ›Mit dem Wohnmobil durchs Land‹ präsentiert eine Fülle an Tipps und Anregungen. BARBARA WEGMANN ist eine Runde mitgefahren

Küsse tauschen

Kulturbuch | Henry F. Urban: Die Entdeckung Berlins Für die einen ist Berlin das Letzte, ein charakterloses Gemisch, für andere ein freiheitlicher Magnet, eine Human-Werkstatt. Je nach Sympathie mal bloß Behauptstadt, mal Überhauptstadt. Wer meint, Berlin-Hype und Berlin-Bashing seien etwas Neues, wird von einem wiederentdeckten Berlin-Buch eines fröhlichen Besseren belehrt. Von PIEKE BIERMANN

Der erste moderne deutsche Schriftsteller

Sachbuch | Jan Philipp Reemtsma: Christoph Martin Wieland

Folgt man seinem Biografen Jan Philipp Reemtsma, dann hat er die deutsche Literatur mitbegründet und wie kaum ein Zweiter zur Schönheit ihrer Sprache beigetragen. Als Herzogin Anna Amalia einen Prinzenerzieher für ihren Sohn Carl August suchte, fiel ihre Wahl auf den damals populärsten Schriftsteller Deutschlands. Vor 250 Jahren zog der Dichter, Übersetzer, Aufklärer und politische Journalist Christoph Martin Wieland nach Weimar. Hier gründete er unter anderem die Zeitschrift ›Der Teutsche Merkur‹– und brachte die Stadt an der Ilm noch vor der Ankunft von Johann Wolfgang von Goethe auf die kulturelle Landkarte Deutschlands. Von DIETER KALTWASSER

Mein Freund, der Baum

Kulturbuch | Julia Gruber, Erwin Thoma: Bäume für die Seele Eine Architektin und ein Förster schreiben zusammen ein Buch über die zauberhafte Wirkung von Bäumen. Was zuerst nach weltentfremdetem Hokuspokus schmeckt, entpuppt sich als vorsichtige Annäherung an das größte Lebewesen auf diesem Planeten. Julia Gruber und Erwin Thoma regen an, darüber nachzudenken, welche Verbindung zwischen Natur und Mensch bestehen könnte. In ›Bäume für die Seele. Welches Holz stärkt mich?‹ wird aus totem Holz lebendige Seelennahrung. VIOLA STOCKER ließ sich verköstigen.