Das Prinzip der »10 kleinen Negerlein«

Digitales | Games: Bodycount

Kein anderer Action-Titel der letzten Jahre feiert das Leitprinzip des Interventionismus so sehr, wie der Shooter ›Bodycount‹ aus dem Hause Codemasters. Die dabei zur Schau gestellte dreiste Simplifizierung der Dinge durch die Entwickler hätte jedoch sogar den ehemaligen US-Präsidenten Cleveland erstaunt. RUDOLF INDERST geht nach Fiktiv-Afrika.

BodycountIch weiß gar nicht mehr, wer diese Äußerung fallen ließ. Ich weiß lediglich noch, dass ich herzlich lachte und zustimmte. »Vor dem sentimentalen Weltmusikstreifen ›Buena Vista Social Club‹ hatten die Kubaner wenigstens ihre Musik. Regisseur Wim Wenders nahm ihnen auch diese.« 

Während des ersten Levels von ›Bodycount‹ musste ich nach etwa 15 Minuten Spiel- und Schießzeit permanent an dieses Zitat denken – warum nur? Nach Beendigung des Afrika-Spielabschnittes schließlich wusste ich es: »Vor dem durchschnittlichen Shooter ›Bodycount‹ hatten die ›Neger‹ wenigstens noch ihre eigenen Konflikte, Entwickler Guildford nahm ihnen auch diese.«
 
Man muss es sich ganz langsam vorsagen, um es glauben zu können. Die gesamten Opening Scenes suggerieren die imperialistischen Machtträume des weißen Mannes: Längst vergessene Kolonial-Herrenmenschenphantasien weckt der Shooter, 1,2,3, wieder auf und tarnt diese perfiderweise unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe.

Man sieht schon vor dem geistigen Auge, wie in den diversen Gentlemen-Clubs mit dem Lineal der afrikanische Kontinent neu aufgeteilt wird.

Massa bringt Zauber!

Klar, wem erscheint es nicht sinnvoll, in eine laufende Auseinandersetzung mit Waffengewalt einzugreifen? Wer würde es auf der Seite der beiden Parteien nicht begrüßen, von einer dritten Partei ausgeknipst zu werden? Die Lösung des Konfliktes, so suggeriert es ›Bodycount‹ zunächst, besteht darin, einfach ›10 kleine Negerlein‹ zu spielen und alle auf dem Bildschirm befindlichen Personen zu erschießen. Da dies allerdings ohne die Augen und Ohren Dritter geschieht, ist zu erwarten, dass nach Abzug des Schrotflinten-Messias beide Parteien die Schuld – um unendliche Potenz erhöht – erst recht aufeinander schieben und blutige Racheakte folgen werden.
 
Aber es kommt ja noch besser: Nach geraumer Zeit mutmaßt das Elektronengehirn – eigenes Denken oder kritisches Hinterfragen mag unser Protagonist offensichtlich nicht so sehr – dass eine andere Söldnerorganisation hinter all den Störungen des eigenen Einflussbereiches steckt! Oh! Oh-Oh! Ein anderes Kind will jetzt unseren Spielplatz besetzen? Na, dem werden wir es zeigen.

Zum Glück bleibt er – ganz der Tradition revisionistischen Kriegsfilmen verpflichtet – gesichtslos. Dass diese Damen und Herren einfach nur eine NGO sein könnten, die eine andere Agenda verfolgt, wird nicht debattiert. Diese Blechcrew mit seltsamen Hüten steht für das Böse! Das Abartige! Störe meine Kreise nicht, Freundchen, sonst ordere ich den Luftschlag.

| RUDOLF INDERST

Titelangaben
Bodycount
First Person Shooter
Xbox 360, Playstation 3
Developer: Guildford Studio
Publisher: Codemasters

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Verlust und Rückgewinnung des Vaters

Nächster Artikel

Historical Gaming or Gaming with History

Weitere Artikel der Kategorie »Digitale Spiele«

Echtzeit Kommando

Digitales | Games: Halo Wars 2 Echtzeitstrategie auf einer Spielekonsole? Mit Controller? Dazu noch als Ausschlachtung einer bekannten Videospielreihe? »Das wird nichts!«, dachten da viele, als 2009 ebendies mit ›Halo Wars‹ erschien. Schnell wurden sie eines Besseren belehrt, das Spiel machte sich unverhofft einen Namen. Nun, gut 8 Jahre später, erscheint der Nachfolger – in einer Zeit, in der den Echtzeitstrategiespielen der Rang abgelaufen worden zu ein scheint. FLORIAN RUSTEBERG schaut mal nach.

Die Ästhetik des Kriegs

Digitales | Games: Battlefield 1 Alle paar Jahre – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – liefern sich Activision und Electronic Arts ein Duell der etwas anderen Art. Auch dieses Jahr wird wieder scharf geschossen, denn einmal mehr wollen sowohl ›Call of Duty‹, als auch ›Battlefield‹ den Thron im Shooter-Olymp besteigen. Während ›Call of Duty‹ in der Vergangenheit stets eine Nasenlänge Vorsprung hatte, fährt EA mit ›Battlefield 1‹ dieses Jahr große Geschütze auf, um der Konkurrenz ein Schnippchen zu schlagen. Wie gut das gelingt, weiß SEBASTIAN BLUME.

Über Portale denken

Digitales | Games: Portal 2 Der Nachfolger des komplett memefizierten Überraschungserfolg ›Portal‹ bringt das halbe Internet in Verzückung und die andere Hälfte in kritische Wertschätzung. DENNIS KOGEL sucht nach Kuchen, Lügen, Robotern und Jonathan Coulton, findet aber ein Spiel, das mit dem Vorgänger nur noch wenig gemeinsam hat. Und trotzdem toll ist.

»Bwaaraah« – Karnickel, Klempner und der Wahnsinn

Digitales | Games: Mario+Rabbids – Kingdom Battle Zusammen haben wir mehr Erfolg – das ist zumindest gängige Ansicht in der Popkultur. Im Kino tun sich die Superhelden gleich dutzendweise zusammen, um vierteljährlich ein Actionfeuerwerk abzuliefern. Dem Beispiel folgten auch Nintendo und Ubisoft, als die Entscheidung fiel, deren kindgerechte Sympathieträger gemeinsame Sache machen zu lassen. FLORIAN RUSTEBERG ließ sich in die durchgeknallte Welt von ›Mario+Rabbids – Kingdom Battle‹ einsaugen.

Täglich grüßt das Poketier

Digitales | Games: Pokémon: Let’s go! Was ist klein, gelb und bekommt eine neue Bewertung? Genau! ›Pokémon – Let’s go‹ von DANIEL MEYER.