/

Verlust und Rückgewinnung des Vaters

Erzählung | Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Arno Geiger erzählt von der Demenz: Der alter König in seinem Exil. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Der alte König in seinem ExilSchon der Schutzumschlag des Buchs ist einladend. Inmitten eines lichten Geästs von Buchenblättern ist das Bild eines alten Mannes in kariertem Hemd und mit Halbglatze eingeblendet, der versonnen vor sich hinblickt – als werde er von einem erhöhten Blickpunkt aus im Blättergrün wahrgenommen werden. Diese schöne Anmutung passt poetisch zu dem Titel: Der alte König in seinem Exil.

So nennt der 1968 geborene österreichische Schriftsteller Arno Geiger ein ebenso persönliches wie allgemein betreffendes Buch, das wohl viele Leser finden wird. Denn der erste »Deutsche Buchpreis«-Träger (Es geht uns gut, 2005) beschreibt darin, wie er lernte, mit der Demenzerkrankung seines über achtzigjährigen Vaters umzugehen. Ein Schicksal, mit dem der Autor zum ersten Mal konfrontiert worden war, als dem sechsjährigen Arno der Großvater gelegentlich Holzscheite nachwarf, weil der Enkel seinen Garten auf dem Schulweg durchquerte, der Opa ihn aber nicht mehr als einen der seinen erkannte.

Wie alle, die als (noch) Gesunde mit der Alzheimer-Krankheit bei Verwandten & Freunden konfrontiert waren, erkannten auch der Schriftsteller, seine Geschwister & seine geschiedene Mutter, die immer mal wieder sich um den pensionierten Gemeindeschreiber in seinem selbst gebauten Haus am Berghang in Wolfurt nahe Bregenz kümmerten, nicht die ersten Anzeichen der Krankheit.

Denn eigenbrötlerisch war der Vater von jeher gewesen, der ja auch erst im Alter von 37 Jahren eine »heimatlose« Junglehrerin geheiratet hatte. Aber seine immer häufigeren Aussetzer als Pensionär, der nur noch Patiencen legte und vorm Fernseher saß, nachdem ihn seine jüngere Frau verlassen hatte, erschienen den Kindern als Nachlässigkeiten des Alten, über die sie sich ärgerten. Nicht nur im stillen Zorn, auch & vor allem im lauten gingen sie ihm »etliche Jahre mit Beschwörungen auf die Nerven, er solle sich zusammenreißen«. So fand jedenfalls ein jahrelanges Katz-und-Mausspiel in der Familie Geiger statt: »mit dem Vater als Maus, mit uns als Mäusen und mit der Krankheit als Katze«.

Stück um Stück tastet sich Arno Geiger an den »anderen Zustand« seines Vaters heran, wobei er annimmt, dass der Vater seine Krankheit ab einem gewissen Zeitpunkt erkannt hatte, sich womöglich schämte und deshalb schwieg und sich mit dem Schwinden seiner geistigen Kraft »geschlagen« gab. Er habe dafür auf »innere Haltung gesetzt« – was »mangels wirkungsvoller Medikamente auch für die Angehörigen eine praktikable Möglichkeit ist«, empfiehlt der Autor. Er musste sich zu dieser Haltung erst langsam durchringen.
Robert-Walser-Lesern wird warm ums Herz

Für eine solche leidenschaftslose Betrachtung des väterlichen Verfalls war ihm wohl auch eine Bemerkung Milan Kunderas hilfreich, die er zitiert: »Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu verstehen.«

Wahrscheinlich – um nicht zu sagen: ganz sicher – hätte sich der Schriftsteller-Sohn gar nicht so sehr um die Lebensgeschichte des 1926 geborenen Vaters gekümmert, wenn er in dessen wachsender mentaler Abweichung von der braven Normalität nicht auch eine literarische Herausforderung gesehen hätte, in den väterlichen Worten & Antworten die poetischen Potentialien zu entdecken, die er am Ende jeden Kapitels in zarten Miniaturen aufbewahrt hat. Passionierten Robert-Walser-Lesern wird dabei ganz warm ums Herz; sie erspüren Verwandtschaften.

Glücklicherweise verläuft die Alzheimer-Erkrankung des Vaters – zumindest solange sie Arno Geiger schreibend begleitet, weil er noch zu Lebzeiten des Vaters darüber schreiben wollte – nicht aggressiv oder bösartig. Da haben beide Glück gehabt.

Der alte Herr, der einmal das dritte von zehn Kinder in einem armen Vorarlberger Kleinbauernhaushalts war & sich eine unbäuerliche Arbeit suchen musste, behält trotz Alzheimer noch seinen Witz & Charme – oder gewinnt er sie erst gar im Laufe der sechs Jahre, während deren Arno Geiger den »alten König« auf seinem Weg ins »Exil« begleitet hat?

Begleitet auch in dem Sinne, dass er den väterlichen Fiktionen entsprach, als seien sie Realitäten & dass er peinlich darauf achtete, den Verwirrten in seiner Würde nicht zu verletzen oder durch Widerspruch (z.B. dem Beharren auf dem Realitätsprinzip) ihn zu verängstigen.

Nichts in seinem Leben hatte den mit achtzehn Jahren 1944 an die Ostfront einberufenen jungen Vorarlberger Bauernburschen, der bald darauf in Kriegsgefangenschaft geraten und gerade noch am Typhus-Tod vorbeigekommen und nach einem langen Marsch wieder nachhause gefunden hatte: Nichts hatte den Vater des Schriftstellers mehr irritiert, als die zwangsweise Entfernung von der Heimat. Nie hat er sie danach als Erwachsener noch einmal verlassen, berichtet sein Sohn, der – wie seine anderen »hausflüchtigen« Geschwister – nur noch in den Ferien und besuchsweise ins väterliche Domizil zurückkehrte.

Zugleich aber beschreibt der Autor am Beispiel des Vaters und seiner Frau & Kinder, wie eine alte ländliche Lebensform unaufhaltsam verschwindet – und nichts Gleichwertiges an ihre Stelle tritt.

Es ist ein sehr schönes, ganz unsentimentales & dabei doch immer wieder tief bewegendes kleines Buch über Ungeduld & Sanftmut, Verzweiflung & Gelassenheit, Komik & Zärtlichkeit geworden, dessen literarische Form sich seiner geistigen Bewegung & essayistischen Beweglichkeit aufs Angenehmste anpasst – bis Erzählung & Reflexion am Ende gewissermaßen verfliegen und erlöschen in kleinen Gedankenminiaturen.

Daraus sei ein dort notierter Passus zitiert, der das vielfache Staunen des Sohnes über den Vater & über sich selbst festhält und den bedachtsamen Charakter von Arno Geigers Das alte König in seinem Exil in nuce enthält: »Es trifft mich immer unvorbereitet, wenn mir der Vater mit einer Sanftheit, die mir früher nicht an ihm aufgefallen ist, seine Hand an die Wange legt, manchmal die Handfläche, sehr oft die Rückseite der Hand. Dann erfasse ich, dass ich nie enger mit ihm zusammensein werde als in diesem Augenblick«.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Titelangaben
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil
München: Hanser Verlag 2011
198 Seiten, 17,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Willkommen im Kopf eines Besessenen

Nächster Artikel

Das Prinzip der »10 kleinen Negerlein«

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Eine Art Rage

Menschen | Zum 70. Geburtstag von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am 20. Oktober »Das Schreiben ist bei mir ein leidenschaftlicher Akt, eine Art Rage. Ich bin nicht jemand, der wie Thomas Mann an jedem Satz feilt, sondern ich fetz halt herum. Das geht zwei, drei Stunden, dann falle ich zusammen wie ein Soufflé, in das man mit einer Nadel sticht«, hat Elfriede Jelinek in einem Interview mit der Schweizer Weltwoche erklärt. An Leidenschaft, Elan, Bissigkeit und künstlerischem Furor hat es in Jelineks Werken nie gemangelt. Als ihr 2004 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde, war dies eine faustdicke Überraschung. Einen »Skandal«

Chronist des alltäglichen Wahnsinns

Menschen | Zum Tod des Georg-Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino    Er war ein stilistisch hochbegabter Außenseiter, der erst spät den Durchbruch geschafft hat. Wilhelm Genazino hat die melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Flaneure in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur salonfähig gemacht. Immer etwas neurotisch, dem Wahnsinn nahe, aber höchst empfindsam, so schickte er seine zumeist ziemlich biederen Alltags-Protagonisten durch seine leicht elegischen Romane. Von PETER MOHR

Ein Charismatiker des Pragmatismus

Menschen | Dieter Bub: Begegnungen mit Joachim Gauck Begegnungen mit Joachim Gauck – ein Taschenbuch-Schnellschuss von Dieter Bub. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Der Weltphilosoph

Menschen | Bücher zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Lesenswerte Neuerscheinungen zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. DIETER KALTWASSER mit einem Überblick über die biografischen Schwerpunktsetzungen

Landschaften der Heimatlosigkeit

Menschen | Zum 65. Geburtstag der Nobelpreisträgerin Herta Müller Es war eine handfeste Überraschung, als der Schriftstellerin Herta Müller im Oktober 2009 der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wurde. »Sie zeichnet mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit«, hieß es damals in der Begründung des Stockholmer Komitees. Die seit vielen Jahren in Berlin lebende Schriftstellerin hat sich in ihren sprachlich ausgefeilten, bisweilen lyrisch anmutenden Werken immer wieder mit Verfolgung und Heimatlosigkeit, mit Umzügen und Neuanfängen beschäftigt. Die thematischen Eckpfeiler stammen aus ihrer eigenen bewegten Vita. Von PETER MOHR