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Ein richtiger Mensch

Menschen | Zum 125. Geburtstag von Oskar Maria Graf

»Europa ist zweifellos die Wiege der Kultur. Aber man kann nicht sein ganzes Leben in der Wiege verbringen«, hatte einmal der Schriftsteller Oskar Maria Graf erklärt. Seine Abkehr von der »Wiege« hatte er sich gewiss anders vorgestellt. Vor den Nazis flüchtete er in die USA, kehrte später kurz nach Deutschland zurück, um dann wieder den Weg über den großen Teich zu wählen. Ein Porträt von PETER MOHR

Oskar Maria GrafHitler hatte schon vor seiner Machtübernahme versucht, den urbayerischen Schriftsteller Oskar Maria Graf wegen seiner Volksnähe zu vereinnahmen, und musste dies einmal teuer bezahlen. Bei einem persönlichen Treffen mit dem späteren »Führer« in einem Münchener Wirtshaus stand Graf, der undogmatische Links-Sozialist, nach einigen Maß Bier und einer deftigen Portion Schmalznudeln auf und verabschiedete sich mit den Worten: »Ja, glauben sie vielleicht, ich höre mir ihren Quatsch stundenlang kostenlos an.«

Doch der gelernte Bäcker, der heute* vor 125 Jahren geboren wurde und mit 17 Jahren den elterlichen Betrieb und das kleine Dorf Berg am Starnberger See verließ, der 1914 eine Geisteskrankheit vortäuschte, um für den Ersten Weltkrieg ausgemustert zu werden, wurde von den Nationalsozialisten (gegen seinen Willen) lange Zeit protegiert. Seine Bodenständigkeit und seine literarische Nähe zum Bauerntum und zum arbeitenden Volk schienen dem NS-Regime gut in die »Blut-und-Boden-Ideologie« zu passen.

Empört reagierte Oskar Maria Graf im Mai 1933, als seine Bücher nicht auf dem Scheiterhaufen landeten, sondern Goebbels‘ »weiße Liste« zierten. »Das habe ich nicht verdient. Verbrennt mich!«, forderte Graf in der Wiener ›Arbeiterzeitung‹ die Nazi-Machthaber auf. Von Wien, wo er sich zu einer Lesereise aufhielt, kehrte er nicht wieder nach Deutschland zurück – und sein lebenslanges Exil begann. Über Brünn und Holland emigrierte Graf mit seiner jüdischen Frau Mirjam 1938 in die USA. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits einige seiner bekanntesten Werke vor: sein autobiographisches Werk ›Wir sind Gefangene‹ (1927), in dem er den Untergang der Weimarer Republik geradezu hellsichtig prophezeite; das Kleinbürgerportrait ›Die Ehe des Herrn Bolwieser‹ (1931); seine literarische Abrechnung mit den Sozialdemokraten im Roman ›Der Abgrund‹ (1936); und sein wahrscheinlich gelungenstes Werk, der Roman ›Anton Sittinger‹ (1937). Darin wird anhand eines Postinspektors (»Mei Ruah will i ham«) ein literarisches Paradigma für einen unpolitischen Opportunisten gezeichnet.

Derb und kantig sind alle Werke des Ur-Bayern, der seine Herkunft auch im Exil nie verleugnen konnte und auch nicht wollte. Graf hat stets dem Volk auf den Mund geschaut, allen ästhetischen Konventionen zum Trotz. Aus diesem Grund hat er auch nie eine besonders große Affinität zu seinen großbürgerlichen Exilgenossen Thomas Mann und Lion Feuchtwanger verspürt, deren Werke er als Produkte einer »elitären Geistigkeit« geißelte.

Mit dem gesellschaftlich-politischen und auch mit dem künstlerischen Status Quo konnte sich der notorische Querdenker Graf zeitlebens nie abfinden. Nach seiner Ankunft in den USA hatte er zunächst noch jubiliert: »Was ich mir wünschte, bin ich tatsächlich geworden: das Weltkind in der Mitte. Jetzt suche ich dazu nur noch die Sprache.«

Er schrieb zwar in Deutsch, weil er des Englischen nicht mächtig war, wofür ihn Bert Brecht stets abfällig belächelte, doch in New York fand sich ein kleiner Verlag, der seinen Exilroman ›Die Erben des Untergangs‹ (1949 erst in Deutsch) in englischer Übersetzung verlegte. Dieses, von seiner gedanklichen Konstruktion anspruchsvollste Werk, stieß in den USA jedoch auf wenig Gegenliebe. Graf entwarf eine, am sozialistischen Gedankengut Gustav Landauers orientierte Utopie der Nachkriegsgesellschaft. Das FBI legte darauf hin über den mittlerweile zum Präsidenten des Schutzverbandes deutsch-amerikanischer Schriftsteller gewählten Autor eine Akte an, weil er unter dem Verdacht stand, ein Stalin-Agent sein zu können – was sich jedoch nie bestätigte.

Erst dreizehn Jahre nach Kriegsende erhielt Graf die angestrebte US-Staatsbürgerschaft und besuchte 1958 eine Tagung des deutschen PEN-Clubs. In Lederhosen und Trachtenjanker gekleidet, erschien er so in der Heimat, wie er sie ein Vierteljahrhundert zuvor verlassen hatte. Zwar gab es danach ernsthafte Gedanken an eine Rückkehr nach Deutschland, aber »der latent aufkommende Antisemitismus und das wiedererwachte, engstirnig provinzielle deutsche Tüchtigkeits-Protzentum« hielten ihn ab. Doch Graf blieb auch fern der Heimat ein politisch unbequemer Zeitgenosse.

In seinen beiden autobiographischen Spätwerken ›Die Flucht ins Mittelmäßige‹ und ›Gelächter von außen‹ prangert er den in der Bundesrepublik sich breitmachenden »Hang zum Überdecken und Vergessen« und die kapitalistische amerikanische Gesellschaft an. Seine letzte medienwirksame ›Einmischung‹ war ein offener Brief an Papst Paul VI., in dem er »angewidert vom Kriegstreiben in Vietnam« fordert, dass »alle die für Kriegserklärungen, Kriegshandlungen und Waffenherstellung verantwortlich sind, exkommuniziert werden müssen.«

So starb Oskar Maria Graf, der Autor von 11 Romanen, 14 Erzählungen, 3 Gedichtbänden und 8 Teil-Autobiographien, von der deutschen Öffentlichkeit fast unbeachtet am 28. Juni 1967 in New York.

Ein Jahr nach seinem Tod wurde seine Urne in München beigesetzt. Weitere zwanzig Jahre später wurde nach heftigen kommunalpolitischen Diskussionen am 2. August 1988 an seinem langjährigen Wohnhaus an der Münchener Barerstraße 37 eine Gedenktafel eingeweiht. Die Rückkehr auf Raten eines Autors, der seine bayerische Heimat – trotz heftiger gegenteiliger Beteuerungen – über alle Maßen geliebt hat. Eine komplette Werkausgabe des umfangreichen Oeuvres hatte der Süddeutsche Verlag herausgegeben, es sind etliche Biographien erschienen, doch in der Einordnung Oskar Maria Grafs tun sich die Experten immer noch schwer.

Provinzschriftsteller, mutiger Antifaschist, Heimatdichter, sozialistischer Träumer, Nachfahre des literarischen Realismus des 19. Jahrhunderts: von all dem ist Oskar Maria Graf sicher etwas gewesen. Doch am treffendsten charakterisierte ihn der russische Dichter Sergej Tretjakow in einem Brief: »Du bist ein richtiger Mensch.«

»Warum ist er dann trotz vieler Bemühungen, trotz guten Willens auf beiden Seiten zu seinen Lebzeiten nicht mehr heimgekehrt?« Diese Frage hatte Münchens damaliger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel in seiner Trauerrede bei der Beisetzung von Grafs Urne auf dem Friedhof von München-Bogenhausen gestellt.

| PETER MOHR

Lesetipp
Oskar Maria Graf: Minutengeschichten
Herausgeber: Wilfried F. Schoeller
Berlin: Ullstein 2017
336 Seiten, 20 Euro
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1 Comment

  1. Der Lesetip ist kontraproduktiv. Grafs Erzählen ist auf Dauer, nicht auf Minuten angelegt, es holt weit aus, siehe Walter Benjamins Kritik zu BOLWIESER und zum ERZÄHLER generell. Schoellers Bändchen ist ein typisches Event-Produkt der Jubiläumskultur, zum 50. Todestag musste was Neues sein, krampfhaft veranstaltet. Schade, dass derart autorfremde Sammlungen die Sammlungen verdrängen, die der Autor selber komponiert hat.

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