Von blauen Bären und leeren Lobbies

Digitales | Games: Might & Magic: Clash of Heroes

›Clash of Heroes‹ ist eines der besten Puzzle-Taktik-Spiele, die es zurzeit gibt und, ach, je gegeben hat. Es ist vor allem aber auch ein brillantes Beispiel, um zu zeigen, wie sehr ein Multiplayer-Titel von richtigem Support abhängt, um erfolgreich zu sein. Von DENNIS KOGEL

Clash of Heroes›Might & Magic: Clash of Heroes‹ ist ein RoPuTak! Es ist eine Mischung aus Rollenspiel, Match, Puzzles wie Bejeweled und kompetitiver Rundentaktik. Es ist (gelegentlich) das beste Spiel der Welt und der Beweis, dass Casual-Game-Mechaniken trotzdem ein komplexes, forderndes, spannendes Spiel unterstützen können – und warum es nicht als Meisterwerk im Kleinen wahrgenommen wird, hat vor allem mit externen Gründen zu tun.

Der Reihe nach: ›Clash of Heroes‹ stammt von den wundervoll sympathischen kanadischen Entwicklern Capybara, die vor allem als Game Designer hinter dem iPhone-Experiment/Twitter-Lahmleger Sword&Sworcery bekannt sein dürften, und ist zuerst mit knuffigster 16-Bit-Optik auf dem Nintendo DS, später mit etwas gefälligerer, aber auch deutlich generischerer Präsentation, auf Playstation und Xbox Live und jetzt auch auf dem PC veröffentlicht worden.

Spieler müssen als kindliche Generäle niedlicher Fantasy-Armeen Widersacher in Rundenkämpfen besiegen, indem unterschiedlich farbige Einheiten im Bejeweled-Stil auf- oder nebeneinander gestapelt werden müssen, um eine Angriffs- oder Verteidigungsformation aufzubauen. Aus drei einsamen blauen Bären wird (einigermaßen clevere Stapelei vorausgesetzt) somit eine Formation gefährlicher Angriffsbären, und drei weiße Bogenschützen nebeneinander in einer Reihe ergeben eine Mauer, die vor feindlichen Angriffen schützt. Gewonnen ist das Spiel, wenn die eigenen Angriffsformationen oft genug durch die gegnerische Verteidigung brechen und eine bestimmte Anzahl Schadenspunkte anrichten.

Deep Casual

Ein einfaches, schnell zu verstehendes Spielprinzip, das aber sehr schnell sehr viel komplexer wird: Pro Runde sind meist nur 3 Aktionen erlaubt, jede der vier unterschiedlichen Armeen hat drei verschiedene Kerntruppen, mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen, dazu kommen eine Reihe von Spezialeinheiten, Gegenständen und Spezialfähigkeiten, die teils neue Taktiken ermöglichen, sowie die Möglichkeiten, aktivierte Truppen miteinander zu verknüpfen oder zu synchronisieren. Es ist dem einfach verständlichen Gamedesign von Capybara geschuldet, dass das Zusammenspiel all dieser Systeme nicht überfordernd wirkt, sondern sich in jedem Moment logisch und intuitiv anfühlt. Kurz: Es ist ein großartiges Multiplayer-Spiel und trifft einen ähnlichen Nerv wie die brillante Advance Wars-Reihe.

Um dieses System herum gibt es in ›Clash of Heroes‹ allerdings auch eine (schöne!) Singleplayer-Story um Dämonen, Artefakte und Könige, in der jeweils ein Held durch hübsche Karten gesteuert werden muss und sich dabei Schlachten gegen böse Intriganten liefert. Wichtig dabei: Fortschritt im Singleplayer schaltet Einheiten und Gegenstände für den Online-Multiplayer frei. Und das ist: Blödsinn. In mehrerer Hinsicht. Spieler, die nur Interesse am kompetitiven Spiel haben, müssen die lange Kampagne spielen. ›Clash of Heroes‹ besteht damit aus zwei größtenteils voneinander losgelösten Spielen, die trotzdem voneinander abhängig sind. Und vielleicht wäre das alleine gar nicht so problematisch. Die Kampagne ist gut, bietet schöne, klassische Hero Journeys, clevere Herausforderungen und Puzzles – bloß ist die Kampagne Fans des Spiels schon bekannt von DS, Playstation und Xbox.

Fehlende Aufmerksamkeit, fehlende Spieler

Der Effekt auf den über Steam gehosteten und nochmal neu balancierten Multiplayer-Modus ist erstaunlich (wenn auch nicht überraschend): Es dauert, bis Partien gefunden werden können. Es scheint nur einige wenige, aktive Spieler zu geben und gerade der interessante 2-gegen-2 Team-Modus (hier in aller Dramatik von Brian Taylor für Kill Screen beschrieben), der nochmals eine weitere Schicht Taktik und Teamspiel hinzufügt, ist praktisch leer.

›Clash of Heroes‹ ist damit genauso Opfer von fehlender Aufmerksamkeit für nischige Multiplayer-Titel, wie für konfuse Plattform-Politik, die dafür sorgt, dass die Plattform, die am ehesten für sinnvollen Online-Multiplayer steht, zuletzt in Genuss des Spiels kommt; ebenso aber auch für problematische Design-Entscheidungen: statt schon von der DS-Version begeisterten Spielern (mir!) die Möglichkeit zu geben, schnell in den fordernden Online-Multiplayer einzusteigen, dient die Singleplayer-Kampagne als Hürde.

Das ist schade. Sehr sogar, denn wer will, findet in ›Clash of Heroes‹ ein kluges, fantastisches Taktik-Spiel: elegant, fordernd und liebenswert. Ein brillantes Spiel – bloß keine Spieler.

| DENNIS KOGEL

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Geister, die ich vertrieb

Nächster Artikel

Beckmann mit dem ICE

Weitere Artikel der Kategorie »Digitale Spiele«

Ultimatives Schlachtengetümmel

Digitales | Games: Super Smash Bros. Ultimate ›Super Smash Bros. Ultimate‹ – Der Titel verspricht ein noch größeres, noch komplexeres und noch aufregenderes ›Smash Bros.‹ als je zuvor. 74 auswählbare Kämpfer, über 100 spielbare Stages und eine riesige Anzahl verschiedener Spielmodi versprechen uns schier unendliche Möglichkeiten. »Aber wo ist der Haken?«, fragt sich DANIEL MEYER und beleuchtet das Spiel einmal genauer. PDF erstellen

Nintendos Newcomer

Digitales | Nintendos Post-E3-Event in Frankfurt Kaum war die weltweit meistbesuchte Videospielmesse E3 vorbei, lud Nintendo of Europe bereits zu einem Post-E3-Event nach Frankfurt ein. Denjenigen, die nicht nach LA reisen konnten, wurde ein exklusiver Einblick auf die Newcomer-Titel ermöglicht. Neben dem lang ersehnten ›The Legend of Zelda: Breath of the Wild‹ hatte Nintendo noch einige Überraschungen mehr auf Lager. PHILIPP LINKE war vor Ort, lauschte den spannenden Präsentationen und spielte sich durch die Reihen.  PDF erstellen

Ich bin ein kleiner König, gib‘ mir nicht zu wenig

Digitales | Games: Ni No Kuni 2: Schicksal eines Königreichs Erneut tauchen wir in fantasievolle Parallelwelten zwischen mächtigen Zauberern und niedlichen Geisterwesen ein, dieses Mal um uns als König in einem neugeborenen Königreich zu versuchen. Doch kann der Mix aus Rollenspiel- und Aufbausimulation seinem Vorgänger gerecht werden? Fragt DANIEL MEYER.  PDF erstellen

Wächter der Metallfabrik

Digitales | Games: Star Fox Guard Zeitgleich mit dem Hauptspiel ›Star Fox Zero‹ erschien auch der Ableger ›Star Fox Guard‹ (SFG). Die Spiele haben nicht unmittelbar miteinander zu tun, doch teilen sie einige Besatzungsmitglieder. In SFG weist uns Slippy ein – schließlich geht es um die Verteidigung der Metallfabrik seines Onkels. Von PHILIPP LINKE. PDF erstellen

Metal Gear nicht-mehr-solide

Digitales | Games: Metal Gear Survive Der Kampf ums Überleben im ›Metal Gear‹-Universum ist hart. Inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung mit giftigen Staubwolken, wilden Tieren und Zombie-ähnlichen Monstern versucht ihr euch eine Basis aufzubauen. Dabei habt ihr ständig ein Auge auf euren Hunger, Verletzungen und den Einsatz eurer Crew, die für euch Ackerbau oder Tierzucht betreibt. Klingt irgendwie gar nicht nach ›Metal Gear Solid‹? Kein Wunder, denn der Schöpfer der beliebten Serie, Hideo Kojima, hat mit diesem Spiel rein gar nichts zu tun und darunter leidet ›Metal Gear Survive‹ inständig.   Von PHILIPP LINKE.  PDF erstellen