Ein Charismatiker des Pragmatismus

Menschen | Dieter Bub: Begegnungen mit Joachim Gauck

Begegnungen mit Joachim Gauck – ein Taschenbuch-Schnellschuss von Dieter Bub. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Dieter Bub - GauckDer Visionär hat seine Visionen. Der Pragmatiker tummelt sich verständig im Erreichbaren. Das seltsame Bild eines mit dem Pfingstpathos des berufenen Zungenredners als wundersames Gottesgeschenk Lobpreisenden gibt der Freiheitsapostel Joachim Gauck ab, neuestens deutscher Bundespräsident.

Der unsäglichen Korrumpiertheit seines Amtsvorgängers Christian Wulff hat Gauck es zu verdanken, dass er nun ganz glatt in die ihm vor zwei Jahren entgangene Präsidentschaft hineinrutschte. Breiteste Zustimmung bei der wählenden Versammlung. Doch jeder weiß, dass auch diesmal wieder parteipolitisches Kalkül maßgebend war. Und nach Wulffs viel zu langsamem Abgang hatte offenbar alles »presto, presto« zu gehen. Die CDU hatte bessere, sogar linkere Kandidaten erwogen, darunter Klaus Töpfer; sicher der Allerbeste. Aber auch Petra Roth, die scheidende Frankfurter Oberbürgermeisterin, eine echte Integrationsfigur, wäre akzeptabel gewesen (reden wir nicht von Huber oder Käßmann; Deutschland ist schließlich noch kein Appendix der Evangelischen Kirche). Als die SPD damals Gauck als Bundespräsidenten vorschlug, war das angesichts der Mehrheitsverhältnisse gewissermaßen unverbindlich, wie nur zum Spaß gesagt. Nun, da die FDP aus Profilierungsgründen Gauck aus dem Hut zauberte, konnten SPD und Grüne ihren ehemaligen Wunschmann schlecht im Stich lassen. »Aber ich würde gerne wissen, was die Grünen an ihm grün finden und die Sozialdemokraten an ihm sozialdemokratisch« (Friedrich Schorlemmer). Es vermag den politisch Engagierten an dieser Präsidentschaft schon verdrießlich zu stimmen: »So ist Joachim Gauck in Wahrheit ein Mann von Röslers und Brüderles Gnaden, der Mann einer 2-bis 3-Prozent-Partei – ein liberaler Konservativer« (Dieter Bub).

Ein unkritisches Verhältnis zu Joachim Gauck kann man dem Autor dieser Begegnungen wirklich nicht nachsagen. Geradezu akribisch wägt er die von ihm als solche beobachteten Schwächen Gaucks von dessen Stärken ab, verweist ausdrücklich auf einen »schillernden« Charakter, und manchmal gewinnt man das Gefühl, dass er positive Züge nicht ganz ohne Zähneknirschen hervorhebt. Auch Gaucks Medienerfahrenheit, Routine, Zuverlässigkeit, Disziplin und sein Sinn für »Timing«, erhalten damit (vielleicht ungewollt) einen leichten Hautgout. Nein, der ehemalige Rostocker Pastor wird keineswegs als netter Kerl serviert und erst recht nicht als überlebensgroßer Held. Bub macht die Fixierung Joachim Gaucks auf einen starken Vater namhaft, woraus sich für ihn die autoritäre Haltung des Sohnes ableitet, der außer Hause den liebevollen und empathischen Gemeindeseelsorger abgab, als Familienpatriarch aber ziemlich herumholzte und sich mit seinen »republikflüchtigen« Kindern auf lange Zeit überwarf. Dass Gaucks Psychogramm dennoch ein wenig vage und lückenhaft bleibt (darin nicht viel anders als Gaucks Autobiographie Winter im Sommer – Frühling im Herbst) liegt einmal an – man muss es wohl so benennen – schriftstellerischen Mängeln des als TV-Journalist vor allem in Sachen DDR-Aufarbeitung verdienstvollen Autors, zum anderen in dem Umstand, dass anscheinend ein verlegerischer Schnellschuss geboten war – die Lektüre wird denn auch beeinträchtigt durch ein schwer hinnehmbares Übermaß an editorischer Schlamperei.

Wertvoll für den an Einsichten über die »demokratische« Übergangszeit der DDR Interessierten sind indes dankenswert klare und ausführliche Informationen über die Oppositions- und Bürgerrechtsbewegungen in Ostdeutschland, mit denen Gauck so oder so in Verbindung stand. Als Leiter der nach ihm benannten Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Aktenberge nahm er im gesamtdeutschen Rahmen eine politische Schlüsselstellung ein. Ob die Moderatheit, mit der er unkontrollierter »Abrechnung« mit den Geheimdienstgräueln wehrte und (wie vor allem die PDS in staunenswert plötzlicher »legalistischer« Neuorientierung) auf eine streng rechtlich reglementierte Auswertung des Aktenmaterials drang, optimaler Weisheit entsprang oder mehr Reflex eines späten DDR-Patriotismus war, ist schwer auszumachen. Opfer der Diktatur wie etwa der (in Stasi-Gefängnissen womöglich tödlicher Verstrahlung ausgesetzte) Schriftsteller Jürgen Fuchs fühlten sich von der Taktik Gaucks jedenfalls frustriert. Immer wieder auftauchende Verdächtigungen und Verleumdungen, Gauck (der sich als Pragmatiker erst im Spätherbst 1989 dezidiert oppositionell hervorwagte), sei im Grunde Opportunist gewesen und habe sich nach der Wende das Ehrenzeichen des »Bürgerrechtlers« unverdient anheften lassen (und sich selbst angeheftet), wimmelt Bub mit nobler Geste ab.

Auch Bub prognostiziert, dass Gauck wohl kein »großer« deutscher Bundespräsident werden wird. Die politische Thematik, die ihn bewegt, ist, unhöflich gesagt, die eines Einzellers. Sein schmales Büchlein Freiheit liest sich wie ein solider Schulaufsatz der Oberstufe. Hat Gauck wirklich sonst nichts auf der Pfanne? Wie ein Mantra rufen ihm inzwischen alle Auguren zu, er solle nun endlich auch einmal die soziale Karte ziehen. Vielleicht tut er’s ja demnächst. Aber auch dann wird er es sicher nicht allen recht machen. Und es wird heißen: Schuster, bleib’ bei deinen Leisten. Oder, unbildlich gesagt: Gauck, bleib’ doch lieber bei deiner Behörde.

| HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Titelangaben
Dieter Bub: Begegnungen mit Joachim Gauck. Der Mensch. Sein Leben. Seine Überzeugungen
Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2012
160 Seiten, 9,95 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Halb-göttlich, voll-zornig

Nächster Artikel

Etikettenschwindel

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Erfolgreicher Spätzünder

Menschen | Zum Tod des Autors Hans Werner Kettenbach Für einen überaus erfolgreichen Schriftsteller fand Hans Werner Kettenbach erst ungewöhnlich spät den Weg zur Literatur, aber eigentlich ist er immer ein Spätzünder gewesen. Erst im Alter von 28 Jahren fand er einen Beruf, mit dreißig heiratete er, sein Studium schloss er mit 36 Jahren ab, und seinen ersten Roman veröffentlichte er kurz vor seinem 50. Geburtstag. Ein Porträt von PETER MOHR

The Search For A Positive Truth: An Interview With MANOID

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world Every so often a record comes along which makes you stop what you are doing, prick up your ears, and pay rapt attention. One such album is the thoroughly excellent Truth by fast rising Polish producer MANOID. Out now on the always fresh Hafendisko imprint, Truth is a record which only needs a few moments to convince you that you and it are going to be good friends. By JOHN BITTLES

Auf den Grund des Lebens gesehen

Menschen | Zum 75. Geburtstag des ungarischen Schriftstellers Péter Nádas am 14. Oktober erschien ›Aufleuchtende Details‹ Der Schriftsteller Péter Nádas ist ein Mann der Extreme und mit konventionellen Maßstäben kaum zu messen. Er liebt seine Geburtsstadt Budapest ebenso wie die Abgeschiedenheit seines Dorfes Gombosszeg, wo er seit fast dreißig Jahren lebt, er ist einer der großen gebildeten Enzyklopädisten und tritt dennoch vornehm zurückhaltend auf, er schreibt keine zeitgeistkonforme Fast-Food-Literatur, sondern opulente Wälzer, die nicht gelesen, sondern bezwungen werden müssen. Von PETER MOHR

Mein Ich ist stärker als ich

Menschen | 80. Geburtstag des Nobelpreisträgers Peter Handke

»Mein Ich ist stärker als ich«, lautet einer der prägnantesten (selbst charakterisierenden) Sätze aus dem kürzlich erschienenen Notizbuch ›Die Zeit und die Räume‹, das einen Zeitraum von vier Monaten im Jahr 1978 umfasst. Poetische Schnipsel, Alltagsbeobachtungen und jede Menge Selbstreflexionen stehen hier nebeneinander. Für Wissenschaftler und ganz eingefleischte Handke-Fans gewiss eine lohnende Lektüre. Der »normale« Leser kann hier leicht an seine Grenzen stoßen. Von PETER MOHR

Das Leben ist ein Gespräch

Menschen | Vor 100 Jahren wurde der Georg-Büchner-Preisträger Tankred Dorst (am 19. Dezember) geboren

Seine Stücke werden immer noch gespielt, allerdings nicht mehr an den großen Bühnen. Über mehrere Jahrzehnte hat er die deutsche Theaterlandschaft geprägt. Tankred Dorst hat in der intensiven Zusammenarbeit mit seiner Frau Ursula Ehler Theatergeschichte geschrieben. Von PETER MOHR