/

Tugend und Sünde

Roman | Zum 80. Geburtstag von Isabel Allende erscheint der Roman ›Violeta‹

Da ist wieder eine der typischen Frauenfiguren von Isabel Allende: kämpferisch, selbstbewusst und manchmal ihrer Zeit auch etwas voraus. Und doch ist Violeta, die Protagonistin des 26. Romans aus der Feder der chilenischen Erfolgsautorin, die seit vielen Jahren in den USA lebt, etwas anders. Von PETER MOHR

VioletaIhre bisherigen Hauptfiguren standen stets der politischen Linken, also der Allende-Linie, nahe. Violeta laviert sich mit Glück und einem untrüglichen Instinkt durchs Leben. Will man es sich einfach machen, würde man sie als Opportunistin bezeichnen.

Aber das greift nicht weit genug. Sie hat viel mitgemacht in ihrem beinahe 100-jährigen Leben, auf das sie zurückblickt – in Form eines ellenlangen Briefes an ihren Enkel Emilio.

»Mein Leben ist es wert, erzählt zu werden, was weniger an meinen tugendhaften als an meinen sündigen Taten liegt, von denen Du viele nicht ahnst«, schreibt Violeta im Rückblick. Sie heiratet zunächst den aus einer konservativen deutschen Einwandererfamilie stammenden Fabian, steht aber mit einer von ihr und ihrem Bruder geführten Firma, die Holzhäuser errichtet, wirtschaftlich auf eigenen Füßen. »Er ist ein Langweiler. So vorhersehbar, dass man jetzt schon weiß, wie er in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren sein wird, wandte ich ein.«

Es dauert nicht lange, dann ist Fabian Geschichte und der heißblütige Pilot Julián nimmt seinen Platz ein. Eine wahre Kontrastfigur zu Fabian, ein temperamentvoller Liebhaber, aber auch ein Mann, der es mit geltenden Gesetzen nicht immer ganz genau nimmt. »Die Kolonie wird nicht angerührt, das Militär hält seine schützende Hand darüber. Dort werden Spezialkräfte ausgebildet, sagte Julián mir bei einem seiner Besuche.« Gemeint ist die hier unter dem verharmlosenden Tarnnamen »Colonia Esperanza« in die Handlung eingefügte sektenähnlich, von deutschen Auswanderern 1961 gegründete »Colonia dignidad«.

Julian lässt sich mit der Militärdiktatur und der »Colonia« ein, die als Folterzentrum für politische Oppositionelle fungiert. Schon vorher hatte er Geschäfte mit Kubas rechtem Diktator Batista und dessen Gegner, den Revolutionär Fidel Castro, gemacht. Isabel Allende reiht beinahe alle wichtigen politischen Ereignisse Südamerikas des letzten Jahrhunderts aneinander. Hier eine Anekdote, da etwas Folklore – man fühlt sich hin- und hergerissen zwischen buntem Abenteuer- und unglücklichem Liebesroman.

Aber eines muss man Isabel Allende (trotz aller Einwände) attestieren: Sie kann immer noch mit enorm hohem Tempo erzählen und Emotionen (vor allem weiblicher Leserinnen) entfachen.

Isabel Allende, die am 2. August 1942 in Peru als Tochter eines chilenischen Diplomaten geboren wurde, verbrachte Kindheit und Jugend an wechselnden Orten Lateinamerikas, nachdem sich ihre Eltern 1946 getrennt hatten. Von ihrem achtzehnten Lebensjahr an arbeitete sie als Journalistin für verschiedene Zeitungen, später moderierte sie eine wöchentliche Fernsehsendung über die Weltkampagne gegen den Hunger. Erst in den frühen 1970er Jahren hatte sie zaghafte literarische Gehversuche unternommen.

Ihre Theaterstücke ›El embajador‹ (dt.: »Der Botschafter«), ›La Balada de Medio Pelo‹ (dt.: ›Die Ballade vom halbseidenen Aufstieg‹) und ›Yo soy la Tránsito Soto‹ (dt.: ›Ich bin Tránsito Soto‹) wurden in Santiago uraufgeführt, doch zwei Jahre nach dem Militärputsch verließ sie das Land und emigrierte nach Venezuela, wo sie sich als Lehrerin und Journalistin über Wasser hielt.

Nach Erscheinen des »Geisterhauses« (von Bille August 1993 mit Starbesetzung kongenial verfilmt), hat sich Isabel Allendes Leben schlagartig verändert. Sie machte ausgedehnte Lesereisen, genoss den frisch gewonnenen Ruhm und die finanzielle Unabhängigkeit in vollen Zügen. Und die »Geschichtenjägerin« (wie sie sich einmal selbst nannte) schrieb – angespornt durch den Erfolg ihres Debütwerks – wie besessen weiter. Ihre Nachfolgeromane »Von Liebe und Schatten«, »Eva Luna«, und »Der unendliche Plan« wurden zwar auch zu Bestsellern, aber von der Literaturkritik eher zurückhaltend aufgenommen.

Isabel Allendes dichterische Fantasie scheint nie zu versiegen, doch stilistisch – vor allem was die Zeichnung der Figuren angeht – hat sie nicht mehr an die Brillanz ihres Erstlings anknüpfen können. Mit der für sie typischen Mischung aus schicksalhaften Lebenswegen, starken Frauenfiguren und einer gehörigen Portion erzählerischer Exotik hat Allende auch mit ihren späteren Romanen weltweit ein großes Publikum erreicht. Aber der frühe Erfolg des »Geisterhauses« war für sie Fluch und Segen zu gleich.

| PETER MOHR

Titelangaben
Isabel Allende: Violeta
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
Berlin: Suhrkamp Verlag 2022
399 Seiten, 26 Euro.
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf der Suche nach…

Nächster Artikel

Tipps für Trips

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Die Stadt und ihr Erzähler

Menschen | Zum Abschied des Rothenburger Nachtwächters

 
Rothenburg ob der Tauber ist eine Stadt, über die viel geschrieben worden ist: »Eine Stadt, deren Gesicht auf eine Postkarte gepresst wurde«, so Hans Dieter Schmidt in seinem sehr lesenswerten Taubertal-Buch ›Melusine und schwarze Wasser‹. Oder der bedeutende Kunsthistoriker Georg Dehio: Die Stadt sei »als Ganzes ein Denkmal«, schreibt er. Und Herbert Schindler in seinem Buch über die Romantische Straße, an der Rothenburg liegt: Man fände hier »reines, großes Mittelalter«. Oder, noch besser, Rothenburg, das sei schlichtweg die »Lieblingsstadt der Welt«. Von MARC PESCHKE

Mysterien und Maskenbälle

Menschen | Willi Jasper: Carla Mann Carla Mann gehörte zu den wenig bekannten Mitgliedern der großen Künstler- und Schriftstellerfamilie, wenngleich ihr tragisches Leben von den Brüdern Heinrich und Thomas literarisch mehrfach verwertet und vermarktet wurde. Nun legt der Kulturwissenschaftler Willi Jasper eine aufschlussreiche, bemerkenswert recherchierte Biographie vor. Von INGEBORG JAISER

Schreiben, um zu überleben

Menschen | Zum 90. Geburtstag des Georg-Büchner-Preisträgers Reiner Kunze

»Ein blauer himmel über einem weizenfeld - so stand / bei minus zwanzig grad am straßenrand / das klavier / und die einen spielten / die hymne und Chopin,/ und die anderen zielten / auf die hymne und Chopin«, heißt es im 2016 anlässlich eines Ukrainebesuchs verfassten ›Revolutionsgedicht‹. Auch in seinem 2018 erschienenen Band ›Die Stunde mit dir selbst‹ hatte Reiner Kunze ungewohnt offen Stellung zur politischen Lage in Osteuropa bezogen. Viele Verse aus den letzten Jahren kreisen um das Thema Alter und Vergänglichkeit. Von PETER MOHR

Vormittags Autorin, nachmittags Verlagsleiterin

Menschen | Kjell Bohlund: Die unbekannte Astrid Lindgren

Bis auf den (eigentlich verdienten) Nobelpreis hat sie wohl alle Preise bekommen, und der wichtigste Kinder- und Jugendbuchpreis ist (sehr verdient) nach ihr benannt worden. Wenig bekannt ist, dass Astrid Lindgren auch eine der wichtigsten Verlegerinnen der Nachkriegszeit war. Eine nicht besonders gut geschriebene Biografie erzählt davon. Von GEORG PATZER

Ich denke an sie wie an ein Mädchen

Biografie | Heinz Bachmann: Ingeborg Bachmann, meine Schwester

Um das Leben der in Klagenfurt geborenen und unter tragischen Umständen in Rom gestorbenen österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1925 – 1973) ranken sich zahlreiche Mythen, noch geschürt durch lange unveröffentlichte Nachlassfragmente und gesperrte Briefwechsel. Am 17. Oktober jährt sich ihr Todestag zum 50. Mal. Der jüngere Bruder Heinz erinnert sich an ›Ingeborg Bachmann, meine Schwester‹ und gewährt Einblicke in das Familienalbum. Von INGEBORG JAISER