Wahrhaftig großes Theater

Film| DVD: Peter Brooks Mahabharata

Besucher der Seebühne bei den Bregenzer Festspielen oder der Arena von Verona schwärmen von den überdimensionalen Bühnenbildern. Offenbar entspricht Gigantomanie weit über die charakteristische Ästhetik totalitärer Systeme hinaus dem Schönheitsverständnis vieler Menschen. Sie schauen gerne auf, nach oben. Sie machen sich klein, indem sie sich der Protz- und Imponiergebärde des phallisch Hochragenden, sei es ein Wolkenkratzer, ein Turm oder eben ein Bühnenbild, unterordnen. Von THOMAS ROTHSCHILD

MahabharataMit großem Theater freilich hat das nichts zu tun. Großes Theater definiert sich nicht architektonisch, sondern durch seine Stoffe. Die Shakespeares und die Atriden der Ariane Mnouchkine waren großes Theater, gewiss wegen der Regie, wegen des Ensembles, aber auch wegen der zeitlosen Universalität der literarischen Vorlagen.

1985 entschied sich der englische Theatermagier Peter Brook, mithilfe des Dramatikers Jean-Claude Carrière eine szenische Fassung des indischen Nationalepos Mahabharata herzustellen. Was dabei herauskam, ist großes Theater im eigentlichen Sinne. All die aktuellen Diskussionen über ein angeblich museal gewordenes Stadttheater im Gegensatz zu Freien Gruppen werden angesichts dieses Projekts gegenstandslos. Es birgt die Möglichkeiten der beiden Organisationsformen und weit mehr als diese in sich.

Zugleich könnte es all jenen Argumentationshilfe liefern, die für die Dramatisierung von Erzähltexten plädieren – wären sie auch nur halb so begabt wie Peter Brook. Er macht aus dem Epos nicht nur Theater im emphatischen Verständnis, er hat diese Inszenierung darüber hinaus zu einem Film verarbeitet, der beides zugleich ist: die Aufzeichnung eines Bühnenkunstwerks und ein Film, der den eigenen Gesetzen der Gattung gerecht wird.

Dieser 1989 gedrehte dreiteilige Film liegt jetzt auf DVD vor, ergänzt um eine Making-Of-Dokumentation und eine auf knapp drei Stunden gekürzte Fassung. Die Bühnenversion, die in einer französischen und einer englischen Fassung um die Welt reiste, hatte eine Dauer von neun Stunden.

Ein Kunstwerk eigenen Zuschnitts

Peter Brook arbeitet hier, wie auch sonst, mit einem internationalen Ensemble. Einzelne Schauspieler kennt man aus anderen Projekten, die im Théâtre des Bouffes du Nord oder bei Gastspielen zu sehen waren. Das Mahabharata erzählt mit elementarer Wucht von Brudermord und Krieg, von Intrige und Liebe, und ist zugleich angefüllt mit philosophischen Erkenntnissen, die dem aufgeklärten Europäer zum Teil mystisch erscheinen mögen, die aber Motive aufnehmen und variieren, die auch in anderen Regionen der Welt das Denken bestimmen, weil sie die universelle conditio humana betreffen: Wie soll man leben, wie handelt man richtig, worin besteht Glück, was bedeutet der Tod?

Peter Brook versucht sich gar nicht erst in indischer Folklore. Er hat für dieses Schau-Spiel vielmehr eine Form entwickelt, die sich auch nicht vor großen Gesten, vor einem Pathos fürchtet, das dem psychologisierenden europäischen und nordamerikanischen Theater seit Ibsen und Tschechow abhandengekommen ist. Der Vorwurf der Verfälschung des in der indischen Kultur tief verankerten Epos, ja des Kulturimperialismus musste, insbesondere aus Indien selbst, voraussehbar auf Brooks und Carrières Bearbeitung folgen.

Aber er wird dem Unternehmen ebenso wenig gerecht wie der Vorwurf mangelnder Texttreue gegenüber vielen Klassikerinszenierungen im Regietheater. Zwar hat Brook das im Westen kaum bekannte Epos tatsächlich über Asien hinaus ins Bewusstsein gehoben, aber seine Inszenierung ist ein Kunstwerk eigenen Zuschnitts, keine Schulfunkeinführung in indische Kultur und Philosophie.

Man kann Macbeth ansehen, um sich über schottische Geschichte zu informieren. Dass Shakespeare 400 Jahre nach seinem Tod immer noch die Spielpläne anführt, dürfte sich jedoch kaum dem historischen Interesse verdanken. Und auch der anhaltende Erfolg von Wagners Ring ist wohl nicht Beleg für die Aktualität des deutschen Mittelalters. Was an diesen Stoffen nach wie vor fasziniert, ist von anderer Qualität. Peter Brooks Mahabharata verfügt über sie.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Peter Brook: Mahabharata
absolut Medien
3 DVDs, 29,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Klimmzug

Nächster Artikel

Zeit der Wunder

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Die andere Kammerzofe

Film | DVD: Tagebuch einer Kammerzofe 1964 kam Luis Buñuels Tagebuch einer Kammerzofe in die Kinos, das nicht zuletzt wegen Jeanne Moreau in der Titelrolle zu einem großen Erfolg wurde. Der Film basiert, sehr frei, auf dem gleichnamigen Roman von Octave Mirbeau, der 1900 erschienen ist. 18 Jahre vor Bunuel gab es bereits eine Verfilmung des Stoffes, und ihr Regisseur war kein Geringerer als Jean Renoir. Von THOMAS ROTHSCHILD

»Fucking LA«

Film | Im Kino: Only lovers left alive Der Vampirfilm, möchte man annehmen, erfährt alle fünfzig Jahre sein faszinierendes Revival. Im Jahr 1967 war er höchst erfolgreich mit Roman Polanskis Tanz der Vampire, sein intellektueller Anspruch ist hoch, er verbirgt Melancholie hinter einer tendenziell unernsten Fassade. Dieser Tage legt Jim Jarmusch, seit Stranger than paradise (1984) und Down by law (1986) eine Ikone des Independent-Kinos, dem Publikum einen Vampir-Film vor. Von WOLF SENFF

Oktoberzeit war Leidenszeit

Film | Im TV: Polizeiruf 110 – Eine mörderische Idee Wir werden das Rad neu erfinden! Vorbei. Nach den experimentellen Probebohrungen der ersten Oktoberhälfte nun wieder Sonntagabendkrimi der feineren Art. Konservativ gefilmt, zügige Wechsel, weder Rückblenden noch überlappende Dialoge, paar ineinander verschachtelte Szenen fallen kaum auf, das Geschehen läuft eins nach dem anderen, irrlichternde Ermittler sind nicht vorgesehen. Ein Film, der statt von dramaturgischem Dekor und ausufernder Originalität von nüchterner Handlung lebt. Geht also noch. Von WOLF SENFF

Bis zur letzten Sekunde

Film | Tatort: Der sanfte Tod (NDR), 7. Dezember »Wir sind die Niedersachsen/ sturmfest und elbverwachsen« – genau. Es geht um einen Schweineschlachtbetrieb, der international prächtig aufgestellt ist, mit vierhundertfünfzig Angestellten zuzüglich zweitausend Arbeitern auf Werksvertragsbasis, also Hungerlohn, mit drei Betrieben in Holland, zweien in China, einem Joint Venture in Russland, so eine Firma, gewiss, muss straff organisiert sein. Von WOLF SENFF

Familie, oh Familie, oh!

Film | Im TV: Tatort 901 – Brüder (RB), 23. Februar Die Polizisten David Förster (Christoph Letkowsky) und Anne Peters werden in diesem TATORT zu einem Notruf geschickt; ein Mann fühlt sich bedroht. Der Einsatz eskaliert. Als die Bremer Hauptkommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) eintreffen, sind David Förster und der Mann entschwunden; Anne Peters, lebensgefährlich verletzt, wird in die Intensivstation eingeliefert. Von WOLF SENFF