Zeit der Wunder

Film | DVD: Das Wort (Arthaus Retrospektive)

Ingmar Bergman und Andrej Tarkowski sind selbst in unseren geschichtsvergessenen Zeiten wenigstens dem Namen nach noch im öffentlichen Bewusstsein. Für Carl Theodor Dreyer gilt das nicht. Einer der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte ist praktisch unbekannt, und selbst Liebhaber der Filmkunst wissen in der Regel allenfalls, dass Dreyer in seiner Passion de Jeanne d’Arc fast ausschließlich mit Großaufnahmen gearbeitet hat. Von THOMAS ROTHSCHILD

Das WortWas den Dänen Dreyer mit dem Schweden Bergman und dem Russen Tarkowski verbindet, ist eine tiefe Religiosität. Sie ist die Voraussetzung für ein Hadern mit Problemen, die dem Nicht-Religiösen eher obskur erscheinen. Der 1955 veröffentlichte vorletzte Film Dreyers Das Wort (Ordet) handelt vom (rechten) Glauben, von verderblichem Zweifel. Durch den gesamten Film wandert ein Gottesnarr wie aus einem Roman Dostojewskis, und am Schluss bewirkt er ein veritables Wunder.

Das ist nicht nach jedermanns Geschmack. Und man kann sich ja, wie beim Schluss von Joseph Roths Hiob, zur Not damit behelfen, dass man das Wunder, in diesem Fall die Erweckung einer Toten zum Leben, als Metapher versteht, als Einbildung des anwesenden Kindes, als künstlerischen Einfall. Damit aber würde man dem Film nicht gerecht. Die Fragen, die er diskutiert, sind schon von originär theologischem Interesse, Dreyer nimmt sie ernst.

Wenn Das Wort auch den Agnostiker berührt, wenn es auch jenen fasziniert, der für das Mystische keine Ader hat, der nach rationalen Erklärungen verlangt, so liegt das an der filmischen Qualität dieses Meisterwerks. Die Wucht der Inszenierung, die Intensität der Darstellung, die differenzierten Grauwerte der Bilder, die sparsamen Landschaftsaufnahmen in den Dünen, die sehr nordische Versinnlichung des archaischen bäuerlichen Milieus, die Melodie der Dialoge bei fast völligem Verzicht auf Musikuntermalung – das alles hat nach mehr als einem halben Jahrhundert nichts von seiner Wirkung verloren. Und ohnedies gelten für die Künste andere Regeln als für das »wirkliche Leben«. Man muss nicht gläubig sein oder esoterische Neigungen haben, um sich an den Fantasien eines E.T.A. Hoffmann oder den jeder Erfahrung widersprechenden Bildern eines Magritte zu erfreuen.

Dreyer gehört wie Tarkowski und wie ein anderer religiöser Regisseur, wie Bresson, zu den Liebhabern der Langsamkeit. Seine Figuren bewegen sich allesamt träge, selbst wenn sie erregt sind, sie sprechen fast durchgehend leise, die Kamera bewegt sich langsam, die Einstellungen nehmen sich Zeit. Sie üben einen Sog aus auf den Zuschauer, statt ihn zu überrumpeln.

Zwar sind die Wendungen in der Handlung voraussehbar, das Drehbuch nach einem Drama des Pastors Kaj Munk, der von der SS ermordet wurde, ist nicht frei von Klischees, aber Details sind durchaus unkonventionell. So werden die Antagonisten, der Großbauer Morten Borgen und der Schneider Peter Petersen, nicht diametral als Gegensatzpaar gezeichnet, sondern können, bei aller Abneigung, respektvoll und ruhig miteinander reden. Man muss nur an die gleichzeitig entstandenen deutschen und österreichischen Heimatfilme denken, an das Bild, das sie vom bäuerlichen Milieu entwarfen, um zu erkennen, welche Welten zwischen ihnen und Dreyers Wort liegen.

Auch die Nebenfiguren, etwa der Arzt und der Pastor, in denen wir Ibsens Erbe zu identifizieren meinen, zeichnen sich durch subtile Charakterisierung aus. Sie stehen für den Gegensatz von Glaube und Wissenschaft, und doch tragen sie beide auch ein Quäntchen des anderen in sich. Es gibt keine wirklich böse Figur in Dreyers Film. Vielleicht liegt darin das Geheimnis: dass seine Religiosität human, aber keinen Augenblick bigott ist. Johannes, der »verrückte« Sohn, vollbringt sein Wunder just, als er von seinem Wahn, Jesus zu sein, geheilt ist – als Mensch, nicht als Gottessohn.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Das Wort („Ordet“)
Dänemark 1955
ca. 120 min.
FSK 12

Regie:
Carl Theodor Dreyer

Darsteller:
Henrik Malberg
Ejner Federspiel
Emil Hass Christensen
Cay Kristiansen

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wahrhaftig großes Theater

Nächster Artikel

Der junge Mann und der Suff

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

»Ganz lustige Geschichten von Geburten«

Film | Tous les chats sont gris – Erstaufführung des Debüts von Savina Dellicour In letzter Zeit ist in den Industrienationen, der sogenannten modernen Gesellschaft vermehrt die Rede davon, Kinder würden sich von ihren Eltern lossagen. Die familiären Generationen sind nicht mehr verschweißt wie noch vor einigen Jahren. Das ist auch ein Thema des Films ›Tous les chats sont gris‹, auf Deutsch ›Alle Katzen sind grau‹. Von DIDIER CALME

Grandioser Fiesling vom Dienst

Menschen | Zum 80. Geburtstag von Oscar-Preisträger Jack Nicholson am 22. April 2017 »Mit meiner Sonnenbrille«, sagte der Hollywood-Star vor zehn Jahren, »bin ich Jack Nicholson. Ohne sie bin ich fett und siebzig.« Die Rolle des psychopathischen ehemaligen Korea-Kämpfers Randle Patrick McMurphy in ›Einer flog über das Kuckucksnest‹ (1975) hatte ihn weltberühmt gemacht, obwohl er schon vorher in bekannten Streifen wie ›Easy Rider‹ (1969) und Roman Polanskis ›Chinatown‹ (1974) glänzte. Von PETER MOHR

Auftritt: Die Ex vom BKA

Film | TV: Tatort Die Wahrheit stirbt zuerst (MDR), 16. Juni: Meine Güte – kann Katja Riemann toll eklige Weiber spielen! Und wie charmant Andreas Keppler ihre entzückende Visage beschreibt! Boshaft? Nicht doch! Auch an Eva Saalfeld teilt er aus, »ihr«, sagt er, »hängt die Müdigkeit wie Würmer aus den Augen!« Das ist nicht fein – nein, das gehört sich nicht. Wir lernen, wie Keppler mit den Mädels umspringt, das ist die halbe Miete. Von WOLF SENFF

Dem Traum folgen

Menschen | Film | Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen Spektakulär wie der Film ›Fitzcarraldo‹ ist auch das Tagebuch von seinen Dreharbeiten 1981. Über zwanzig Jahre später hat es Werner Herzog ruhen lassen und nun erst veröffentlicht: eine Selbsterfahrungstrip, ein Expeditionsbericht von einem Dschungelabenteuer an der Seite des tobsüchtigen Klaus Kinski. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Den Anstich lassen wir uns nicht vermiesen

Film: Im TV: Die Armenambulanz (ARD), 5. Oktober, 15:30 Uhr Schland. Wir sind Papst. Champions League sind wir auch. Klar. Aber was ist das für ein Land, in dem wir leben, mal abseits der lärmenden Partys, abseits unserer lachenden Anästhesisten à la Oliver Welke oder, haha, Rainald Grebe. »Wenn eine Gesellschaft Banken rettet und keine Menschen mehr, dann läuft irgendetwas falsch«, sagt Gerhart Trabert, Professor für Sozialmedizin; er leitet in Mainz eine Ambulanz für arme Menschen. Von WOLF SENFF