Die Abwesenheit erzählen

in Roman

Roman | Patrick Modiano: Dora Bruder

Zur Wiederauflage von Patrick Modiano: Dora Bruder. Von SIBYLLE LUITHLEN
Im Dezember 41 – dem zweiten Pariser Winter unter deutscher Besatzung – erscheint im Paris Soir folgende Suchanzeige: Vermisst wird die 15-jährige Dora Bruder, »1,55 m, ovales Gesicht, graubraune Augen, sportlicher grauer Mantel, weinroter Pullover, dunkelblauer Rock und Hut, braune sportliche Schuhe.«
Dora Bruder
1988, mehr als vierzig Jahre später, stößt Patrick Modiano – Preisträger des österreichischen Staatspreises für europäische Literatur 2012 – auf diese Anzeige und macht sich auf die Suche nach den Spuren, die dieses Mädchen hinterlassen hat. Es sind wenige. Und Modiano braucht fast zehn Jahre, um sie zusammenzusuchen und ein Buch daraus zu machen – Dora Bruder.

Schon 1998 ist es bei Hanser in der flüssigen und überzeugenden Übersetzung von Elisabeth Edl erschienen, in der es nun bei dtv wiederaufgelegt worden ist. Wenn wir auf diesen 150 Seiten nicht allzu viel über Dora Bruder erfahren – Ort und Zeit ihrer Geburt, biographische Daten ihrer Eltern, ihr Aufenthalt in einem katholischen Internat, einige Ausbrüche – so erfahren wir doch vieles, was ihre und gleichzeitig die Biographie des Autors erhellt.

Denn Modiano macht kein Hehl daraus, dass die Beschäftigung mit dem Leben dieses jüdischen Mädchens auch eine mit seiner eigenen ist. Immer wieder sucht er nach Parallelen zwischen Doras Jugendjahren – sie war erst 16, als sie über das Gefängnis les Tourelles und das Lager Drancy im Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert wurde – und seiner Zeit als junger Erwachsener: Der Bewegungsradius rund um den Boulevard Ornano ganz im Norden der Stadt, die Porte de Clignan­court, die Métro-Station Simplon, die – in seinem Fall nur von väterlicher Seite bestehende – jüdische Abstammung, die Heimatlosigkeit. Dabei vergisst er nie, dass er sich 1965 in Sicherheit befand, während Dora Bruder etwas mehr als zwanzig Jahre früher vollkommen schutz- und mittellos war.

Da Modiano auf seiner Suche nur spärliche Fakten findet, verlegt er sich darauf, unterschiedlichste Spuren zu verfolgen, die Aspekte von Dora Bruders Leben erhellen könnten: Briefe eines Lager- Insassen, zufällig bei einem der Bouquinistes am Seine-Ufer gefunden, ein Gespräch mit einer ehemaliger Schülerin des Internats, in dem Dora am Ende ihres kurzen Lebens wohnte, eins mit einer Verwandten, die den rebellischen Charakter des jungen Mädchens bestätigt, Biographien anderer Jüdinnen in ihrem Alter, die Dora gekannt haben könnte, die Geographie der Stadt mit ihren zahllosen Straßen- und Cafénamen, Wege, die Dora vermutlich gegangen ist, Kinos und Métro-Stationen, die ihr geläufig gewesen sein müssen, Register-Eintragungen, in denen sie oder ihre Eltern auftauchen, Familienfotos, eigene Erinnerungen an jugendliche Rebellion und verlorene Nachmittage in dem Viertel um die Porte de Clignancourt, die Härte des Winters 41 mit seinen Sperrstunden und den eisigen Temperaturen.

So entsteht ein dichtes Netz aus Referenzen, Parallelen, Vermutungen, Fragen, Schilderungen und eigenen Erinnerungen, die das Leben von Dora Bruder einkreisen. Doch letztlich ist es eine Abwesenheit, ein Nicht-Wissen, das dieses Netz zusammen hält. Trotz der sachlichen Sprache, quasi zwischen den Zeilen von Erlassen, Mahnungen, Briefen, Suchanzeigen und den Namen verschwundener Orte, lassen sich die menschlichen Dramen erahnen, die sich hundert und tausendfach im Paris der Besatzungsjahre ereigneten, das stille Verschwinden so vieler; oft Menschen, »die wenig Spuren zurücklassen. Als wären sie namenlos.«

Und deren Leben für uns aus einem »Block aus Unbekanntem und Schweigen« besteht. Schreiben ist für Modiano, den großen Melancholiker unter den zeitgenössischen französischen Schriftstellern, immer auch Erinnern. Und das Erinnern ist der Versuch, dem großen Strom des Vergessens einige Fetzen zu entreißen.

| SIBYLLE LUITHLEN

Titelangaben
Patrick Modiano: Dora Bruder
München: dtv 2013
160 Seiten. 9,90 Euro

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