»Müssen« müssen

Kinderbuch | Henning Löhlein, Charlotte Habersack: Wenn ich aber nicht muss!

Wer kennt diese Situation nicht: man steht fix und fertig angezogen da, hat alles zusammen, Schlüssel, Geldbeutel, Hut und Schirm, kann endlich, endlich aufbrechen und dann … verschwindet man sicherheitshalber noch einmal im Stillen Örtchen. Was bei Erwachsenen längst zum ‚sicherheitshalber’ geworden ist, ist für Kinder, besonders für recht kleine, eine ganz schreckliche Geduldsprobe. Ausgedacht, einzig und allein, um die Kleinen zu ärgern, daran gibt es keinen Zweifel. Henning Löhlein und Charlotte Habersack präsentieren mit Wenn ich aber nicht muss! genau so eine Geschichte, mit Verve und Witz und noch dazu höchst ritterlich! Von MAGALI HEISSLER
Wenn ich aber nicht muss
Klodwig ist ein hervorragender Ritter, auch wenn er noch recht jung ist an Jahren. Er ist stolz und mutig und nichts ist ihm lieber, als für seinen König zum Turnier zu ziehen. Schließlich hat er eben dazu seine Rüstung. Er hat aber auch einen Knappen. Knut ist nicht nur treu, er ist auch wichtig, denn er hilft Klodwig dabei, die Rüstung anzulegen. So eine Rüstung anzuziehen ist ein bisschen umständlich. Wieder herauskommen auch, das braucht viel Zeit. Deswegen findet Knut es wichtig, dass sein Herr, Ritter Klodwig, bevor er anfängt, die eisernen Rüstungsteile anzulegen, noch einmal schnell zur Toilette geht. Pflichtbewusst erinnert er ihn jedesmal daran. Und geht seinem Ritter damit ganz schrecklich auf die Nerven. Eines Tages reißt der Geduldsfaden endgültig, Klodwig muss eben nicht. Also geht er auch nicht. Das aber bringt auf dem langen Ritt in voller Rüstung ein gewisses Problem.

Örtchen, Toilette, Töpfchen, Klopapier und Pipi – die ewige Faszination

Der Toilettengang und alles, was damit zusammenhängt, ist für kleine Kinder ebenso lästig wie spannend. Lästig, weil er eine aus dem schönsten Spiel herausreißt. Das Spannende daran speist sich nicht unwesentlich aus dem Verhalten der Erwachsenen, die mit dem Thema dringlich wie auffällig geheimnisvoll umgehen. Das fasziniert. Es gibt viele Wörter für den Ort, Toilette, Lokus, Klosett, und es gibt welche, die äußerst drollig klingen, wie ›Pipi‹ zum Beispiel. Das macht Spass. Diesen Spass schöpfen Henning Löhlein und Charlotte Habersack gründlich aus. Sowohl im Text als auch in den Bildern tauchen die Begriffe häufig auf. Schon im Schriftzug des Titels zeigt sich ein wichtiges Ingredienz, Klopapier nämlich. Es taucht noch öfter auf, ebenso wie Toilettenhäuschen und Randfigürchen – im Wortsinn – , die ganz ungeniert pinkeln. Die ewige Faszination des Vorgangs, vor allem in diese ansprechend lustigen Bilder umgesetzt, wird kleine Betrachterinnen und Betrachter begeistern.

Begeistern wird sie auch die Situation, die Klodwig durchlebt. Ständig von seinem Knappen gereizt, verweigert er sich und gerät prompt in eine Patsche.

Überraschende Wendung

Erzählt wird mal ein bisschen gereimt, mal in Prosa, vor allem aber pointiert und offenherzig. Die ganze Geschichte ist ein wenig verrückt, aber durchaus rational und unaufdringlich an die Erfahrungen der kleinen Leserinnen und Leser gebunden. Das zeigt sich schön z.B. in der Doppelseitigkeit des Rittermotivs. Einerseits spricht es die Erfahrung des jungen Zielpublikums beim Kleiderablegen auf der Toilette an, das etwa in der kälteren Jahreszeit zeitaufwendig ist, andererseits gibt es eine Antwort auf die naheliegende Frage, ob und vor allem wie Ritter ›es‹ denn gemacht haben. Die mussten also auch so leiden!

Knut, der brave Knappe, ist aber nicht nur lästig, wie sich herausstellt, sondern in Notlagen auch geduldig und hilfsbereit. Dass die Verweigerung, die die Notlage gebracht hat, am Ende nicht in eine Katastrophe mündet, sondern eine überraschend witzige Wendung erfährt, ist nicht nur erzählerisch ein Plus. Die Wendung zeigt auch, dass man durchaus mal ‚nein’ sagen darf. Folgen hat das, selbstverständlich, aber ganz so schlimm, wie alle behaupten, sind sie dann doch nicht.

Die Illustrationen, großflächig und knallbunt, enthalten viele höchst liebevoll ausgedachte Details, die die Grundgeschichte auf das Lustigste erweitern. Sein volles lustiges Potenzial entwickelt dieses Buch über das leidige Pinkeln-gehen-müssen-Problem beim Vorlesen und gemeinsam Betrachten. Gemeinsam lachen ist einfach am Schönsten, vor allem, wenn auch Erwachsene augenzwinkernd auf manche kleinere Schwäche hingwiesen werden.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Henning Löhlein/Charlotte Habersack: Wenn ich aber nicht muss!
Ravenvsburg: Ravensburger Buchverlag 2013
32 Seiten. 11, 99 Euro
Bilderbuch ab 4

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Imitiertes Leben

Nächster Artikel

Stummer Beobachter

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Gefährliche Liebschaft

Jugendbuch | Beate Dölling: Je mehr ich dir gebe Unwiederbringlich verlieren, wen man am meisten liebt, schlägt eine tiefe Wunde. Heilung scheint unmöglich. Was aber geschieht, wenn ein anderer auftaucht und einer das Gefühl gibt, der Tote sei dem neuen Paar immer nah? So einen muss man doch lieben. Beate Dölling lässt in ›Je mehr ich dir gebe‹ die siebzehnjährige Julia eine höchst gefährliche Liebschaft eingehen. Von MAGALI HEISSLER

Geraubte Träume

Jugendbuch | Cherie Dimaline: Traumdiebe

Der 16jährige Frenchie ist mit einer Gruppe von wenigen Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen auf der Flucht durch Kanada, gnadenlos gejagt von den Traumdieben. Von ANDREA WANNER

Am Abgrund – und darüber hinaus

Jugendbuch | Kayla Ancrum: Wicker King Wie weit kann Freundschaft gehen? Wie weit darf Freundschaft gehen? Und wann muss man erkennen, dass man aussteigen muss? Von ANDREA WANNER

Hartes Thema

Jugendbuch | Rachel van Kooij: Die andere Anna Wir kennen sie, die schlimmen Nachrichten, wenn Angestellte in Jugendämtern die Gefahr für Kinder in den eigenen Familien unterschätzt haben und das Kind leiden muss. Denkt da niemand an das Wohl des Kindes, heißt es dann. Dass man das Kindeswohl auch als Vorwand für eigene Eitelkeiten, Machtrausch und blanken Egoismus benutzen kann, ist ein Thema, das weit seltener aufgegriffen wird. Rachel van Kooij erzählt in ›Die andere Anna‹ was geschieht, wenn Jugendamt und Pflegeeltern felsenfest entschlossen sind, sich eines Kinds zu bemächtigen. Von MAGALI HEISSLER

Down and under, kreuz und quer

Jugendbuch | James Roy: City down under Eine Großstadt an einem Fluss, Eisenbahnschienen, Buslinien, Straßen. Ein Stadion, Kneipen, Eisdielen, Parks, kleine Geschäfte und Firmen, Häuserzeilen. Überall junge Menschen. Wer sind sie, was treibt sie vorwärts, was für eine Geschichte haben sie zu erzählen? Der australische Autor James Roy hat sich für sein neues Buch City down under welche ausgedacht und sie könnten glatt genauso passiert sein. Von MAGALI HEISSLER