Äußerst verdichtet

Jugendbuch | Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen

Jugendromane in Form von Gedichten erscheinen in den letzten Jahren immer wieder einmal. Die besten kommen aus Australien. Steven Herrick entfaltet in äußerster Verdichtung einen magischen Bilderbogen über die Jugendzeit zwischen Schmerz und Liebe. Von MAGALI HEIẞLER

Steven Herrick Ich weiß heute Nacht werde ich träumenDass die Geschichte in den frühen 1960ern spielt, erfährt man nur, weil Harry es einmal für erwähnenswert hält. Harry, das ist der ältere der beiden Hodby-Brüder und der Ich-Erzähler. Was er erzählt, könnte man mit wenigen Worten niederschrieben, so normal ist es trotz der innewohnenden Tragik. Als kleine Kinder schon verlieren die beiden Jungen die Mutter, sie leben in einer Kleinstadt mit dem Vater zusammen. Die Nachbarschaft tuschelt und hetzt, die Jungen werden größer, müssen sich durchsetzen, einen eigenen Weg finden, verlieben sich, durchleiden weitere Verluste, spielen Streiche, erhaschen Blicke aufs Erwachsenenleben und spüren, dass sie ihm bald selbst angehören werden. Der Alltag ist banal, Freude, Streit, Ärger, Überraschungen. Nichts ist neu und doch ist alles funkelnagelneu, weil Harry es nie zuvor erlebt hat. Sein Staunen über die Welt birst aus den Zeilen.

Die Farben der Jugend

Herrick hat seine Hauptfigur mit einem wachen Sinn für die Farben der Welt ausgestattet. Was im Fließtext in die gefährlichen Gewässer der Sentimentalitäten geraten könnte, hat in den gebrochenen Zeilen angemessenen Ausdruck gefunden. Jedes Wort sitzt, zugleich jedoch vermittelt es den Eindruck einer dynamischen Gedankenflut, die kaum gebändigt ist. Der Zeilenbruch gibt den Kurztexten Rhythmus, es pocht, pulsiert, fließt träge, hämmert, rauscht, wallt, gluckert, strömt. Es ist Herzschlag und Fließen. Das Leben und der Fluss, an dem die Kleinstadt liegt, sind Realität und Metapher für das stetige Wachsen, Werden und Vergehen des Lebens gleichermaßen, für seine trügerische Ruhe und seine plötzliche Wildheit. Man kann sich verlieren im Rhythmus, wer mutig genug ist, möge wagen, die Texte laut zu lesen. Das ist reine Lebenslust-Lebensangst in Worte gepackt.

Die Farben sind klar und stark, blau, grün, braun, weiß, rot. Schwarz das Haar der Mutter, purpurn ihr Kleid, blau-rot die Relikte von Prügeleien. Zwischentöne, Pastelliges gibt es kaum einmal. Kombiniert sind die Farben oft ungewöhnlich. Weiß Gänseblümchen und ein Kreuz, grün ein Taschentuch, über dem Herzen getragen. Silber die Farbe für eine schmerzliche Jugendliebe, braun die Haare der verlorenen Geliebten, aber auch des dürren Wintergrases oder einer toten Schlange. Schwarz sind die Überbleibsel einer gelöschten Brands.

Doch Harrys Welt schmeckt auch süß, nach Kuchen, Lutschern und Wassermelone, sie zeigt sich in unterschiedlichsten Tönen, im Geschrei der Flughunde, im schrillen Geschimpfe der Nachbarin, in der weichen Stimme einer jungen Frau, die erstes erotisches Begehren in ihm weckt.

In den Kurztexten steckt die ganze Welt. Zunächst ist es die Kleinstadt, gemütlich manchmal, ein andres Mal bedrückend. Dann weitet sich der Blick und mit ihm die Empfindungen. Herrick gelingt es, Harry unter den staunenden Augen der Leserin langsam älter werden zu lassen, er wächst mit und an seinen Erfahrungen. Harry ist ein Beobachter, auch seiner eigenen Empfindungen. Seine Zurückhaltung und Aufmerksamkeit bewahren ihn vor manchen Fehleinschätzungen. Man kann Schlimmeres tun, als sich auf Harrys Eindruck zu verlassen, selbst wenn er eher sein Staunen über das, was geschieht, zum Ausdruck bringt als eine Handlungsanweisung.

Dabei ist Harry weder Wunderkind noch ein Weiser. Er spielt dumme Streiche, er ist übermäßig neugierig und übernimmt leichtfertig Urteile anderer. Was ihn rettet, ist seine Neugier auf die Welt. Und sein gutes Herz.

Väter, Söhne, Brüder, Freunde

In Herricks Geschichte geht es nicht nur um Harry, obwohl dieser der einzige Berichterstatter ist. Herrick hat einen kleinen Roman über die Beziehungen von Männern untereinander geschrieben. Und über ihre Beziehungen zu Frauen. Ein erstaunliches Thema in einem Jugendroman, weil es breit gefächert, differenziert und vertrackt ist. Herrick macht es sich nicht einfach dadurch, dass er sich kurz fasst. Im Gegenteil wählt er die Schlaglichter sehr sorgfältig. Es tritt eine erkleckliche Anzahl von Figuren auf, Erwachsene, Heranwachsende, Kinder. Es gibt kluge und törichte Väter, Missetäter, Säufer, Verrückte, Rücksichtslose, Verantwortungsbewusste. Helden unterschiedlichster Couleur.

Die Jugendlichen wiederum haben neben ihrer Prägung durch das Elternhaus ihr eigenes Beziehungsgeflecht. Überraschende Freundschaften entstehen, überraschende Lieben. Die Zuneigungen sind herzerwärmend. Einigen Raum nimmt die Beziehung zwischen Brüdern ein. Was Herrick aus der Verbindung zwischen Harry und dem ein Jahr jüngeren Keith macht, ist recht neuartig. Darüber hinaus gelingt es ihm, den jüngeren, den wir ja allein aus Harrys Augen sehen, nicht nur lebendig, sondern eigenständig werden zu lassen. Der kleine Bruder ist kein Abklatsch des großen, noch ist der ein Vorbild für ihn. Keith wächst, wie alle Figuren, in ein eigenes Leben hinein. Alle auftretenden Figuren sind ab der zweiten Hälfte des Buchs individuell agierende höchst lebendige Wesen. Auch wenn wir kaum mehr als ihre Namen kennen, wissen wir exakt, wen wir vor uns haben.

Dass die geliebten Frauen, junge wie ältere, in der Geschichte die Toten sind oder aber aus der Handlung verschwinden, mag zunächst sehr kritikwürdig sein. Die schöne weibliche Leiche ist bedauerlicherweise ein beliebter Topos der Weltliteratur. Der Autor hat es sich in seinem Roman über Männer aber nicht so leicht gemacht.

Das liegt an seiner Menschenliebe. Er glaubt fest an das Gute, irgendwo, letztlich, so tief innen. So traurig vieles ist, was Harry durchleben muss, sein Autor hat ihm Willensfreiheit zugestanden. Obwohl er weder gegen den Tod der Mutter noch gegen das Hochwasser, in dem die geliebte Mitschülerin ertrunken ist, etwas tun kann, sind es die liebevollen Erinnerungen, die Harry großzügig sein lassen gegenüber dem Leid anderer. Sowie die Klugheit und Behutsamkeit des Vaters, eines ganz besonderen Charakters.
Herrick weist ungeschminkt darauf hin, dass es Frauen in der restriktiven Gesellschaft der sechziger Jahre ungerechterweise schwer hatten. Und es ist wiederum eine selbstbewusste Mitschülerin, die Harry einen anderen Blick auf die verabscheute Kleinstadt werfen lässt.

Wie in jeder guten Geschichte über »Früher« kommen natürlich auch hier Geister vor. Realistisch, wie sie gewesen sein mag, Vergangenheit hat immer etwas Gespenstisches. Und so handelt Herricks Geschichte schließlich auch davon, wie man Geister freundlich zur Ruhe bettet, damit man weiterziehen kann im Leben.

Herausgehoben werden muss die Übersetzung des hoch komprimierten Originals, der es gelingt, auch im Deutschen viel Raum zu schaffen, in dem sich die angetippten Assoziationen entfalten können. Hin und wieder wäre vielleicht die traditionelle Hochsprache den Herausforderungen eines Romans in Gedichtform angemessener gewesen, etwa die strikte Verwendung des Genitivs statt des Dativs. Ein uneingeschränkter Pluspunkt ist das Layout, die Wellen des Flusses begleiten die Leserin durch das Buch. Schön!

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen
(By the River, 2004). Aus dem australischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Stuttgart: Thienemann 2018
240 Seiten, 15 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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