Ja so san´s, die alten Kriegersleut

Roman | Peter M. Roese: Allgäu Sixties

Seit einiger Zeit ist ein äußerst burleskes Buch auf dem Markt: Allgäu Sixties von Peter M. Roese. Dieses Werk – angekündigt als olivgrün angehauchte Hommage und Liebeserklärung an das Allgäu und die 60er Jahre – ist ein Erinnerungstext gespickt mit Plattitüden der Bundeswehr, Allgäuer Heimatepisoden mischen sich mit Schmankerln der Wochenendfreigänger.
Durch ein militaristisches Absurdistan hat sich HUBERT HOLZMANN geschlagen.
Allgäu Sixties
Im Mittelpunkt des Romans Allgäu Sixties von Peter M. Roese steht der Franke Rossner, wohl ein Alter-Ego des Autors. Wie im besten Schelmenroman springt der Held bestens gelaunt aus den Federn, schüttelt die Restmüdigkeit ab und blickt aus dem Fenster. Natürlich herrscht strahlender Sonnenschein, die Sonne geht auf, Vögel zwitschern und ein mächtiger Wurstvorrat hängt im Zimmer.

Man meint eine skurril-ironische Erzählung des Bayreuthers Jean Paul aufzublättern und ist dann doch sehr schnell ernüchtert. Gibt es doch gleich zu Beginn einige befremdliche Merkwürdigkeiten. Denn es wird »soldatesk«: Vom Matratzenhorchdienst ist die Rede, es gibt einen Vaterlandsverteidiger und eine Hummel brummt wie ein militärisches Transportflugzeug C-47. So beginnt für Rossner ein Sonntag im Fliegerhorst der Bundeswehr in Kaufbeuren Anfang der 60er Jahre.

Bye, bye, Uffz

Die Story, die der Autor Roese hier zum Besten gibt, ist schnell erzählt. Denn im eigentlichen Sinn gibt es gar keine wirkliche Romanhandlung. In Allgäu Sixties werden vielmehr einzelne Erlebnisse zusammengestrickt. Den Rahmen bildet Rossners Dienst für das Vaterland: die Zeit der Ausbildung sowie das Leben als Bundeswehrgefreiter in der Kaserne. Gefüllt wird diese Zeit mit Episoden aus dem Sammelalbum der 60er Jahre: Erlebnisse aus dem Allgäuer Land, Tanzfeste, Wirtshäuser, Ausflüge in die Berge. Daneben Eindrücke von Rossners Staffelverband, Einblicke in das Stubenleben, in den Spind.

Der Ton wie zu erwarten recht rau: »‘Gefreiter Häberle, nehmen Sie sich einen Stuhl und postieren Sie sich vor dem UvD-Zimmer‘, empfiehlt der Oberfeld. ‚Schließlich ist Dienst Dienst und Schnaps Schnaps.‘« Die Denke der Insassen (und auch des Autors?) eher flach: »‘Wie gehts übrigens Mao und Lumumba [zwei Mäuse] … noch kein Nachwuchs in Sicht?‘ ‚Nein.‘ ‚Seltsam. Dann müssen das wohl 175er oder Lesben sein.‘« Und wenn dann noch fröhlich zum »Westerwald« marschiert wird, meint man sich fast um weitere 20 Jahre zurück in die Vergangenheit versetzt zu sein. Rommel, wir folgen dir… Also weiter die Waffen polieren und männlich stramm stehen.

Aber war es nicht damals in den 60ern so? Peter M. Roese vermittelt vielleicht doch Originalkolorit, ein Panorama dieser so beschaulichen, scheinbar so harmlosen Nachkriegs- und Aufbauzeit in Kaufbeuren. Selbstverständlich interessierten sich die Bundeswehrgefreiten kaum für die historische Umgebung des Fliegerhorsts. Ehemalige Zwangsarbeiterlager haben natürlich weniger Anziehungskräfte als die örtlichen Treffpunkte der jungen Menschen: Eisdielen, Tanzschuppen und Nachlokale. Zwar blickt Roese kurz auf die ehemalige Munitionsfabrik, die NS-Zeit wird jedoch brav ausgeblendet, verschwiegen. Auch das natürlich historisch begründet: die Kunst der Verdrängung von Tätern und Mitschuldigen der Zeit.

Auch in Kaufering kann die Geschichte des Bunkers nicht ganz verschwiegen werden: »‘Das [der Bau der Düsenjäger Me 262] lief unter dem Decknamen ‚Unternehmen Ringeltaube‘ und wurde von KZlern gebaut. Es muss eine entsetzliche Schinderei gewesen sein, wobei viele umkamen. Die armen Leute!‘« Dieser revanchistisch-konservative Fokus aus Geschichte ist erschreckend. Peter M. Roese lässt seine Helden sprechen. Denken verbietet er ihnen. Zu eigenen Kommentaren, ja Distanz ist er nicht fähig.

Hingegen fällt er ins autoritätshörige Echo der Zeit mit ein: Bewundernd wird den Helden der Vergangenheit ein Denkmal gesetzt: seinem altgedienten Stabsoffizier Cornelius, dem Generalinspekteur der Bundeswehr de Maizière oder auch Rossners Heimathelden Hermann Göring. Rossner ist bei der Stationierung der Pershings dabei, nimmt an Manövern der NATO-Truppen teil, ist Mitglied eines Aufräumkommandos bei einem Starfighter-Absturz und mischt sich in eine NPD-Versammlung ein. All diese Dinge entwickeln jedoch kein Profil, bleiben blass, wie leblose Abziehbildchen einer vergangenen Zeit. Nur im Nebenbei wie ein kurzer Einfall – die Ermordung Kennedys, der Obristenputsch in Griechenland, der Anschlag auf Rudi Dutschke, die Mondlandung.

Die Traube, die Rose, der Stachus oder Wenn Möpse wackeln

Mit Feuereifer schildert der Autor hingegen das Freizeitprogramm seines Bundeswehrpersonals, das er im Idiom des jeweiligen »Volksstammes« zu Wort kommen lässt. Der Dialekt trifft ins Schwarze oder eben genau die Bedürfnislage der Soldaten: »I leg den Haustürschlüssel unter d´Fußmattn.« Im Tief- oder Direktflug geht es dann über Schwimmbäder, Gartenlauben und Volksfestbretter hinweg, die Waffe zielgerichtet auf den »Feind«, mit geballter Männlichkeit – fast ironisch überzeichnet und den Stabreim schwingend – auf die Jagd nach »Blondinenüppigkeit« und »bedrohlichem Busen«, nach »prachtvollen, feuchten Melonen«. Im Stadtbad liegen zwei junge Damen. »Die eine ist eine richtige Wuchtbrumme. ‘Lieber Himmel!‘, entfährt es Schober. ‘Leute, das muss ein Paradies für Bergsteiger und Naturfreunde sein‘, meint Zindel mit gedämpfter Stimme…«

Da kann man schon mal schwach werden. Tagelange Kasernierung regt an zu Männerfantasien – noch als ergrauter Autor aus der Rückschau. Denn, was hier alles ins Wackeln gerät, ist so nebenbei auch die Charakterzeichnung des Helden, der einerseits gewollt reflektierend durch die Welt schreitet, jedoch auch kein Kostverächter ist und nimmt, was er kriegen kann. Erstaunlich dabei höchstens die Variationsbreite des Kasernentons und die durchaus große, fast phallische Waffensammlung: Im Text wimmelt es nur so von Raketen, Granaten, Rohren etc.

»Und täglich grüßt das …«

Eine Entwicklung des Helden ist nicht zu sehen, er besitzt kein wirkliches Profil. Seine persönlichen Erlebnisse bleiben ohne Bedeutung, werden abgehakt, prägen nicht. Eine Veränderung ist bei Rossner nicht zu erkennen. Allenfalls im Dienstgrad und im Zustand seiner Autos. Seine Mittel sind die der Überzeugung: Haltung, aufrechter Gang und an entscheidender Stelle: Angriff und Nahkampf – oder mit der Sprache der Beat-Generation – im Engtanz mit einer Braut zu Nummern wie »My world is empty without you babe«.

Mit diesen Künsten füllt sich Rossners Trophäensammlung – mit Mauerblümchen, Backfischen, Frühreifen und Erfahrenden: die brünette Erna, die Petticoat Anette, das lispelnde Mädel aus Eskiltuna, Lore mit den warmen, feuchten Lippen, die charmante Chantal, Augenaufschlag-Susi oder die sagenhafte Josephine. Seine Nummern sind nicht zu zählen, auch seine Übergriffe nicht, die Griffe in Blusenausschnitte, Griffe an Strumpfbänder seiner zahlreichen Bräute. Josephine Mutzenbacher mit ihren süßen Mädeln scheint Patin gestanden zu haben. Doch nichts Konkretes geschieht: Denn »immer schweigt der Kavalier«. Ein Buch voller Bundeswehrklatsch, voller Abziehbilder der 60er Jahre. Ohne Bedeutung. Ohne weiteren Kommentar.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Peter M. Roese: Allgäu Sixties
Karlsruhe: Info Verlag 2011
320 Seiten. 14,80 Euro (Lindemanns Bibliothek)

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