Das Leben feiern

Jugendbuch | Wendy Wunder: Flamingos im Schnee

»Meine Unschuld auf einer Fassbierparty verlieren – mir das Herz von einem Arschloch brechen lassen – mit Ladendiebstahl in kleinem Stil experimentieren.« Dies sind nur einige Punkte auf Campbells Agenda, die die Sechzehnjährige ebenso akribisch wie unbeirrbar und zügig abarbeitet. Was es damit auf sich hat, verrät INGRID HELLRIEGEL.
Flamingos im Schnee
Dieser Teenager muss vollkommen durchgeknallt sein? Nein, ganz und gar nicht, würde Cam wohl sagen und ihre ebenso strukturierte wie zeitsparende Vorgehensweise beim Sammeln von Lebenserfahrung verteidigen. Denn trotz ihrer Jugend hat sie eben nicht alle Zeit der Welt und das Leben noch vor sich: Cam ist krebskrank, austherapiert, ohne Heilungschancen.

Mutter und Schwester, die sie mit spöttischer Distanz betrachtet, können das Schicksal nicht akzeptieren: Sie klammern sich an Wunderglauben, schleppen Cam von einem – zwielichtigen – sogenannten Heiler zum nächsten. Bis sie die Nase voll hat und sich weigert, noch irgendwelchen »New-Age-Quatsch« über sich ergehen zu lassen.

Nüchterne Analyse

Cam selbst sieht ihrem nahenden Tod stoisch ins Auge, Hoffnung auf ein rettendes Wunder ist kein Thema für sie. Da hält sie sich lieber an ihre Agenda: Wenn das Leben für sie nun mal bald zu Ende sein wird, dann will sie eben noch so viele Dinge erleben wie möglich, und zwar »normale« Dinge, denn Normalität ist das, was sie am meisten vermisst, seit die Krankheit ihr Leben bestimmt. Zum Glück hat sie eine Komplizin und Seelenverwandte gefunden: Lily, wie sie selbst unheilbar krank und nicht willens sich der Hoffnungs- und Aufmunterungsmaschinerie von Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern zu ergeben. Lily ist die Einzige, mit der sie über den Tod reden kann, die sie nicht beschwichtigen oder ablenken will und die – anders als ihre Angehörigen – ihren nahenden Tod nicht leugnet.

Aber je schneller Cam ihre Liste abarbeitet, umso schaler wird der Nachgeschmack und umso weniger erwartet sie noch vom Leben, dem sie zunehmend mit rigoroser Nüchternheit und beißendem Sarkasmus begegnet, unfähig ihre Angst und Depression denen, die sie liebt, mitzuteilen. Schließlich stößt sie auch Lily, die sich verliebt hat, vor den Kopf, weil sie in deren Beziehung nichts als Betrug und Selbsttäuschung erkennen kann. »Du kannst es nicht ertragen, mich glücklich zu sehen, stimmt´s? Du musst mich einfach wieder in dein Elend mit hineinziehen. Aber ich will mein Leben genießen. Ein bisschen lockerlassen. Vielleicht solltest du das auch mal versuchen!«, entgegnet ihr Lily, aber »Cam wusste, dass Lockerlassen ihr Ende bedeuten würde. Ihre Wachsamkeit war alles, was ihr noch blieb«.

Ein Silberstreifen am Horizont?

Unterdessen zieht die Mutter, die immer noch auf Cams Genesung hofft, mit den beiden Mädchen in einen kleinen Ort in Maine (»Promise«), von dem es heißt, dass dort Unerklärliches geschieht. Und tatsächlich ereignen sich dort nach Ankunft der Familie »Wunderdinge«: Schnee im Sommer, Regenbogen ohne Regen, ein todkranker Hundewelpe, der gegen alle Wahrscheinlichkeit wieder gesund wird. Ein echtes Wunder aber ist dies: Cam verliebt sich in Asher und lernt, dass Hoffnung für eine Haltung steht, die jeden Augenblick mit dem Unerwarteten rechnet; dass Wunder nicht getürkt sein dürfen, aber dass man tun darf und soll, was in eines Macht steht, um diejenigen die man liebt, nicht untröstlich zurückzulassen; und schließlich: Dass die Liebe bleibt und stärker ist als der Tod und die Angst vor dem Verlust. Dies alles ereignet sich in zündenden Dialogen, zwischen lebensprallen Figuren (herrlich, Cams unkonventionelle Großmutter), voll funkelnder Situationskomik, im Ton knapp, scharf, jede Pointe ein Volltreffer. Im Ganzen ein wenig leichter als John Greens herausragender Titel Das Schicksal ist ein mieser Verräter (Hanser, 2012), vor allem, da die Autorin mit den Beschreibungen körperlichen Siechtums spart, aber nicht weniger wahrhaftig als Obengenannter. Kurzum: Man darf sich darauf freuen, Cam zu begleiten bis zu ihrem Abschied. Ein im doppelten Wortsinne wunderbares Buch, das dazu einlädt, das Leben zu feiern.

| INGRID HELLRIEGEL

Titelangaben
Wunder, Wendy: Flamingos im Schnee (The Probability of Miracles, 2011).
Aus dem Englischen übersetzt von Karin Diemerling.
München: Goldmann, 2013.
352 Seiten. 17,99 €.
Ab 15 Jahren.

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