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»Das Land der unsichtbaren Verbotsschilder«

Roman | Ina Raki: In einem Land vor meiner Zeit

Leben als Jugendliche in der ehemaligen DDR des Jahres 1984, aber mit dem Wissen einer Jugendlichen von heute – auf dieses erzählerische Abenteuer hat sich Ina Raki eingelassen und damit einen überzeugenden Roman jenseits aller Ostalgie und DDR-Romantik erschaffen. Von BEATE MAINKA

Raki - Land vor meiner ZeitAlina wacht am Morgen ihres Geburtstags in einem ihr völlig fremden Bett auf. Fassungslos stellt sie fest, dass sie sich im Leben ihrer Mutter als 14jährige in der DDR des Jahres 1984 befindet.

Da sie in den Tagen zuvor in den alten Tagebüchern ihrer Mutter aus dieser Zeit schmökern durfte, hat sie zumindest einige Anhaltspunkte, um nicht sofort aufzufliegen. So gelingt es ihr, die Rolle ihrer Mutter einzunehmen, ohne den Argwohn von Mutti, Vati und Schwester Yvi zu erregen.

Ihr Tagebuch wird zu ihrem liebsten Begleiter, ihm vertraut sie allabendlich ihre Eindrücke und Erlebnisse an, zunehmend aber auch ihre Ängste und die belastenden Ereignisse, die sich aus ihrem normalen Alltag ergeben. Allmählich findet sie sich ein in das Leben ihrer Mutter, allerdings immer reflektierend aus heutiger Sicht. Der scheinbar unmotivierte Zorn des Vaters, die heimlichen Ausflüge mit Yvi in die nächste Stadt zum kirchlich organisierten Jugendtreff, die Vorbereitungen auf die Jugendweihe, die fremden Freundinnen, die zunehmend vertraut werden, der Mangel an Alltagsdingen und die ständige Angst vor Strafen für nicht staatskonformes Verhalten, all dies thematisiert sie klug beobachtend und mit zunehmender Sehnsucht nach ihrem heutigen Leben.

Zeitreise in eine fremde Jugend

Ein solches Buch haben wir gebraucht, dringend! Fernab jeder Beschönigung und Verklärung schildert Ina Raki, geboren 1968 in der damaligen DDR, ein scheinbar ganz normales Familienleben im sozialistischen Alltag. Der Kunstgriff, den sie dabei benutzt, ist die Perspektive ihrer Tagebuchschreiberin, denn Alina erlebt diesen Alltag mit dem Hintergrundwissen, wie anders eine deutsche Jugend später verlaufen kann.

Recht blauäugig mokiert sie sich zunächst nur über den stressigen Schulalltag, die unmögliche Mode, die fremden Gerichte und die beengten Wohnverhältnisse. Auch ihr junger Großvater, der nun ihr Vati ist, erscheint ihr fremd und bedrückt. Zudem ist sie vollauf damit beschäftigt, die Rolle ihrer Mutter zu erfüllen, die als gute und angepasste Schülerin mit großer Zukunft gilt. Erst allmählich geht ihr auf, dass die Jugendlichen für die Verwirklichung ihrer Berufswünsche einen hohen Preis zahlen, der bis hin zur Selbstaufgabe reicht.

Als sie selber sich kritisch über das System äußert und der Vater dahinter kommt, dass sie und ihre Schwester einen kirchlichen Jugendtreff besuchen, begreift sie, dass ein Ausbrechen aus der Norm ihre gesamte Familie in massive Schwierigkeiten bringen kann. Zunehmend macht sich Angst in ihr breit, beginnt sie den Staat zu fürchten, leidet sie unter der Perspektivlosigkeit und ständigen unterschwelligen Bedrohung.

Pflichtlektüre gegen das Verdrängen

Was zunächst als leicht lesbares Tagebuch einer Zeitreisenden daherkommt, entwickelt sich im Verlauf der Handlung zu einer ernst zu nehmenden Lehrstunde über die belastenden Alltagsschwierigkeiten normaler DDR-Bürger. Ganz nebenbei gerät Alinas Alltag aus den Fugen, begreift sie zunehmend Verhaltensweisen von Mutter und Großeltern 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. Sie lernt verstehen, was den Begriff Freiheit ausmacht, etwa zu reisen, wohin man will, den Beruf zu wählen, den man möchte, seine Meinung frei zu äußern.

Jedem Jugendlichen, ob aus Ost oder West, sei die Lektüre dieses eindringlichen Buches ans demokratische Herz gelegt, sei es, um die eigenen Eltern besser zu verstehen oder um nachzuvollziehen, warum die DDR eine zum Scheitern verurteilte Gesellschaftsform war. Ein Nachwort und ein Glossar mit DDR-typischen Begriffen vervollständigen den teils biografischen Roman. Ostalgie ist da wahrhaftig nicht angesagt!

| BEATE MAINKA

Titelangaben
Ina Raki: In einem Land vor meiner Zeit
Berlin: Aufbau Verlag, 2012.
282 Seiten, 12,99 EUR
Jugendbuch ab 14 Jahren

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