Religiöse Fanatiker und hungrige Tierchen

Kulturbuch | William Blades: Bücherfeinde

Heutzutage wird immer wieder behauptet, Bücher seien vom Aussterben bedroht, denn das Internet und E-Books seien die Bücher von Morgen. Zwar kannte vor gut hundert Jahren der Bücherliebhaber William Blades weder das Internet noch E-Books, doch waren Bücher nicht weniger bedroht. Schon damals waren die Feinde zahlreich: Feuer, Wasser, Gas, Hitze, Staub, Vernachlässigung, Ignoranz und Engstirnigkeit. William Blades Bücherfeinde – gelesen von TANJA LINDAUER
Bücherfeinde
Englischen Bibliophilen ist Blades’ Klassiker Bücherfeinde schon lange ein Begriff, nun ist er auch erstmals auf Deutsch erschienen und beschreibt mit typisch britisch-schwarzem Humor, welchen zahlreichen Gefahren ein Buch ausgesetzt ist. Auch wenn es manche der Feinde von einst heute nicht mehr gibt, so sind andere doch noch genauso aktuell wie vor hundert Jahren.

So ist der Bücherwurm, ein besonders begehrtes Forschungsobjekt von William Blades, heute keine Gefahr mehr, denn Bücherwürmer vertragen das moderne Papier nicht. Doch waren sie einst kleine gefräßige, garstige Tierchen, die dem Objekt der Begierde erheblichen Schaden zufügen konnten. Mit viel Liebe zum Detail führte Blades Studien durch, um dem Schädling zu Leibe zu rücken. Er versuchte sie sogar zu züchten (konnte sie aber nie lange halten), um die Bücherwürmer – es gibt verschiedene Arten – besser zu verstehen.

Ein Klassiker der Buchkunde

Er führte akribisch Notizen über seine Beobachtungen: »Im zitierten Buch kommt es einem vor, als habe ein Wettrennen stattgefunden. Auf den ersten zehn Seiten werden Schwächlinge unter den Würmern zurückgelassen. Auf den nächsten zehn Seiten sind immer noch 48 Fresser unterwegs. Auf den folgenden zehn Seiten bleiben noch 31, dann noch 10. Auf Seite 51 halten sich noch sechs Würmer, bis zu Seite 61 haben weitere zwei aufgegeben. Bis Seite 71 ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei entschlossenen Feinschmeckern …« Wer nun denkt, dass so etwas mit einem iPad oder Kindle nicht geschehen kann, der irrt. Denn Hektor Haarkötter, Übersetzer und Herausgeber, gibt zu bedenken, dass es über dreihundert Arten von Fransenflüglern gibt, die sich nur allzu gerne durch das Display fressen.

Frauen und ihr Putzfimmel

Aber nicht nur lästige Insekten können Bücher zerstören. Zwar sind Naturkatastrophen auch nicht ohne, Menschen aber, so Blades, gehören zu den ärgsten Feinden! Schon Mönche im Mittelalter haben mit ihrem religiösen Fanatismus etliche wertvolle Werke unwiderruflich zerstört. Selbst die Buchbinder, ihnen ist sogar ein eigenes Kapitel gewidmet, zeigten eine regelrechte Zerstörungswut, indem sie zum Beispiel die Bücher zu stark beschnitten. Aber auch Mütter, Kinder und Dienstboten sollte man von Büchern besser fernhalten.

Vor allem Frauen und ihr Putzfimmel sorgten beim Autor für schlaflose Nächte! Mit feuchten (!) – das muss man sich einmal vorstellen, Sie müssen nun stark bleiben – Tüchern wischten Frauen doch tatsächlich über die empfindlichen Buchrücken und sortierten nach dieser sträflichen Tat die wertvollen Stücke auch noch an die falsche Stelle ein! »Warum muss das Weibervolk (Gott vergib mir!) das Innerste der Bibliotheken seiner Männer behelligen, ob es da nun staubig sei oder nicht«, beklagt sich der Autor. Dass der Autor sich auf diesem Gebiet als Drucker und Restaurator nur all zu gut auskannte, wird schnell klar.

Die Übersetzung des Klassikers (endlich!) ist durch und durch gelungen und sorgt beim bibliophilen Leser – hat er erst einmal den Schock bei so viel Zerstörungskraft überwunden – auch für heitere Momente. Wie ein Bücherwurm frisst man sich genüsslich von Seite zur Seite und ist überrascht, wie schnell man schon das Ende erreicht hat, obwohl man doch noch so viel Appetit auf mehr hätte!

| TANJA LINDAUER

Titelangaben
William Blades: Bücherfeinde
Aus dem Englischen von Haktor Haarkötter
Darmstadt: Primus Verlag 2012
136 Seiten. 14,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Neues aus dem west-östlichen Diwan

Nächster Artikel

Andere Welt – gleiche Probleme

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Bücher, Bücher überall!

Kulturbuch | Nina Freudenberger: BiblioStil

Vom Glück und der Leidenschaft, sich mit Büchern zu umgeben, schwärmen Nina Freudenberger und Shade Degges im opulenten, reich illustrierten und detailverliebten Bildband BiblioStil. Am liebsten möchte man in einem der plüschigen Lesesessel versinken, in die überquellenden Bücherregale greifen und die Zeit vergessen. Von INGEBORG JAISER

Ästhetik der Gehörlosigkeit

Kulturbuch | Rafael Ugarte Chacón: Theater und Taubheit Das Theater ist nicht nur ein Ort der Kritik, sondern auch ein Ort der Herrschaftsproduktion! Das Theater ist nicht nur ein Ort der Reflexion, sondern auch ein Ort der Hierarchierepräsentation! Ergo werden kontinuierlich diverse soziokulturelle Gruppen durch die Darstellungsformen exkludiert. Der Theaterwissenschaftler Rafael Ugarte Chacón versucht deswegen in seiner Dissertation für die Gruppe der Gehörlosen auszuloten, inwiefern sie vom Theaterbetrieb ausgeschlossen werden und mit welchen theatralen Formen und Methoden man ihnen Zugang gewähren kann. Sein normatives Konzept heißt ›Aesthetics of Access‹. PHILIP J. DINGELDEY hat Ugarte Chacóns Monographie ›Theater und Taubheit. Ästhetiken

Garantie für grüne Daumen

Kulturbuch | Karin Greiner: Glück aus dem Garten Gärtnern ist wieder IN. Das beweist nicht zuletzt ein verwunderter Blick auf die Gattin des US-Präsidenten, die sich gerne bei der Gartenarbeit im Weißen Haus ablichten lässt. Auf dieser Trendwelle schwimmt Karin Greiners ›Glück aus dem Garten‹. Es ist dem konservativen Medium des Bayerischen Rundfunks zu verdanken, dass die Diplombiologin und Pflanzenexpertin bei ›Bayern 1‹ nicht nur Trends folgen muss, sondern auch tiefe Einblicke in die Arbeitsweise der Natur geben kann. VIOLA STOCKER ließ sich aufklären.

Oper neu entdecken

Kulturbuch | Die ersten vier Bände »Opernführer kompakt« Die junge Autorengeneration meldet sich in einer Taschenbuchreihe. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

Kann sein sie hat Kinder, hat Enkel

Kulturbuch | Barbara Vinken: Angezogen. Das Geheimnis der Mode Man fragt sich während der Lektüre mehrfach, was für ein Buch man da in den Händen hält. »Geheimnis der Mode«? Nein, es wird nichts Geheimnisvolles ausgebreitet, und zum Schluss wird kein Geheimnis entschlüsselt. Von vornherein bestehen für Barbara Vinken keine Zweifel daran, dass Mode der Abgrenzung der Geschlechter dient. Die Arbeitsweise der Autorin analytisch zu nennen, wäre geschmeichelt. Von WOLF SENFF