Und ewig lockt das Weib

in Comic

Comic | Brubaker: Fatale / Lapham: Ferals

Ed Brubaker (Scene of the Crime, Criminal) und David Lapham (Caligula, Stray Bullets), zwei im Krimigenre erprobte Autoren, wenden sich in ihren neuen Serien jeweils einer ganz besonderen Mischung aus Thriller und Horror zu. BORIS KUNZ ist vor allem von der gemeinsamen Botschaft alarmiert, die ganz klar lautet: Schöne Frauen bringen Unglück!

Fatale
Fatale oder: »Nach dem Tag, an dem er sie kennenlernte, war nichts mehr wie vorher«

San Francisco 2011: Nicolas Lash fällt unvermittelt das Erbe seines verstorbenen Paten, des Schriftstellers Dominic Raines, in die Hände. Es handelt sich um das unveröffentlichte Manuskript von dessen erstem Roman aus dem Jahr 1957: Die Verliererseite der Ewigkeit. Bei den Ereignissen, die vor beinahe 60 Jahren zur Entstehung dieses Romans führten, hat eine geheimnisvolle dunkelhaarige Schönheit namens Josephine eine zentrale Rolle gespielt. Ist die ebenso geheimnisvolle und ebenso dunkelhaarige Schönheit, die sich schlicht »Jo« nennt und der Nicolas am Grab seines Paten begegnet, die Enkelin dieser Josephine – oder gibt es zwischen diesen beiden Frauen eine ganz andere Verbindung? Woran liegt es, dass jeder Mann, der sich mit einer dieser »Jos« einlässt, früher oder später richtigen Ärger an der Backe hat?

Eingebettet in die Rahmenhandlung um Nash, der schmerzhaft erfahren muss, dass düstere Gestalten hinter dem rätselhaften Manuskript her sind, erzählt der Comic vor allem das Intrigenspiel im San Francisco der 50er Jahre, in dem die scheinbar ewig junge Femme fatale Josephine den Schriftsteller Gaines umgarnt, um ihn gegen ihren Mann, den korrupten Bullen Walt Booker, auszuspielen. Dieser ist nicht nur in eine Korruptionsaffäre, sondern auch in die Ermittlungen zu einem grausamen Ritualmord verstrickt und versucht gleichzeitig mit mehr als kriminellen, geradezu dämonischen Mächten einen Deal auszuhandeln, bei dem es irgendwie um Josephine geht.

Ausgehend von der ebenso naheliegenden wie zündenden Idee, der klassischen Figur der Femme fatale einen schwarzmagischen Hintergrund anzudichten, kombiniert Brubaker äußerst geschickt die Motive eines klassischen Noir-Thrillers, in dem alle Figuren irgendwie korrumpiert sind, und am Ende jeder jeden übers Ohr hauen möchte, mit Horrorelementen im Stil von Lovecraft (wem sonst…?), die allerdings sehr dezent in die Geschichte eingebunden sind. Wie auch bei Meister Lovecraft schleicht sich der konkrete Horror nur langsam in die Ereignisse, ist aber gleichzeitig von Anfang an als düstere Ahnung präsent, bevor man einen ersten, kurzen Blick auf Fangzähne und Tentakeln bekommt. Hauptsächlich geht es um das Doppelspiel und das Taktieren der Figuren, die aber hier nicht hinter einem Malteser Falken oder einem Koffer voller Millionen her sind, sondern eher hinter den Seelen anderer Menschen.

Brubakers Haus- und Hofzeichner Sean Philipps hat das ganze in adäquat düstere Bilder umgesetzt, mit vielen unrasierten Männern im Halbschatten, zwischen denen die makellose und irgendwie auch ungreifbare Schönheit von Josephine heraussticht, markant, verletzbar und faszinierend. Stimmung ist dabei eindeutig Philipps größere Stärke als Action, aber für diese Geschichte ist das auch gerade richtig.

Der clever konstruierte Plot hat allerdings ein Manko, das man weder im Film Noir noch in klassischen Horrorgeschichten findet: Brubaker erzählt die Story nicht aus der Perspektive einer Hauptfigur, sondern vom Standpunkt eines allwissenden Erzählers aus. Das macht es zwar leichter, der verzwickten Geschichte zu folgen, geht aber doch auf Kosten der Spannung. Die Geschichte hat dadurch nicht nur im ideellen, sondern auch im dramaturgischen Sinne keinen Helden. Man beobachtet die Personen distanzierter, wie Figuren auf einem Spielbrett, und ist nicht mit derselben ahnungsvollen Ungewissheit geschlagen wie manche der Protagonisten. Das soll nicht heißen, dass die Story arm wäre an Überraschungen und Wendung, doch die Haltung des Lesers bleibt unterkühlt, und die Handflächen kommen beim Umblättern nicht ins Schwitzen.

Ferals Oder: »Wo haben sie seinen Penis gefunden?«

Auch Kleinstadtbulle und Womanizer Dale Chesnutt hat es mit einem recht grausamen Mord zu tun bekommen. Und auch für ihn fängt der wahre Horror nicht mit verstümmelten Leichen, sondern mit einer geheimnisvollen Blonden an, die er abends in der Bar der verschneiten Kleinstadt Cypress kennenlernt. Rein visuell bleibt Gerda Ingebritsen allerdings nicht sonderlich lange so geheimnisvoll wie Josephine. Bereits zwei Seiten nach ihrem ersten Auftritt bekommen wir ihre üppige Oberweite in voller Pracht zu sehen, als sie mit Dale ein stürmisches Nümmerchen auf der Toilette schiebt. Rätselhafter ist da schon die Frage, warum es sie so anturnt, beim Sex geschlagen zu werden oder über die Details der Verstümmelungen zu sprechen, die Dale heute Morgen an der Leiche seines Saufkumpanen feststellen musste.

Danach geht es dann auch schon rasend schnell: Dale wird mit einer ziemlich bösartigen, wolfsähnlichen Bestie auf zwei Beinen konfrontiert, und bald schon häufen sich die ausgeweideten und zerfetzen Leichen auf dem Seziertisch des Leichenbeschauers von Cypress. Leider sieht es für seine Kollegen so aus, als hätte Dale mehr mit den Morden zu tun, als er selbst kapiert. Und dann tauchen irgendwann auch noch zwei FBI-Agenten in klassischer Men-in-Black-Montur auf, die glauben, bei diesem Fall endlich einen Jackpot knacken zu können.

Ferals wirkt ein bisschen wie Twin Peaks mit Werwölfen, wobei sich Lapham weniger um die Verknüpfung klassischer Horrormotive mit Thrillerelementen bemüht, sondern ungeniert einen ganz neuen Werwolfmythos erfindet, der nichts mehr mit Silberkugeln und Vollmondnächten, wohl aber einiges mit geheimnisvollen, norwegischen Blondinen zu tun hat. Anscheinend gib es in Nordamerika abgeschiedene Gemeinden, die abgeschottet von der Außenwelt nach ganz eigenen Regeln leben. Dazu gehört, Kleinkinder beim Windelwechseln am Wickeltisch festzuschnallen, damit sie mit ihren messerscharfen Klauen die Mütter nicht im Gesicht verletzen. Und dazu gehört wohl auch, dass die Frauen ein eigentümliches Verhältnis zur Sexualität haben, das viel mit Unterwürfigkeit zu tun hat. Und nachdem Dale auf dem Klo Sex mit der Ingebritsen hatte, scheint etwas Seltsames mit seinen Fingernägeln vorzugehen…

Auch David Lapham wechselt gern die Standpunkte und Erzählperspektiven, inszeniert das dann allerdings als Überraschung und verliert die Hauptfigur Dale Chestnut nur kurz aus den Augen. Er orientiert sich bei seiner Dramaturgie wesentlich stärker an der Erzählweise moderner Mysteryserien wie etwa Lost, die mehr von Rätselspannung als klassischem Suspense leben. Und wie bei Lost werden auch bei Ferals die Rätsel immer banaler, je näher sie ihrer Auflösung kommen.

Zeichner Gabriel Andrade geht das Werk dann auch mehr wie einen Superheldencomic an. Die Begegnungen mit dem Werwolf werden als großformatige, dynamische Actionsequenzen inszeniert, und sein offensichtlich großes Interesse für Anatomie hört nicht bei der Außenwirkung weiblicher Reize auf, sondern geht wesentlich tiefer. Und weil die Abkömmlinge der Werwölfe nicht nur scharfe Klauen, sondern auch außergewöhnliche Selbstheilungskräfte haben und weil das FBI in dieser Geschichte nicht zimperlich vorgeht, wird in den letzten Kapiteln des ersten Bandes mit Blut eher inflationär umgegangen…

Wo Ed Brubaker auf subtilen Grusel setzt, setzt David Lapham auf Splatter, wo Brubaker seiner Femme fatale Erotik verleiht, gibt Lapham ihr Sex. Was aber nicht heißen soll, dass Ferals dadurch wesentlich dümmer oder wesentlich unterhaltsamer wäre als Fatale. Beides sind durchaus lesenswerte Comics, und sie vereint der fantasievolle Umgang der Autoren mit altbekannten Genreelementen und der etwas verschachtelte Aufbau der Erzählung. Einig zu sein scheinen sich Brubaker und Lapham ebenfalls darin, dass es etwas gibt, was erschreckender ist als dämonische Seelenfänger oder blutrünstige Wolfsmenschen, nämlich der Gedanke daran, wie übel es dem Manne ergehen kann, wenn er einer weiblichen Schönheit verfällt. Wobei Josephine (wie Fatale) mehr Stil hat und Gerda (wie Ferals) schneller zum Punkt kommt.

| BORIS KUNZ

Titelangaben:
Ed Brubaker (Text) / Sean Phillips (Zeichnungen): Fatale Band 1
Den Tod im Nacken (Fatale 1-5). Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege.
Stuttgart: Panini Verlag 2013
140 Seiten, 16,95 Euro

David Lapham (Text) / Gabriel Andrade (Zeichnungen): Ferals 1
(Ferals 1). Aus dem Amerikanischen von Bluna Williams.
Stuttgart: Panini Verlag 2013.
148 Seiten, 16,95 Euro

Reinschauen:
Mehr zu Ed Brubaker
Homepage von Sean Phillips
Homepage von David Lapham
Homepage von Gabriel Andrade

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