Mysterien und Maskenbälle

Menschen | Willi Jasper: Carla Mann

Carla Mann gehörte zu den wenig bekannten Mitgliedern der großen Künstler- und Schriftstellerfamilie, wenngleich ihr tragisches Leben von den Brüdern Heinrich und Thomas literarisch mehrfach verwertet und vermarktet wurde. Nun legt der Kulturwissenschaftler Willi Jasper eine aufschlussreiche, bemerkenswert recherchierte Biographie vor. Von INGEBORG JAISER

Carla Mann
Am 30. Juli 1910 nahm sich die 28jährige Carla Mann mit einer Überdosis Zyankali, „mit der man wohl eine Kompanie Soldaten hätte töten können“, das Leben. Vorwurfsvoll konstatierte ihr Bruder Thomas Mann: „Sie hatte bei dieser That kein Solidaritätsgefühl, nicht das Gefühl unseres gemeinsamen Schicksals. Sie hätte sich von uns nicht trennen dürfen.“ Während der Bruder Heinrich sich zur zweifelhaften Anerkennung hinreißen ließ: „Endlich des Lebens sich würdig erweisen, dadurch dass sie stirbt. Ist an dem Ernst einer, die stirbt, zu zweifeln?“

Zwischen Bohème und Bürgertum

Was trieb die junge Frau in den Selbstmord? Welche mysteriösen Umstände begleiteten ihren Tod? Welche Rolle spielten ihre Geschwister? Während fast allen Mitgliedern der Familie Mann zahllose Biographien, Bildbände, Aufsätze gewidmet sind, blieb das tragische Leben der jüngsten Schwester von Heinrich, Thomas und Viktor Mann bislang weitgehend im Dunkeln. Der Literaturwissenschaftler Willi Jasper hat sich auf die Spurensuche begeben und das spannende Puzzle einer zerrissenen, unerfüllten Existenz zusammengesetzt.

Zerrissen fühlte sich Clara nicht nur zwischen der sinnlichen, unsteten Mutter Julia da Silva-Bruhns und den bürgerlichen Konventionen, zwischen dem eher bodenständigen Bruder Thomas und dem Bohèmien Heinrich, dessen innig-intime Briefe und Aufmerksamkeiten fast über die brüderlich angemessenen Dimensionen hinaus gingen. Zerrissen fühlte sich Clara sicherlich auch zwischen den Spielstätten und Stationen ihres kurzen Lebens: Lübeck (wo sie bis zum Tode ihres Vaters die ersten 10 Lebensjahre verbrachte), München (wohin sie mit der verwitweten Mutter zwangsweise zog), Zittau, Düsseldorf, Göttingen und Mülhausen im Elsass (Orte ihrer Engagements).

Kostspielige Kostüme

Gemäß dem Testament ihres Vaters finanziell kurz gehalten, durch die moralische Freizügigkeit ihrer Mutter zuweilen brüskiert, fühlte sich Carla schon früh zu einem künstlerisch-selbständigen Leben hingezogen. Eine schwärmerische Affinität zum Theater und mangelnde ernsthafte Alternativen verleiteten die junge Frau zu einer schauspielerischen Ausbildung.

Ihr Hang zu kostspieligen Kostümen, imposanter Garderobe und kühnen Maskenbällen wurde zudem vom älteren Bruder Heinrich großzügig unterstützt. Indes blieben lukrative Theaterengagements aus und Carla sah auf provinziellen Bühnen und drittklassigen Rollen einer sehr unsicheren Zukunft entgegen.

Tod durch Zyankali

Ihre einzige Rettung schien in einer gewinnbringenden Heirat zu liegen. Während ihres Aufenthalts im elsässischen Mülhausen verlobte sich Clara mit dem Industriellensohn Arthur Gibo. Zur Heirat kam es allerdings nicht mehr. Familiäre Widerstände, Zerwürfnisse und Eifersuchtsszenen trieben Carla schließlich in den Freitod. Ein Mantel hartnäckiger Verschwiegenheit legte sich über diesen tragischen Fall. Sollten inzestuöse Verbindungen oder eine ungewollte Schwangerschaft vertuscht werden? In der Familie Mann war man sich auf jeden Fall einig, dass die Hauptschuld für Carlas Tod bei der „elenden Bagage in Mülhausen zu suchen sei“.

Gut 100 Jahre später legt der Kulturwissenschaftler Willi Jasper eine spannende, aufschlussreiche Biographie zu Carla Mann vor und wertet neue Quellen aus, die das Leben dieser bislang wenig bekannten kleinen Schwester der erfolgreichen Schriftstellerbrüder in erstaunlichen Zusammenhängen präsentiert. Glaubten wir bislang, über den gesamten Mann-Clan hinreichend informiert zu sein, zeigen sich nun ungeahnte Nuancen und Einblicke. Ein bemerkenswertes, bestens recherchiertes Porträt!

|INGEBORG JAISER

Titelangaben
Willi Jasper: Carla Mann. Das tragische Leben im Schatten der Brüder
Berlin: Propyläen 2012. 238 Seiten. 19,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Dilettanten und Enthusiasten

Nächster Artikel

»Was man nicht erklären kann …

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

»Du bist ein richtiger Mensch.«

Menschen | Zum 50. Todestag des Schriftstellers Oskar Maria Graf am 28. Juni »Ja, glauben sie vielleicht, ich höre mir ihren Quatsch stundenlang kostenlos an?« Hemdsärmelig und burschikos, mutig und geradlinig wies der Schriftsteller Oskar Maria Graf nach einigen Maß Bier und einer deftigen Portion Schmalznudeln in einem Münchener Wirtshaus Ende der 1920er Jahre bei einem Treffen den späteren »Führer« Adolf Hitler in die Schranken. Von PETER MOHR

Enfant perdu

Menschen | Zum Tod von Lothar Baier

Zuletzt sollte er in der Werkausgabe Jean Améry dessen beide großen Essays »Über das Altern« und »Hand an sich legen« herausgeben. Nun erfahren wir, dass Lothar Baier in Montreal selbst »Hand an sich gelegt« und den »Freitod« gewählt hat. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Die Erkenntnis meiner Dummheit

Menschen | Vor 125 Jahren wurde der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer geboren

»Mein eigentliches Werk besteht, allen Ernstes, nicht aus Prosa oder Vers: sondern in der Erkenntnis meiner Dummheit«, hatte der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer in seinen autobiografischen Aufzeichnungen notiert. An seinem Leben und Werk scheiden sich noch immer die Geister.Von PETER MOHR

Eloquenz und Humor

Menschen | Zum Tode des Kritikers und Schriftstellers Hellmuth Karasek »Manchmal fürchtete ich schon, ich schreib mich in eine Depression hinein«, bekannte Hellmuth Karasek über die Arbeit an seinem 2006 erschienenen Band ›Süßer Vogel Jugend‹. Der kulturelle Tausendsassa mit der stark ausgeprägten Affinität zur Selbstironie sprühte auch in fortgeschrittenem Alter noch vor Tatendrang und hatte 2013 unter dem Titel ›Frauen sind auch nur Männer‹ noch einen Sammelband mit 83 Glossen aus jüngerer Vergangenheit vorgelegt. Sogar prophetische Züge offenbarte Karasek darin, sagte er doch den Niedergang der FDP zwei Jahre vor der Bundestagswahl 2013 schon voraus. Ein Rückblick von PETER MOHR