Dilettanten und Enthusiasten

in Platte

Musik | Toms Plattencheck

Das 2010er Debütalbum von Siriusmo wurde unter anderem mit »Daft Punk meets Aphex Twin« umschrieben. Das Zweitwerk macht eine Kurzbeschreibung fast unmöglich, es ist der klassische Fall einer bunten Tüte.

Der Opener Doctor Beak erinnert an das Onehit-Instrumental-Wonder Popcorn von Hot Butter, darauf folgt mit Conratultor ein Track, der aus einer 70´s Krimi-Serie stammen könnte. Mit Tränen aus Bier geht es Richtung experimentellem Techno, auch der folgende Titelsong stellt einen Griff in den Beatbaukasten dar. Track 5, Plastic Hips, geht Richtung Hip Hop und erinnert daran, dass Siriusmo auch schon für Snoop Dog an Beats geschraubt hat! Auch das folgende Cornerboy ist eine schräge Beatkonstruktion mit Sprechgesang – und Vocoder-Einsatz. So geht es munter weiter – immer zwischen diversen Stilen wechselnd. Enthusiast ist detail- und zitatreich, verspielt und dennoch eingängig. Innovativ würde ich den Mischmasch nicht unbedingt nennen. Und: Was einmal wunderbar funktioniert, dürfte beim nächsten Mal vielleicht doch als Beliebigkeit ausgelegt werden. Falls der Tausendsassa eine Stoßrichtung anvisieren sollte, würde ich fast die Variante »frickelige Beatkonstruktion meets Hip Hop« favorisieren. Die in diese Richtung weisenden Stücke ragen doch etwas heraus.

Der Plan waren Teil der kurzlebigen, konsequenter Weise falsch geschriebenen Berliner Szene der Genialen Dilletanten, denen man unter anderem auch Die tödliche Doris zuordnet. Wenn diese Dilettanten einen Plan hatten, dann diesen: Radikalisierung bzw. Zurückeroberung von Punk. Im Sinne von Befreiung vom Diktat der Virtuosität. Der Plan machten verspielte DIY-Musik mit sehr eigenem Humor und minimalistischen elektronischen Mitteln, wobei auch schon mal Haushaltsgeräte zum Instrument mutierten. Diese Art von Volksmusik als Anti-Musikbusiness-Ansatz war entscheidender Wegbereiter für die sogenannte Neue Deutsche Welle. Bureau B setzt die Reihe von Wiederveröffentlichungen mit zwei selbst aus dieser schrägen Diskographie noch herausstechenden Werke fort. Japlan ist das Reissue einer 1984 nur in Japan erschienenen Platte. Nur wenn man weiß, dass viele Japaner erstens auf Deutsches abfahren und zweitens einen ganz eigenen Zugang zu Popkultur haben, kann man folgende Geschichte glauben: 1984 wurden Der Plan von der japanischen Kaufhauskette Seibu , an die auch der Plattenladen/Vertrieb Wave angeschlossen war, für sechs Konzerte eingeladen. Japlan dokumentiert die Setlist der damaligen Tokio-Konzerte. Neben Songs der Vorgängeralben Normalette Surprise und Die letzte Rache finden sich hier auch eigens eingespielte schräge Instrumentalstücke – und ein Plan-Highlight namens Gummitwist. In diesem Stück machte man sich (1984!) darüber lustig, dass alle einen Personal Computer haben wollen, ohne den wohl nichts mehr laufe. Japlan eignet sich bestens als Übersicht was das Schaffen von Der Plan angeht – ist aber nicht zuletzt wegen dem kongenialen, neuen Cover auch für Komplettisten interessant.

Ebenfalls wiederveröffentlicht: Die letzte Rache aus dem Jahr 1983. Dieses Album war der Soundtrack zum gleichnamigen Underground-Film von Rainer Kirberg – einer Art Revue mit Stummfilm-Anleihen. In dem ästhetisch an die Werke des deutschen Expressionismus der 1920er Jahre anknüpfenden Film geht es um einen Weltherrscher auf der Suche nach einem Nachfolger. Krude Story, schräger Sound – ein Paradebeispiel dafür, dass die 80er auch hierzulande weitaus komplexer und spannender waren, als es die Retroschleifen und Rückblicke der Mainstream-Medien vermitteln. Nach Neon, Schulterpolstern und Miami Vice Wiederholungen kommen auch die Platten von Der Plan zurück. Die letzte Rache! Wer mehr über das Berlin der genialen Dilletanten erfahren will, sollte das vor einigen Monaten erschienene Buch Subkultur Westberlin 1979-1989 von Wolfgang Müller nicht unbeachtet lassen.

Nicht gerade typisch holländisch klingt der Name Coco Jones, doch der Sängerin schien ihr Name dennoch zu austauschbar, sodass sie sich auf der Bühne nun Qeaux Qeaux Jones nennt – was man genauso ausspricht, nun gut. Die Erweckungsgeschichte ihrer Solokarriere klingt so: Bei einem Konzert von Seasick Steve, ließ sie es sich als Teil des Publikums partout nicht nehmen, Bühne und Mikro zu erstürmen – was dem zunächst abwehrenden Künstler eine Einladung als Support für seine Tour wert war! Nun erscheint das Debüt No man´s land, das in den Niederlanden bereits einschlug. Die variable Stimme von Coco, die Vergleiche mit Feist oder auch Norah Jones mit sich brachte, ist wirklich hörenswert. Ihr sehr erwachsener Sound wirkt emotional, aber nicht verzweifelt, von Soul und Blues infiziert, aber immer massentauglich im Pop-Kosmos verhaftet. Die Band wirkt äußerst routiniert, aber kein Musiker drängt sich auch nur kurz irgendwie in den Vordergrund. Die Arrangements sind gekonnt, es fehlt lediglich etwas der Dreck unter den Fingernägeln. Kurzum: Jeder Song auf No man´s land verdient das Prädikat »gediegen« und ist perfekt als Rahmen für einen Beitrag in ihrem liebsten Kulturradio geeignet. Für ein Debüt – auch dank »Erfolgsproduzenten« und »inernational agierendem« Fotografen – ein von A bis Z professionelles Album, das die Konservatoriums-vorbelastete Künstlerin weit nach vorne bringen könnte. Oder müsste dazu statt von Amsterdam etwa von London die Rede sein?

| TOM ASAM

Titelangaben
Siriusmo. Enthusiast – Monkeytown Records / Rough Trade
Der Plan: Japlan / Die letzte Rache – beide: Burau B / Indigo
Qeaux qeaux Joans: No man´s land – Blackbird Music / Soulfood

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