Blutvergießen

Jugendbuch | Lola Renn: Drei Songs später

Eine Familie ist ein eng gestricktes Beziehungsgeflecht. Eng gespannt sind auch die Fäden der Macht, die zwischen den Beteiligten hin- und herlaufen. Was innerhalb der einen Gruppe ein schützender Kokon sein kann, in einer anderen fördernd und wegweisend, kann sich in der dritten als Diktatur auswirken, der die Schwächsten, die Kinder, schutzlos ausgeliefert sind. Solche Fäden können töten. Wer sich lösen will, muss Blut lassen. Lola Renn vergießt in Drei Songs später im wahren Sinn des Worts das Blut ihrer sechzehnjährigen Protagonistin, während diese mit ihren Eltern um ihr Leben kämpft. Von MAGALI HEISSLER

Lola Renn: Drei Songs später
Zeta ist sechzehn und hat einen Herzenswunsch, nein, eigentlich hat sie zwei. Sie möchte Tänzerin werden, das ist der eine. Ihr Vater ist strikt dagegen. Dass er es ihr erlaubt, ist ihr zweiter Wunsch, aber der ist unerfüllbar. Zetas Vater ist ein klassischer Tyrann. Sein Wort ist Gesetz in der Familie, danach haben sich alle zu richten. Zetas Mutter hat das schon verinnerlicht, sie wird zum Mäuschen, kaum dass sich der Ehemann zeigt. Er kann seinen Launen freien Lauf lassen, nichts wird ihm entgegengesetzt. Er hat auch beschlossen, dass Zeta ein Abitur mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt ablegen muss. Er ist selbst Chemiker, Naturwissenschaften sind das Einzige, was für ihn Gewicht hat. Musisches ist Firlefanz. Zetas Mutter hat das schon mitgemacht. Früher war sie Malerin, seit sie verheiratet ist, ist sie Amateurin, die mit Farben und Pinsel spielt. Zeta will nicht enden, wie ihre Mutter. Aber sie ist auf sich allein gestellt. Sie ist konfliktbereit, nimmt die seelischen Verletzungen durch ihren Vater hin, aber ihr Körper reagiert an ihrer Stelle. Er verrät ihre Verwundungen. Auf Stress folgt starkes Nasenbluten, immer häufiger. Doch auch dagegen will der Vater ein brachiales Mittel anwenden. Eine Operation soll Abhilfe schaffen. Zeta sitzt in der Falle.

Die unseligen Jahre der Züchtigung

Innerfamiliäre Gewalt ist das Thema von Renns Debütroman und sie präsentiert es ganz ungewöhnlich. Es geht um seelische Gewalt, um Machtausübung auf dem Rücken der Schwächsten, sinnlos, um des Machtgefühls Willen. Zeta erzählt selbst, der Blickwinkel einer Sechzehnjährigen ist geradezu unheimlich genau getroffen. Sie ist noch ein wenig kindlich, offen für Zuneigung, erwartet und erhofft sie immer wieder und ist jedes Mal erneut erschüttert, wenn ihr das verweigert wird, was Eltern ihren Kindern geben müssen, Zuneigung und Anerkennung. Zugleich probiert sie erste Schritte der Auflehnung, mal trotzig, mal emotional, mal überlegt und reif. Renn bleibt dabei ganz nahe an der Realität. Ihre Protagonistin ist im Familiengefüge die Unterlegene, weil sie das schwächste Glied ist. Lernen, sich zu verteidigen und eigene Positionen einnehmen, ist wichtig, aber einsames Heldinnentum führt nirgendwohin. Reif ist, wer sich helfen lassen kann. Reif ist auch, wer Mitgefühl hat, ohne sich deswegen aufzugeben. Zetas Vater benimmt sich ihr gegenüber wie ein Monster, aber es wird nicht ausgeblendet, dass er selbst größte Probleme hat, die er mit unmäßigem Alkoholkonsum unterdrückt.

Realistisch auch die Zeichnung der Mutter als Frau, die in der Ehe jedes Selbstbewusstsein verloren hat. Von dieser Seite her gesehen, ist Renns Jugendroman eine unangenehm eindringliche Charakterstudie einer Frau, die lebt, als hätte es nie Feminismus gegeben. Diese Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht lehrreiche Lektüre.

Druckausgleich

Druckausgleich findet Zeta in unterschiedlicher Weise und ebenso unterschiedlich ist das mit der Handlung verflochten. Das wiederum geschieht so versiert, dass man geradezu verblüfft ist, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es sich hier um das erste Jugendbuch der Autorin handelt. Ein Zufluchtsort für Zeta ist die beste Freundin Sarah, die mit ihrem Hang zur Mode der 1960er Jahre und zur Musik der Garage Punk-Richtung eine besondere, auch witzige Note in die Geschichte bringt, ohne dass das aufgesetzt wirkt. Im Gegenteil entwickelt Sarah ein beträchtliches Eigenleben, fast mehr als der Schulfreund Micha, mit dem Zeta allmählich eine erste Liebe verbindet. Zuflucht anderer Art bietet das Tanzen. Auch das wird originell gezeichnet, wer hier Ballett-Romantik erwartet, irrt sich. Tanz berührt Zeta im Innersten, wer ihr das verweigert, verweigert ihr das Atmen. Hier wird Hingabe an eine Kunst von jemand beschrieben, die etwas von Hingabe versteht.

Der böse Druckausgleich ist das Nasenbluten, psychosomatisch bedingt bei Zeta. Blutrot sticht ihr Leid aus den Zeilen hervor, Farbe akzentuiert ihren schweren Weg. Sprachlich wird sehr sorgfältig gearbeitet. Die Autorin macht deutlich, dass Teenager flott und witzig sprechen können, ohne ihre Sätze gründlich mit Schimpfwörtern zu garnieren, wie gern suggeriert wird. Zeta hat Humor und Witz, auch wenn der viel zu oft sarkastisch klingt, anders weiß sie sich eben nicht zu helfen. Diese Stellen sind dann der Druckausgleich für die Leserin, die bei dieser Geschichte seelisch beträchtlich gebeutelt wird. Das Ganze wird mit einer Leichtigkeit und Sparsamkeit erzählt, der diese Geschichte zu einem Gewinn sowohl im Mitfühlen, als auch im Mitdenken macht.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Lola Renn: Drei Songs später
München: bloomoon 2013
158 Seiten. 12, 99 Euro

Reinschauen
Leseprobe
Lola Renn – Webseite

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