Todessymmetrie

Roman | Roger Smith: Stiller Tod

Roger Smith’ vierter Roman Stiller Tod ist, verglichen mit seinen drei Vorgängern, fast eine Art Kammerspiel: die Beschreibung einer tödlichen Konfrontation, reduziert auf zwei Männer, wenige Schauplätze und eine Unerbittlichkeit im Ablauf des Konflikts, die ihresgleichen sucht. Von DIETMAR JACOBSEN

Roger Smith: Stiller Tod
Nick Exley ist einer von den privilegierten weißen Südafrikanern. Der Computerspezialist, reich geworden mit einer Software, die weltweit begehrt ist, lebt in einer rund um die Uhr bewachten Wohnanlage weit entfernt von den Problemvierteln Kapstadts, wo Gewalt, Drogen und Prostitution zum Alltag gehören. Ein kleines Paradies mit exklusivem Meerzugang hat er sich gekauft. Und rund um die Uhr bewacht von schwer bewaffneten Security-Typen, lässt er es sich darin mit seiner Frau und ihrer kleinen Tochter wohl sein, bis auch dieser Garten Eden seinen Sündenfall erlebt.

Es ist, wie immer in den Romanen des Südafrikaners Roger Smith, ein Aussetzer, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, des Nicht-bei-sich-Seins, der in Stiller Tod eine blutige Ereigniskette auslöst. Am vierten Geburtstag ihrer Tochter Sunny schauen die Exleys genau in dem Moment weg, in dem ihr Kind sich in Lebensgefahr begibt – und können, jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, nicht verhindern, dass das Einzige, was ihre Ehe noch zusammenhält und ihrem Leben einen übergeordneten Sinn verleiht, von einem Augenblick auf den anderen zu existieren aufhört.

Die Macht und ihr Preis

Allein als das Mädchen beim Spielen im Meer ertrinkt, wird sie von einem Mann beobachtet, in dessen Hand es läge, Sunny zu retten. Doch der das Geschehen kalten Herzens verfolgende Ex-Cop Vernon Saul, der für die Sicherheitsfirma arbeitet, die den noblen Villenvorort bewacht, greift erst ein, als er sich sicher ist, dass kein Leben mehr in dem Körper ist, den retten zu wollen er dann vorgibt. Es ist ein Spiel, dass der brutale, auf der anderen, der Schattenseite des Lebens groß gewordene Mann mit den vom Glück so offensichtlich begünstigten Exleys zu spielen beginnt – ein Spiel, dass die beiden harmlosen Weißen nie und nimmer gewinnen können und in dem sie sich immer mehr an den Mann ausliefern, der alle Trümpfe in der Hand hält.

Als teuflische Versuchung bricht der hinkende(!) Vernon in die scheinbar heile Welt der beiden neureichen Südafrikaner ein. Und sein Ziel ist ganz einfach: »Er ist es gewohnt, die Leute draußen in den Flats zu kontrollieren. Leute, die durch ihre Armut angreifbar sind … Aber das hier ist etwas, wovon er immer geträumt hat: Macht über einen Reichen zu haben. Einen Mann, der seinen Reichtum wie eine Rüstung trägt.«

Und tatsächlich: Je weiter sich Nick Exley von dem Mann, der scheinbar nur um sein Wohl besorgt ist und sich bald in Haus und Leben des Weißen bewegt wie in seinen eigenen Gefilden, einwickeln lässt, umso ähnlicher wird er ihm. Da ist es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der Mann, der sich am wohlsten fühlt, wenn er es mit virtuellen Abbildern von Mensch und Welt zu tun hat, mit blutigen Händen vor den Trümmern seines bisherigen Lebens steht.

Ein Roman von existenzieller Wucht

Stiller Tod ist Roger Smith’ bisher bester Roman. Er verzichtet nicht auf die blutigen Knalleffekte, für die der 53-Jährige inzwischen bekannt ist. Auch um Nick Exley und Vernon Saul herum hält der Tod reiche Ernte und er tut das nicht immer auf die geschmackvollste Art und Weise. Allein hier stehen sich zwei Männer gegenüber, die aus ihrer tragischen Konstellation, die auch als Abbild der gesellschaftlichen Lage am Kap nach der Apartheid gesehen werden könnte, am Ende nur herausfinden können, indem einer von ihnen auf der Strecke bleibt. Der Spirale der Gewalt entkommt der Überlebende schließlich durch den vollkommenen Bruch mit allem Bisherigen – und zwar jenseits von (Süd-) Afrika.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Roger Smith: Stiller Tod
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Stuttgart: Tropen 2012
380 Seiten. 19,95 Euro

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