Inszenierter Kontrollverlust, Gospel für Agnostiker und der Ring des Saturn

musik | toms plattencheck

Als Jackson Fourgeaud aka Jackson and his Computerband 2005 mit seinem Debütalbum Smash auftauchte, war er maßgebliches Link zwischen der French-Touch-Szene um Phoenix und Daft Punk und den bald einschlagenden Ed Banger Party-Krachern.

Sein bombastischer Stil verband French House und Baller-Rave auf effektivste Weise. Ganze acht Jahre ließ sich der Franzose Zeit für einen Nachfolger, der nun mit Glow vorliegt. Jackson kokettiert mit der Aussage, er habe »nur die Teile drin gelassen, die zustande kamen, wenn ich den Überblick verlor.« In Wahrheit ist da natürlich alles fein austariert, auch die neben richtig eingängigen Songs wie dem titelgebenden Opener oder den refrainstrotzenden G.I. Jane eingestreuten schrägeren Momente. Seal startet mit einer an Elektronik-Pionier Raymond Scott erinnernden Part um heavy knarzend Richtung US-Arena-Protzerei (allerdings mit sphärisch angehauchter Handbremse) weiter zu donnern. Wabernde 70s Synthies treffen auf French House Reste, Gabba-Techno (Blood Bust) trifft auf psychedelische Elemente und Brian-Wilson-Gedächtnisstimmung (Memory). Dazwischen tauchen immer wieder Rave-Kracher auf, die sich von der Massentauglichkeit von Filmmusik oder Glam-Rock beeinflusst zeigen. Glow ist so abwechslungsreich wie clever konzipiert und lässt sich mit viel Vergnügen am Stück genießen, auch wenn der vorgebliche Kontrollverlust zwischen Genie und Wahnsinn an der einen oder anderen Stelle für manchen Hörer vielleicht genau das sein mag, was fehlt.

Vor ziemlich exakt einem Jahr erschien Guido Möbius´ Spirituals, die Auseinandersetzung eines Agnostikers mit traditionellen Gospeltexten, bei denen die ursprünglichen Melodien keine Rolle spielten. Dieser kreative Ansatz wird nun fortgesetzt, nachdem Möbius von ihm geschätzte Musiker um deren Interpretation seiner Gospels bat. Sinking eröffnet den Reigen mit einer düsteren »Doom Step«-Variante von All evil ways, gefolgt von Rotaphon (aka Boris Hegenbart) mit einer schwebenden Version von Lappland schneit. Das französische Duo Gangpol & Mit verbindet seine Art von »Voodoo Jazz« mit einer folkigen Stimme, bevor das Stück in einem frickeligen High Speed Finale mit schrägem Rhythmus mündet. Auch schön: Candie Hank´s Reign of sweet sins, dass irgendwo zwischen Peter Thomas Soundtrack und Mouse on Mars-Nervosität angesiedelt ist oder das spooky Instrumental All around me von den Sick Girls. Das Album Though the darkness gathers kann einem den Glauben zurückgeben – vielleicht nicht gerade an ein Leben im Jenseits, aber an die Kraft kreativer Ideen und deren Fortsetzung jenseits kommerzieller Optimierung.

Mirek Pyschny, Drummer mit polnischen Wurzeln und der Deutsch-Iranische Trompeter Pablo Giw sind zusammen DUS-TI. Nach ihrem gelungenen Debüt 2011 folgt nun ein neues Lebenszeichen des Duos in Form einer äußerlich schlicht daherkommenden EP. Die vier darauf vertretenen Stücke repräsentieren das experimentelle Ausloten zwischen Akustik und Elektronik, das genremäßig wohl nur vage mit zwei Eckpfeilern beschrieben werden kann: Jazz und Elektronik. Teils verfremdete Drum- und Trompetenklänge treffen auf elektronisch generierte Soundelemente und tragen den Hörer in ein düsteres, nebliges Phantasieland ohne Raum und Zeit. DUS-TI stehen in der Tradition eines Nils Petter Molvaer, der maßgeblich am Entstehen eines postmodernen Jazzverständnisses an der Grenze zu elektronischer Popmusik beteiligt war. Berückend, schön und der schnellste Weg, dem Alltag zu entfliehen, bis man irgendwann beschließt, die Endlosrille von Saturn (quasi der akustische Ring des Planeten) zu unterbrechen. Vorbildlich: -EP kommt als Vinyl mit beigefügtem Download-Code – damit man auch per elektronischem Gerät unterwegs abschweben kann; nicht empfohlen für den Weg zu wichtigen Terminen, da die Wahrscheinlichkeit, die richtige U-Bahn-Haltestelle gedankenverloren zu übersehen, wirklich groß ist.

| TOM ASAM

Titelangaben
Jackson and his Computerband: Glow – Warp / Rough Trade
Guido Möbius: Though the Darkness – Indigo / Morr
DUS-TI: TI -EP – www.dus-ti.com / www.brokensilence.de

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