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Liebe kennt kein Alter

Jugendbuch | Charlotte Inden: Anna und Anna

Wie alt muss man sein, um sich zu verlieben? Wie alt, um zu wissen, dass man verliebt ist? Und ob die Liebe dauern wird? Elf Jahre oder sechzig, dreißig oder fünfzehn? Charlotte Inden lässt in Anna und Anna auf faszinierende Weise eine Großmutter und ihre Enkelin über das wichtigste Thema der Welt sprechen. Und es erleben, natürlich. Von MAGALI HEISSLER

Charlotte Inden: Anna und Anna
Anna heißen sie beide, Bloom mit Nachnamen. Die eine Anna ist schon alt. Sie hat auch schon viel erlebt. Ihr jüngstes Erlebnis, ein Unfall, hat sie ein Bein gekostet. Mit nur einem Bein weiterzuleben, ist hart für sie – nicht nur, weil sie das Tanzen so liebte. Für die nächste Zeit zieht sie zur Familie ihrer Tochter. Enkelin Anna ist elf. Ein liebevolles Kind, aber auch ohne die Hemmungen, die Erwachsene gegenüber Behinderungen haben. Anna, die Kleine, führt ihre Großmutter ins Leben zurück.

Doch auch sie hat Sorgen. Ihr bester Freund, Jan, ist mit seiner Mutter nach Amsterdam gezogen. Anna wartet auf einen Brief, der kommt nicht. Beide Annas haben also etwas Wichtiges verloren. So gründen sie den Club der einbeinigen Piratinnen.

Anna, die Ältere, schreibt Briefe. Sie schickt sie aber nicht ab. Ein Teil der Briefe gehen an ihr verlorenes Bein. Der andere Teil an jemanden, den sie vor langer Zeit liebte. So kann das aber nicht weitergehen mit dem Leiden an der Liebe, finden beide. Piratinnen fürchten sich nicht! Deswegen werden kurzerhand zwei Briefe abgeschickt. Einer geht an Jan, einer an einen Mann namens Henri. Damit beginnt eine Geschichte, nein, eigentlich mindestens drei. Sie erstrecken sich über einige Jahre, aus denen für die eine Anna durchaus ein ganzes Leben werden kann.

Was Briefe sagen

Charlotte Inden bekennt sich ganz offen zum Briefeschreiben, richtige Briefe, auf Papier oder wenigstens auf Postkarten. Ihre Geschichte ist auch einem Briefeschreiber gewidmet, ihrem Großvater. Kein Wunder, dass sie ein moderner Briefroman geworden ist. Großmutter und Enkelin schreiben. Die Empfängerinnen und Empfänger sind ganz unterschiedlicher Natur, die Briefe dienen nicht nur der Information der Leserinnen, sondern auch der Reflexion der Figuren. Daher werden auch nicht alle abgeschickt. In den Briefen an ihr verlorenes Bein hadert die alte Anna mit dem Leben, zornig, traurig, resigniert-philosophisch. Auch die kleine Anna hadert in heimlichen Briefen, meist mit Jan, aber auch mit ihrer Mutter. Kein Teenager hat es leicht.

Die Briefe sind Tagebuchersatz, doch sie erzählen auch ganz besondere Liebesgeschichten. Die der kleinen Anna mit Jan, die sich über die nächsten Jahre von einer Kinderliebe zu einer großen, tiefen Liebe entwickelt, steht im Vordergrund. Das Wiederaufleben einer ehemaligen Liebesgeschichte ihrer Großmutter wird zum liebevoll-traurigen Spiegel dieser jungen Liebe.

Dazu gibt es Skizzen vieler anderer, kleiner und großer Lieben, glücklich, unglückliche. Partnerschaften, Ehen, gelungene und geschiedene. Inden fängt alles ein und bannt es in klaren Sätzen, die eine eigene Poesie entwickeln, aufs Papier.

Liebe ernst nehmen

Das Buch ist ebenso wunderschön ausgestattet, wie es erzählt ist. Das beginnt beim Cover, das die wesentlichen Themen, Liebe, Briefeschreiben und das Meer gleich vorstellt. Auch die Farben rot, weiß und blau sind alles andere als zufällig gewählt. Eine Überraschung erwartet die Leserin beim Aufschlagen, für einmal ist der Text hier blau auf weiß gedruckt. Briefe eben. Bei soviel Liebe im Text blieb noch einiges übrig für die Gestaltung der Kapitelanfänge und der Art, wie die einzelnen Briefe voneinander getrennt werden.

Indens Text ist feinfühlig und voller Wärme; er klingt frisch und realistisch noch in den bewegendsten Szenen. Es ist erstaunlich, welche Wucht zarteste Annäherungsversuche unter Teenagern haben können, wenn man sie einfach ernst nimmt und ernsthaft beschreibt. Schließlich ist Liebe eine ernste Angelegenheit, auch daran lässt Inden keine Zweifel. Anna und Anna ist kein zuckersüßer Teenager-Liebesroman, sondern der Versuch, jungen Leserinnen mit ungewohntem hohem Anspruch die Bedeutung von Liebesgefühlen ungeachtet des Alters der Liebenden zu vermitteln. Es geht um Mut, Rücksichtnahme und Verständnis. Um Verlust. Um die wichtigen Dinge eben.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Charlotte Inden: Anna und Anna
München: Hanser 2013
175 Seiten. 12,90 Euro
Jugendroman ab 14

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