Weniger wäre mehr in Koethi Zans Erstlingsroman

in Debüt/Roman

Roman | Koethi Zan: danach

In Koethi Zans Thriller-Debüt Danach hat eine junge Frau drei Jahre in der Gefangenschaft eines Psychopathen verbracht. Ein Jahrzehnt später soll der Mann vor einen Bewährungsausschuss und eventuell wieder auf freien Fuß kommen, wenn Sarah Farber nicht gegen ihn aussagt. Aber die wagt sich kaum, ihre New Yorker Wohnung zu verlassen, weil sie Angst hat, dass dann alles wieder von vorn beginnt. Von DIETMAR JACOBSEN


Koethi Zan: danach
»In den ersten zweiunddreißig Monaten und elf Tagen unserer Gefangenschaft waren wir dort unten zu viert. Und dann, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, waren wir nur noch drei. Obwohl Jennifer seit Monaten keinen Laut mehr von sich gegeben hatte, wurde es sehr still im Raum, als sie fort war.«

Das erste Buch der gelernten Anwältin und Medienrechtsexpertin Koethi Zan beginnt vielversprechend. Sarah Farber, eines von mehr als fünfzig Opfern des sich hinter der Maske eines charismatischen Universitätsprofessors verbergenden Psychopathen Jack Derber, ist die Flucht aus dem Keller ihres Peinigers gelungen. Mehr als drei Jahre hat sie dort, angekettet neben drei weiteren Opfern des Mannes und halb zu Tode gefoltert, verbracht.

Nach dem Ende des Albtraums lebt sie unter neuer Identität weit weg vom Ort des Grauens. Zu Christine und Grace, zweien der mitgefangenen Frauen, hat sie keinen Kontakt mehr. Jennifer, die Freundin, mit der gemeinsam sie nach einer Studentenparty in die Gewalt des Mannes gefallen ist, wähnt sie tot. Verarbeitet hat sie ihre Erlebnisse, obwohl das FBI und eine Psychotherapeutin sie seither betreuen, noch längst nicht. Und nach zehn Jahren winkt Professor Derber wieder die Freiheit, falls sich seine Opfer nicht entschließen, ihm vor einem Bewährungsausschuss erneut entgegenzutreten.

»Iss, was du kriegst, schlaf, wenn du liegst …«

Geschickt versteht es die Autorin, ihre Leser in der ersten Hälfte des Buches auf die Folter zu spannen. Wird sich Sarah herauswagen aus ihrer selbst gewählten Isolation, um zu verhindern, dass Jack Derber wieder auf freien Fuß kommt? Gelingt es der jungen Frau, ihre beiden Mitgefangenen, zu denen sie seit den Tagen des Eingesperrtseins ein äußerst gespanntes Verhältnis hat, davon zu überzeugen, öffentlich gegen den Entführer aufzutreten? Und kann sie, indem sie die Leiche ihrer Freundin aufspürt, dafür sorgen, dass sich die Gefängnistore für immer hinter einem Mann schließen, der dann nicht nur der Freiheitsberaubung, sondern auch des Mordes für schuldig zu befinden wäre?

Leider schöpft Koethi Zan das Potenzial, welches die ihrem Roman zugrunde liegende Idee zweifellos besitzt, alles in allem zu wenig aus. Nach einem fulminanten, psychologisch stimmigen Beginn opfert sie die unheimliche Spannung, die aus der Konfrontation zwischen Gegenwart und Vergangenheit hervorgegangen ist, zunehmend einer immer krawalliger werdenden Handlung, die von Höhepunkt zu Höhepunkt hetzt und dabei jeglicher Logik und Motiviertheit verlustig geht. Dass aus vier Opfern 54 werden – geschenkt!

Doch irgendwann stellt sich die Frage, ob überhaupt noch jemand in Zans Welt psychopathologisch unvorbelastet ist und sich nicht in jedem Van mit verdunkelten Scheiben gefangene und sedierte Mädchen befinden, die man sich aus Opferkatalogen frisch nach Hause in seine schmucke Marterwerkstatt bestellen kann.

Der Mut zum stillen Horror fehlt

Danach ist dennoch kein schlechter Roman. Er setzt aber zu ausschließlich auf eine Dramaturgie, die ständig Schreckliches mit noch Schrecklicherem zu überbieten sucht. Das wird auf die Dauer schal, zumal erfahrene Leser ziemlich früh ahnen, wer den weggesperrten Psychopathen auf dem Laufenden hält, was dessen einstige Opfer betrifft. Auch sind die meisten Charaktere, deren Wege Zans Heldin Sara kreuzt, gar zu schablonenartig angelegt.

Gerade das, was einen am Anfang hineingezogen hat in dieses Buch, nämlich die Komplexität des Charakters seiner Hauptfigur, fällt in seiner zweiten Hälfte fast vollständig unter den Tisch. Keine Frage: Auch immer flacher werdende Geschichten finden Leser – man muss sich ja wenig anstrengen, um ihnen zu folgen. Aber diese Autorin besitzt eine Gabe, um die es wirklich schade wäre, opferte Koethi Zan sie auch in ihren nächsten Romanen dem träge dahinfließenden Mainstream.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Koethi Zan: Danach
Frankfurt/Main: Scherz 2012
445 Seiten. 14,99 Euro

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