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Neu und frisch aus Magdeburg jetzt; aus Erfurt in Kürze

Film | Im TV: Polizeiruf 110 – Der verlorene Sohn (MDR), 13. Oktober

Der Polizeiruf Der verlorene Sohn entführt uns in die rechtsradikale Szene Magdeburgs. Gut, das ist nicht eben originell, aber es ist Realität. Die Absicht, einmal wieder Politik zu thematisieren, ist lobenswert, auch wenn die CDU bereits vor Ausstrahlung via BILD zu bedenken gab, das Bild Magdeburgs, das dieser Polizeiruf zeichne, könne sich negativ auf den Tourismus auswirken. Ojeh, Probleme haben die Leute! Von WOLF SENFF

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Unvergessen als ein spannender politischer Sonntagabend-Krimi bleibt übrigens Die Ballade von Cenk und Valerie vom Mai 2012. Nun denn. Ein junger Afrikaner ist ums Leben gekommen, die Verdächtigen werden in der Neonazi-Szene vermutet, es gibt aber auch Verbindungen zu Kosloff, dem Eigentümer eines Fitnessstudios, der illegal mit Anabolika handelt; das Opfer arbeitete in einer seiner Putzkolonnen.

Die Lage ist verwickelt. Hinzu kommt, dass die ermittelnde Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) in ihrer illustren Vergangenheit, so gehts, eine Affäre mit Kosloff hatte und dieser Kosloff aufgrund seiner russischen Herkunft bei den in Magdeburgs Bürgertum solide verwurzelten Rassisten als unerwünschte Person gilt. Eine zweite Leiche wird entdeckt. In diesem Fall wollte jemand seine Pelztierfarm auf eine gesunde finanzielle Basis stellen, das war unüberlegt, und das kann leicht ins Auge gehen.

Die sportliche Kommissarin – das Hinterherlaufen wird wieder trendy – rennt zweimal einem Übeltäter hinterher, sie holt ihn nicht ein. Dieser Polizeiruf knüpft an jene raue Gangart an, die uns vor Jahren Schimanski vorführte. TATORT arbeitet am Imagewandel. Außer diesem neuen Polizeiruf aus Magdeburg, der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, wird uns demnächst Erfurt, Thüringens Landeshauptstadt, zum allerersten Mal an einem Sonntagabend präsentiert, Deutschland ist groß, Deutschland ist schön, drei Wochen später, wir kommen darauf zurück.

»Impotenz macht frei«

Doreen Brasch, Magdeburg, fährt Motorrad. Wir erhalten Einblick in diverse gebrochene Biografien. Dann wird die kruppstahlharte Gangart leicht ausgebremst, allein schon durch die Figur des vermeintlichen Pedanten Jochen Drexler (Sylvester Groth) – » Einer muss ja das Mädchen sein«. Wahlweise auch: »Impotenz macht frei.« Ist das so? Soweit dieser Satz auf die überschießende Männlichkeit der Neonazis anspielt, dürfen wir das als treffendes Motto für diesen Polizeiruf verstehen (Regie: Friedemann Fromm).

Den Neonazis ist tatsächlich geholfen, als einer der Ihren sein machohaftes Prügeln einstellt und dialogfähig auftritt. Die knallharten Seelchen fallen zu Boden wie Dominosteine. Man versteht wieder, »dass das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst, das Harte unterliegt« (Bertolt Brecht).

Eine komplexe Balance

Die Familienzusammenführung rundet das Geschehen ab, der Film umgeht aber die Sentimentalität, die durch den Titel suggeriert wird. Der Titel mutet überhaupt etwas schräg an. Denn Der verlorene Sohn hat einen Bruder, und das biblische Gleichnis leitet seinen Sinn aus der Reaktion dieses Bruders ab. Gut, Bibel und Polizeiruf liegen weit auseinander.

Sentimental will Der verlorene Sohn auf keinen Fall sein, er bildet Elemente einer zeitgemäßen Kultur des Kriminalfilms ab, u.a. die Verfolgung mittels Mobiltelefon-Ortung und einen Umgangston, der schnöde Vertraulichkeit und augenzwinkernde Übereinstimmung ausschließt. Deshalb gibt’s auch keine langwierigen Erörterungen über Ermittlungsstrategien. Das Geschehen ist dicht, die Ereignisse überstürzen sich, man muss als Zuschauer dauerhaft auf dem Quivive sein (Buch: Christoph Fromm, Friedemann Fromm).

Diesen Polizeiruf zeichnet eine hoch ausgereizte innere Spannung aus. Wenngleich Doreen Brasch betont spröde und unsentimental auftritt, darf sie auch große Emotionen zeigen und bleibt dabei authentisch und glaubwürdig. Die Handlung ist trocken, direkt, zielgerichtet und mündet in ein anrührendes Finale, das rechtzeitig vor der Grenze zu Schleim und Kitsch ausgebremst wird. Drehbuch und Regie vollbringen das Kunststück, diese äußerst fragile Balance überzeugend zu halten.

Es ist dieser mutige, besonnene Gratwandel, der dem Magdeburger Polizeiruf sein besonderes Flair verleiht und ihn positiv von anderen Sonntagabend-Krimis abhebt. Der Eröffnungsfilm des neuen MDR-Polizeiruf – als Einstieg in die Nachfolge von Herbert Schmücke (Jaecki Schwarz) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler) – setzt hohe Maßstäbe.

Phantasie und Originalität gegen Beziehungskitsch

Man wünscht, dass es so bleibe, vor allem aus der Erfahrung des Rostocker Polizeirufs, dessen wohltuende Direktheit früherer Folgen sich neuerdings in ein wohlgefälliges Beziehungsallerlei auflöst. Frau Königs verschüttete Herkunft wird zur Endlosschleife, das Halbstarken-Image ihres Kollegen nutzt sich ab. Die Geschichte der zentralen Figuren dort ist, wie es scheint, frühzeitig auserzählt. Den Drehbuchautoren fällt nichts Neues ein, das bringt sie in Verlegenheit, da tauchen sie, ojeh, tief ab in den Beziehungskitsch (Polizeiruf Zwischen den Welten, 25.08.13). So war schon immer der Anfang vom Ende.

Deshalb bitte nicht den smarten Drexler mit der barschen Brasch verbandeln. Da war verdächtig dicht Sympathie aufgetragen. Jedoch: »Primär interessiert mich das Privatleben der Kommissare nicht, ich möchte den Fall sehen« (Sylvester Groth laut Tagesspiegel vom 3.09.).

Erfurts neuer TATORT Kalter Engel wird in ein paar Wochen auf Sendung sein, doch neugierig dürfen wir schon sein, der MDR hat Großes vor, an Weihnachten wird es einen dritten aus Weimar geben. Erst einmal Magdeburg, und Magdeburg startet jetzt schon auf vorderen Plätzen.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Polizeiruf 110: Der verlorene Sohn (MDR)
Regie: Friedemann Fromm
Ermittler: Claudia Michelsen, Sylvester Groth
So., 13. 10. 13, ARD, 20:15 Uhr

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