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Totaler Grenzüberschreitungskickwahnsinn

Kulturbuch | Jürgen Teipel: Mehr als laut

DJs erzählen. Von Partys und ständigem Unterwegssein. Von Beziehungen und Lampenfieber. Ekstase und Drogen. Euphorie und Depression. In seinem Doku-Roman Mehr als laut lässt Jürgen Teipel seine Protagonisten selbst zu Wort kommen und entlockt ihnen ganz persönliche Geschichten über die wilde Clubkultur der 90er Jahre. Ein Buch, zwanzig Interviews. Von EVA HENTER-BESTING

Teipel: Mehr als laut. DJs erzählen

Es ist mehr als laut. Tausende Jugendliche tanzen zum Wummern der Bässe. Sie schreien, kreischen, heben die Arme in die Luft. Zwischendurch erklingt Stimmengewirr, ein neuer Beat, Synthesizer-Fragmente – trotzdem bleibt der Eindruck von Monotonie. Stimmung durch Drogen; LSD, Kokain, Speed – der Versuch eine synthetische Verbindung zur Musik zu finden. Aus der DJ-Kanzel betrachtet ein gewöhnliches Bild. Selten beginnt die Arbeit der DJs vor Mitternacht, selten ist das Ende abzusehen. Und dann: Einsamkeit.

Zu privat

Zeitentgrenztes Feiern und Exzesse sind nicht die einzigen Themen, die Teipel anspricht. Das Leben der 20 Discjockeys, Labelinhaber, Produzenten und Clubbesitzer offenbart viel mehr; vor allem Ängste. Die Leere nach einem Auftritt nimmt sie mit, das Alleinsein, obwohl sie kurz zuvor in einer tobenden Menschenmenge standen. Die wird allerdings auch zum Problem. Caroline Hervé (Miss Kittin) und Mark Reeder gestehen ihre Furcht vor der Eigendynamik, die Feiernde entwickeln; dann, wenn alle gleichzeitig und dennoch unkontrollierbar zum Rhythmus springen. Die dabei entstehende Geräuschkulisse macht wiederum Michael Mayer zu schaffen: Angst vor dem Hörsturz. Es sind die Kehrseiten der Ekstase und Euphorie. Aber auch Lampenfieber vor dem Auftritt oder Flugangst spielen eine Rolle – Banalitäten, die viele kennen.

Ursprünglich sollten die privaten »Sofagespräche« die Grundlage eines Romans über die Clubkultur des Techno werden; über einen »blutjungen Typen, der nächtelang Platten auflegt und der ansonsten viel durch die Gegend kurvt, eigentlich gar nicht so richtig weiß, wo’s langgeht, aber der gerade dadurch offen ist für das, was ihm entgegenkommt: die Schönheit der Musik und die Gunst der Umstände«. Teipel gefielen die atmosphärischen Beschreibungen seiner Gesprächspartner jedoch so gut, dass er lieber sie, statt des »blutjungen Typen«, zum Thema seines neuen Werks machen wollte. Die Begeisterung hielt sich bei den Beteiligten in Grenzen, »zu privat waren die Gespräche gewesen. Viel zu vertraulich«. Nach fünf Jahren Stillstand bekam er schließlich doch die Zustimmung. Die über drei Jahre gesammelten Interviews wurden aufgearbeitet und zu einer Collage arrangiert.

Leben im Hier und Jetzt

Stilistisch knüpft Teipel damit an seinen Punkseller Verschwende deine Jugend an, mit dem er 2001 für Furore sorgte – die Oral History über die Punk und New Wave-Bewegung hinterließ Spuren. Viele seiner neuen Protagonisten hatten Teipels Werk gelesen; ein großer Vorteil, wie sich herausstellte. Zeitlich und inhaltlich gehen die Werke nahezu nahtlos ineinander über. Doch während Verschwende deine Jugend von einem Grundton der Resignation und Verzweiflung durchzogen wird, schwingt in Mehr als laut eine nahezu naiv neugierige Aufbruchstimmung mit.

Sie sind viel unterwegs, immer auf der Suche nach dem nächsten Auftritt, dem nächsten Kick. Das Geschehen bleibt nicht nur in Berlin, London oder New York, auch kleinere Städte und Provinzen werden betrachtet. Die Musiker erzählen von den Anfängen in Techno-Löchern wie dem milk! in Mannheim, genauso wie über Auftritte an idyllischen Plätzen inmitten des kolumbianischen Dschungels oder an einem Flüsschen in China. Natürlich ist auch die Rede von Ibiza, der Baleareninsel, die schon seit den 60er Jahren als Elysium der Subszenen gilt. Sie weckt in vielen die Lust am Rausch, am Leben im Hier und Jetzt.

Die Musik bleibt aus

Obwohl Teipel seinen Gesprächspartnern genug Möglichkeiten einräumt, die negativen Klischees der Techno- und Rave-Kultur aus der Welt zu räumen, werden sie nicht ergriffen. Im Gegenteil: die Vorurteile werden bestätigt. Neben Drogen, Exzess und lauter Musik bleibt kein tiefer Sinn, kein echter Inhalt.

Trotzdem lassen es sich die DJs nicht nehmen, das soziale Gefüge einer Party beinahe psychologisch-analysierend zu betrachten. In Teipels Buch geht es viel um Menschen, wenig um Musik. Die eigentliche Arbeit als DJ rückt in den Hintergrund, dem Auflegen der Vinyls und der musikalischen Individualität der Künstler wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt – bis die erwähnt wird, ist das Buch fast ausgelesen. Das spricht nicht generell gegen die Lektüre, lenkt den Fokus aber weg vom Eigentlichen, hin zu Entgrenzung und Delirium. Es sind nicht die einzigen Redundanzen, die durch das Zusammensetzen der kontextuell gelösten Interviewausschnitte entstehen. Teipel ist es dennoch gelungen, eine Vielfalt von Künstlercharakteren unterhaltsam zu präsentieren – obwohl das Gefühl zurückbleibt, in Verschwende deine Jugend habe das besser funktioniert.

Mehr als laut – DJs erzählen bietet ein zentrales Zeitdokument der Techno-Szene und einen interessanten Einblick in die Gefühlswelt weltweit mehr oder weniger bekannter DJs.

| EVA HENTER-BESTING

Titelangaben
Jürgen Teipel: Mehr als laut. DJs erzählen
Berlin: Suhrkamp 2013
235 Seiten. 14,99 Euro

Jürgen Teipel liest aus Mehr als Laut:
Donnerstag, 20. Februar 2014, 20:30 Uhr
Optimal Records
Kolosseumstraße 6
80469 München

Sonntag, 30. März 2014, 17:00 Uhr
STOFFWECHSEL Galerie
Hafenstr. 74
68159 Mannheim
Im Rahmen des »Jetztmusikfestivals Mannheim«

Mittwoch, 02. April 2014, 20:00 Uhr
Alte Filmbühne
Taubengässchen 2
93047 Regensburg

Donnerstag, 03.04.2014, 20:00 Uhr
Vanguarde Kulturklub
Hardtstr.37a
76185 Karlsruhe-Mühlburg

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