Watching the Watchmen

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Comic | Watchmen/Fatale/Ferals

BORIS KUNZ hat sich der zweiten Hälfte der umstrittenen Reihe Before Watchmen gewidmet, und ist dabei mal positiv, mal negativ überrascht worden. Weniger überraschend geht es dafür bei anderen Fortsetzungen bei Panini zu: Brubakers Fatale und Laphams Ferals bieten im jeweils zweiten Band gruselige Unterhaltung nach bewährtem Schema.

Before Warchmen - OzymandiasBefore Watchmen: Ozymandias

Comiclegende Len Wein, der immerhin Ikonen wie Wolverine oder das Swamp Thing aus der Taufe gehoben hat, erzählt die ausführliche Lebensgeschichte von Adrian Veidt, dem klügsten Mann der Welt (alias Ozymandias, dem prätentiösesten Superhelden der Welt). Dabei macht sich Wein gar nicht erst die Mühe, irgendwelche bislang nicht erzählten Abenteuer von Ozymandias zu erfinden, sondern arbeitet sich weitgehend daran ab, die in Watchmen erzählten Fragmente seiner Biographie, in die richtige Reihenfolge gebracht, nachzuerzählen und damit das Psychogramm eines Menschen zu erschaffen, der eines Tages den Beschluss fassen wird, durch ein Blutbad den Weltfrieden zu sichern. Zeichner Jae Lee, hierzulande durch die Stephen-King-Adaption Der dunkle Turm bekannt, traut sich dabei eine ganz eigene grafische Vision zu, deren filigraner Strich weit von Dave Gibbons entfernt ist und allen Figuren eine unwirkliche, elfenhafte Aura verleiht. Anstatt die Seiten mit Details zu füllen, lässt Lee in Ozymandias eine stilisierte, unwirkliche und hoch ästhetische Kunstwelt entstehen, indem er viel mit Schattenrissen und großen Farbflächen arbeitet. Passend dazu erfindet er für diese Comicreihe eine ganz eigene Panelaufteilung, in der Kreise und Halbkreise eine große Rolle spielen. Optisch ist das ein Hochgenuss.

So hat man voller Staunen ein Comicalbum in der Hand, das den unerwartet hoffnungsvollen Eindruck macht, als sei in der bislang recht überflüssigen Before Watchmen Reihe nun doch noch ein großartiger, absolut lesenswerter Comic entstanden. Natürlich lässt Len Wein die Wege von Ozymandias mit den anderen Watchmen kreuzen und gibt all den Figuren jene konsequenten, klaren Konturen zurück, die in den bisherigen Before-Watchmen-Stories eher verwischt als radikal aufgelöst worden sind, und lässt ihre Faszination wieder lebendig werden. Dem Comic gelingt in den ersten Kapiteln der erstaunliche Spagat, einerseits eine eigenständige Vision zu haben, andererseits aber nahe an der Vorlage zu bleiben. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, umso deutlicher wird, dass auch Len Wein nicht mehr tut, als die winzigen Lücken auszufüllen, die Alan Moore gelassen hat – und je mehr Ozymandias an seiner Vorlage zu kleben beginnt, umso mehr verpufft die Faszination. Gerade in den letzten Kapiteln, in denen es um die Entstehung von Veidts unfassbarem Anti-Armageddon geht, traut sich Len Wein aus unerfindlichen Gründen nicht, in die Vollen zu gehen, und ausführlich und in neuer Tiefe von diesem Plan zu erzählen. Er begnügt sich mit Hinweisen und Andeutungen, lässt Entscheidendes im Off, als müsse sich Ozymandias in Zukunft als echtes »Prequel« zu Watchmen lesen lassen; als wolle er niemandem die Auflösung verderben. Damit erliegt auch dieser vielversprechende Band dem Dilemma, dass er ohne die Lektüre von Watchmen als eigenständiges Kunstwerk nicht funktioniert und letztlich doch nichts Neues zu erzählen hat. Aber das tut dieser Comic immerhin in großartigen Bildern.

 

Before Warchmen - Silk SpectreBefore Watchmen: Silk Spectre

Einfach hat sie es nicht, die kleine Laurel Jane. Sie wächst als Einzelkind bei ihrer alleinstehenden Mutter auf, die von den Männern in ihrem Leben so sehr enttäuscht worden ist, dass sie ihre Tochter dazu erzieht, sich komplett auf eigene Faust durchs Leben zu schlagen. Und da es sich bei dieser Mutter um Sally Jupiter, die erste Silk Spectre handelt, beinhaltet diese Erziehung durchaus auch handfesten Nahkampf im heimischen Wohnzimmer. In der Schule ist Laurel zwar großartig in Sport und Athletik, doch die Reputation, die Tochter der Frau zu sein, die vor 30 Jahren in Netzstrumpfhosen Verbrecher verprügelt und für Postkarten posiert hat, ist an der High School auch nicht gerade förderlich, um einen großen Freundeskreis zu gewinnen. Die einzige männliche Kontaktperson, die die Mutter im strengen Dunstkreis ihrer Erziehung zulässt, ist der onkelhafte Freund Hollis Mason (der erste Nite Owl). Das ändert sich, als Laurie in ihrem Mitschüler Greg ihre erste große Liebe findet, und mit ihm nach San Francisco durchbrennt.

Dort kommt sie in die Hippie-Szene, erlebt den Sommer der Liebe, und gerät schließlich an eine Vereinigung gefährlicher Drogengurus, die die Hippiegeneration buchstäblich mit der Droge des Konsums infizieren wollen. So wird die Reise der jungen Frau zu sich selbst gleichzeitig auch die Entstehungsgeschichte des weiblichen Mitglieds der Watchmen: Es ist das erste Abenteuer von Silk Spectre. Und es ist einer der wenigen Bände der Before Watchmen Reihe, die keine Enttäuschung sind.

Zum einen liegt das wohl daran, dass der Autor Darwin Cooke es wie schon in seinem Vorgängerband Minutemen geschafft hat, einen Teil des Watchmen-Kosmos zu entdecken, in dem Alan Moore noch genügend Raum gelassen hat, um sich auszutoben. Dieses Jugendabenteuer von Laurie ist kein zum Album aufgeblähter Watchmen-Flashback, sondern eine kleine, eigenständige Episode, die relativ frei mit der Figur Silk Spectre spielt, und die anderen Figuren in kurzen, aber dafür prägnanten und stimmigen Gastauftritten in die Geschichte einbindet. So gelingt es Cooke fast beiläufig, worum die anderen Autoren so verzweifelt ringen: Er generiert erhellende Augenblicke wie den kurzen Schlussgag mit Dr. Manhattan, die der Vorlage witzige neue Sichtweise abgewinnen. Und er verschafft der Figur des Comedian einen Auftritt, der gleichzeitig rührender und verstörender ist und die Figur klarer definiert, als es seinem eigenen Band in dieser Reihe gelingt.

Doch das sind kleine Bonbons, denn die Qualität dieses Albums liegt eben gerade darin, dass Cooke sich nicht krampfhaft darum bemüht, Silk Spectre auszudefinieren, sondern in seinem spielerischen Umgang mit dem Watchmen-Universum. Er erzählt in erster Linie eine Geschichte vom Erwachsenwerden und von der ersten Liebe, garniert mit hemmungslos überzogenen, humoristischen Elementen. Doch mit einem seitenlangen Drogentrip und einem Frank Sinatra als Oberschurken wie aus einem James-Bond-Film, ist er der Erzählfreude von Alan Moore bei aller Albernheit näher als andere Autoren mit ihren düsteren Heldenpsychogrammen.

Vor allem aber hat dem Comic die Entscheidung gut getan, mit Amanda Conner eine Zeichnerin für die Umsetzung des Albums zu gewinnen. Damit ist der Comic nicht nur der Gefahr entgangen, zur Fleischbeschau von Silk Spectres Beinen und Brüsten zu verkommen. Connors Zeichnungen sind modern und voller Witz – und ihr Auge für Figuren, für Gesten und Blicke ist bestechend. Vor allem macht sich das in den Liebesszenen zwischen Laurel und Greg bemerkbar, in denen die Zärtlichkeit und Wärme jeder Berührung spürbar zu werden scheint. Formal hält sich Amanda Connor an die 9-Panel-Seitenaufteilung von Dave Gibbons, um diese an den richtigen Stellen wirkungsvoll zu durchbrechen, und hier und da kleine Fantasiesequenzen einzustreuen.

Silk Spectre ist mit Sicherheit kein wuchtiges Kunstwerk, und man mag die darin versuchte Abwechslung von echter Tragik und schrägen Humor nicht immer überzeugend finden, doch es ist immerhin ein Comic geworden, den man mit einem Lächeln auf den Lippen und echter emotionaler Beteiligung lesen kann, und der es dadurch tatsächlich schafft, sich ein klein wenig aus dem übergewichtigen Schatten der Watchmen hinauszubewegen.

 

Before Warchmen - Dr ManhattanBefore Watchmen: Dr. Manhattan

Möglicherweise liegt es ja auch daran, dass die ersten Bände die hohen Erwartungen zunächst einmal ziemlich heruntergeschraubt haben, aber es scheint so, als hätte sich Panini die besten Bände dieser umstrittenen Comicreihe für den Schluss aufgehoben. J. Michael Straczynski, der mit Nite Owl eigentlich eine eher flügellahme Nummer abgeliefert hat, überrascht in Dr. Manhattan mit einer originellen Story über Quantenphysik und Parallelwelten, in der es tatsächlich gelungen ist, der Vorlage einen neuen Aspekt abzugewinnen, der sich nahtlos und stimmig in die Grundstory der Watchmen einfügen will. Dieser Comic wirkt tatsächlich so, als wäre einem Autoren bei der Lektüre des Originals eine eigene gute Idee gekommen.

Dr. Manhattan (vor seinem Unfall in der intrinsischen Feldkammer der deutschstämmige, halbjüdische Atomphysiker Dr. Jonathan Osterman) besitzt neben einer ganzen Reihe anderer Wunderkräfte, die hier kaum Erwähnung finden, die Fähigkeit, sämtliche Zeitpunkte seines Lebens gleichzeitig wahrzunehmen. Als das grüblerische Superwesen diese Fähigkeit zu einem spirituellen Trip zurück zu seinen Wurzeln nutzt, geschieht etwas, das nicht sein darf: Als Dr. Manhattan den Unfall in der Feldkammer, bei dem es sein Alter Ego in seine Quantenbestandteile zerlegt hat, noch einmal beobachten will, muss er zusehen, wie Jonathan Ostermann die Kammer rechtzeitig verlassen kann, ehe der Unfall überhaupt stattfindet. Doch wenn der Unfall niemals stattgefunden hat, kann Dr. Manhattan gar nicht in diesem Augenblick existieren, um ihn zu beobachten. Erschrocken muss der mächtigste Mann der Welt feststellen, dass er durch eine unbedachte Tat offenbar Chaos im System des Universums angerichtet hat. Mit jeder Entscheidung, die der unversehrte Ostermann in seinem Leben als Normalbürger trifft, entsteht ein neues Paralleluniversum. Und in jedem dieser Universen endet die Erde früher oder später im nuklearen Feuer eines Atomkriegs. Es gibt nur eine Realität, in der das offenbar nicht der Fall ist, und in dieser Realität muss Dr. Manhattan ausgerechnet einen gewissen Ozymandias um Hilfe bitten …

Wie Dr. Manhattan an seiner eigenen Zeitachse in beide Richtungen entlang reist, bewegt sich Straczynski an der Vorlage entlang, zitiert immer wieder ganze Szenen aus dem Original Watchmen und bedient sich ausführlich bei Alan Moores Symbolik. Manches davon wird vielleicht auch etwas überstrapaziert, wie etwa die immer wieder auftauchenden Uhrwerke oder die beliebte Kiste mit Schrödingers untoter Katze, und man kann sicher auch geteilter Meinung darüber sein, ob man Dr. Manhattan auch noch eine Backstorywound während einer melodramatischen Flucht vor den Nazis andichten muss. Trotzdem ist Straczynski eine einfallsreiche und clevere Erweiterung zu den Watchmen gelungen, die sich nicht so schal anfühlt wie mancher Vorgänger, und an der Fans des Originals durchaus ihre Freude haben werden. Und nur an solche richtet sich dieser Comic, dessen Ende ohne die Kenntnis der Vorlage schlicht unverständlich bleiben wird.

Adam Hughes, sonst eher für Titelbilder berühmt, liefert wunderbare, stimmungsvolle Zeichnungen, die vor allem durch lebendige Figurenzeichnung bestechen, aber auf jede Ebene überzeugen, vom Detailreichtum bis zur hervorragenden Kolorierung. Dr. Manhattan ist großes Kino für die Augen und anregende Unterhaltung für den Verstand – und damit mehr, als man von dieser Comicreihe noch zu erwarten wagte.

 

Before Warchmen - Crimson CorsairBefore Watchmen: Crimson Corsair

Nachdem Dr. Manhattan und Silk Spectre also tatsächlich wieder Hoffnung machen konnten, verfliegt diese leider sehr schnell im Angesicht des letzten Bandes Crimson Corsair, bei dem es mir schwer fällt, auf allerhand Wortspiele mit »Schiffbruch« zu verzichten. Der Band ist eine Art Resterampe und versammelt die Piratengeschichte um den Roten Korsar, die in den USA als Fortsetzungs-Zweitstory in den Before Watchmen Heften erschien: Einen von J.M. Straczynski geschriebenen Zweiteiler um den eher schmalbrüstigen »Super«-Schurken Moloch und einen One Shot, in dem das skurrile Minuteman-Mitglied Dollar Bill im Vordergrund steht.

Moloch beschreibt im ersten Teil den Werdegang des missgestalteten Jungen mit den Spitzen Ohren vom Freak zum Gangster zum reuigen Verbrecher, der im Knast zu Gott findet, und beschwört 30er Jahre Gangsternostalgie – hier ist man allerdings mit einer Folge Boardwalk Empire oder einer Ausgabe von Torpedo besser bedient – und schildert dann im zweiten Teil, wie Moloch ein Instrument von Veidts Weltrettungsplan wird. Zwar gelingt es Straczynski tatsächlich, auf den letzten Seiten der Story die tiefe Tragik von Molochs Schicksal herauszuarbeiten, doch dafür muss man zuerst durch eine relativ uninspirierte Story hindurch, die im zweiten Teil wieder nichts anderes tut, als minimale Lücken aus Watchmen zu füllen bzw. einen bereits bekannten Plot aus einer neuen Perspektive zu erzählen. Zeichentalent Eduardo Risso setzt die Story zwar ansprechend in Szene, entfernt sich dabei aber auch keinen Millimeter von seinem Stil aus 100 Bullets. Moloch wirkt bei ihm deutlich missgestalteter als bei Gibbons und sieht eher wie ein Kobold als wie eine Laune der Natur aus.

Dollar Bill beleuchtet noch einmal das Schicksal des lächerlichsten aller Minuteman und ist die wohl überflüssigste Geschichte des gesamten Before Watchmen-Projektes. Für jeden Leser, der den Band Minutemen gelesen hat, hat diese Story so gut wie gar nichts Neues zu bieten, außer einer sehr merkwürdigen Parodie, in der Vierlinge, die wie Groucho Marx aussehen, als Großbanker auftreten und bei der man sich fragen muss, ob Len Wein und Steve Rude damit den Marx-Brothers huldigen, antisemitische Propaganda der 30er Jahre aufs Korn nehmen oder diese gar unfreiwillig bedienen. Rudes Zeichnungen wirken wie eine moderne, poppigere Fassung alter Superheldencomics aus den 50ern, durchaus passend zum Inhalt der Geschichte, die wiederum leider kaum etwas zu bieten hat.

Crimson Corsair fängt da etwas vielversprechender an und bietet eine brutale, düstere und blutige Piratengeschichte, bei der man zunächst das Gefühl bekommt, sie könnte auf ein ähnlich verstörendes Finale zusteuern, wie die in Watchmen eingestreute Black Freighter-Geschichte, ohne dieselben Figuren zu bedienen. Da in Moores Watchmen-Universum Superhelden real sind, sind es dort eben Piraten-Comics, die an den Kiosken den großen Umsatz machen, und daher ist Crimson Corsair keine Geschichte aus dem Watchmen-Universum, sondern stellt die Art von Comics dar, die in diesem Universum gelesen werden.

Diese sympathische Grundidee hätte man natürlich auch gestalterisch aufgreifen können, indem man ein Pseudo-Faksimile einer 80er-Jahre Comicreihe produziert, welches stilistisch und inhaltlich tatsächlich daherkommt wie eine unbekannte Comicreihe aus einem Paralleluniversum. Doch auf diese naheliegende Idee scheint man bei DC leider nicht gekommen zu sein. Die filigranen und grau in grau kolorierten Zeichnungen von John Higgins sind zwar durchaus ansprechend und dem Horror der Geschichte angemessen, orientieren sich aber eher an modernen Comicreihen wie Spawn, und auch eine erstaunliche Ähnlichkeit (grafisch wie inhaltlich) zu dem französischen Piratencomic Das Testament des Captain Crown ist zu bemerken. Spätestens aber wenn Higgins seine Traumsequenzen mit billigen Computereffekten versieht, geht der düstere Zauber nach und nach verloren. Auch die Geschichte um den Schiffbruch und die karibische Odyssee eines britischen Seemanns driftet immer mehr in eine verquaste Gruselgeschichte ab, in der die Autoren Wein und Higgins mit Geisterschiffen, Flüchen, Sklavenhändlern, Voodoo, Inkas und Leichenfledderei versuchen, allen möglichen Horror aufzufahren um die bösartige Episode aus Watchmen irgendwie zu übertreffen. Leider gelingt ihnen dies aber nicht: Sie verlieren sich im Wald ihrer eigenen Ideen und bringen es allerhöchstens zu einer Horrorparodie von Disneys Fluch der Karibik.

 

Fatale 2 - Hollywood BabylonFatale Band 2: Hollywood Babylon

Im zweiten Band seines famosen Horror-Noir-Thrillers bleiben Autor Ed Brubaker und seine Figur, der glücklose Nicolas Lash, auf den Spuren der geheimnisvollen, unsterblichen Josephine. Wie im ersten Teil widmet sich die Rahmenhandlung der Gegenwartsebene, in der Lash jetzt versucht, Josephine aufzuspüren oder wenigstens mehr über ihre Vergangenheit herauszufinden. Mehr als ein paar Informationsfetzen, die ihm verraten, dass Josephine sich im Jahr 1978 in Los Angeles befunden hat, kann er aber nicht auftreiben, bevor er in ganz anderen Ärger gerät. Der Leser ist da besser dran: Ihm gewährt Brubaker einen ausführlichen Blick auf die Ereignisse in L.A., die allerdings weniger mit dem verdorbenen Filmbusiness zu tun haben, als der Titel Hollywood Babylon vielleicht nahelegt.

Josephine, die inzwischen weiß, dass sie allen Männern, die ihren Weg kreuzen, nur Unglück bringt, lebt ein zurückgezogenes Leben in den Hollywood Hills und hofft darauf, von ihrem Verfolger nicht entdeckt zu werden, der in seiner neuen Inkarnation mit dem Namen »Hansel« (den wohl nur amerikanische Autoren für einen legitimen, gruseligen Deutschen Namen halten) zum Sektenführer der satanischen Method-Church geworden ist. Diese Sekte finanziert sich damit, Filmstars mit Kokain und Snuff-Movies zu versorgen. Als der erfolglose Schauspieler Miles und das Starlett Suzy mit den Anhängern der Method-Church aneinandergeraten, verschlägt es sie auf ihrer Flucht ausgerechnet auf das Grundstück von Josephines Villa. Josephine weißt, dass es in ihrem Leben keine Zufälle gibt, und dass ihr eine neue Konfrontation mit Hansel bevorsteht – und sie schickt Miles zwischen die Fronten.

Die Handlung von Hollywood Babylon ist klarer strukturiert und schnörkelloser erzählt als die des ersten Bandes, folgt aber demselben Muster: Das Katz- und Maus-Spiel zwischen Josephine und ihren Verfolgern versursacht eine ganze Menge blutiger Kollateralschäden. Dadurch, dass wir jetzt Josephines Geheimnis im Wesentlichen verstanden haben, haben wir Leser zwar mehr Durchblick, können aber andererseits auch schon ahnen, wohin der Hase läuft. Brubaker versucht, die Geschichte mit viel Hollywood-Lokalkolorit aufzupeppen und beschwört mit seiner Method-Church Assoziationen an die Manson-Familie herauf. Sean Phillips scheint sich darüber zu freuen, ab und an mal aus dem Schatten treten zu dürfen und neben Josephine auch andere hübsche Frauen, ein paar Partys und hier und da einen flotten Sportwagen ins Bild setzten zu können. Vom Glitzer und Glamour Hollywoods ist das Album aber noch immer weit entfernt und bleibt seiner düsteren und zynischen Grundstimmung treu. Die clevere Verknüpfung von Crime Noir und Horror funktioniert nach wie vor, Brubaker und Philipps liefern gute Lektüre ab. So richtige Gänsehaut-Spannung will sich allerdings nicht einstellen – dazu hat Brubaker die Horror-Anteile an der Geschichte zu sehr zurückgefahren. Dabei wäre genau das Gegenteil nötig, um den Leser wieder richtig packen zu können.

 

Ferals 2Ferals 2

Im zweiten Band seiner knallharten Werwolfsaga zieht David Lapham das Tempo deutlich an und lässt Ex-Sheriff und Womanizer Dale Chesnutt, der im ersten Band noch nicht so recht wusste, wie ihm überhaupt geschieht, als verdeckten Ermittler in den Dienst des FBI treten. Gemeinsam mit einer (natürlich verboten gut aussehenden) Partnerin wird Dale undercover in eine weitere Werwolf-Communtiy geschickt. Die Agenten Craine und Shoenfeld erhoffen sich durch Dale, der selbst mit dem Werwolf-Virus infiziert ist, neue Einblicke in diese düstere Welt, sowie die Spur zu einem brutalen Serienkiller, der in der Gegend schon länger sein Unwesen treibt, und dessen brutales Vorgehen verdammt nach Werwolf aussieht…

Tatsächlich braucht Dale nicht lange, um auf einen Mann namens Rikkard zu treffen, der im Gegensatz zu vielen anderen »Rudelführern« keine Lust mehr hat, dass das Volk der Werwölfe ein Schattendasein im Verborgenen fristet, wo es doch eigentlich mächtig genug wäre, die Herrschaft über die Menschheit an sich zu reißen. Und so ist er auf seinem abgeschiedenen Grundstück schon länger dabei, eine kleine Armee von reißzahnbewehrten Nachkommen zu züchten. Während auf diese Weise nach und nach eine Verschwörungsgeschichte größeren Ausmaßes Einzug in die Story hält, haben Dale und seine Partnerin einen Loyalitätskonflikt, wie das bei verdeckten Ermittlern ja häufiger vorkommen soll. Das Werwolfblut in Dale schlägt immer mehr durch, und er beginnt in den Wolfsmenschen seine neue Familie zu sehen, die er vor dem Zugriff des FBI bewahren möchte.

Autor Lapham und Zeichner Gabriel Andrade setzen weiterhin auf blutigsten Splatter und harten Sex, wobei Letzterer längst nicht so explizit dargestellt wird wie Ersterer. Doch weil sich Schauwerte dieser Art nach einer Weile auch irgendwann abnutzen, versucht Lapham gleichzeitig, der Geschichte einen immer größeren Maßstab zu geben, um schließlich mit Schlachtszenen aufwarten zu können, die fast schon apokalyptisch wirken. Er bemüht sich darum, die Story mehr sein zu lassen als einen Aufhänger für Schockeffekte. Dabei legt er ein Tempo vor, das den Leser auffordert, wirklich aufmerksam am Ball zu bleiben. Welchen Regeln die Verwandlung von Menschen in Werwölfe jetzt genau folgt, wird an keiner Stelle ausführlich erklärt, sondern lässt sich nur Stück für Stück aus der Handlung erschließen.

Die Zeichnungen sind für eine Serie dieser Art durchaus hochwertig. Schade ist nur, dass es Andrade nicht gelingen will, den verschiedenen weiblichen Figuren irgendeine Art von Charakter oder Profil zu geben. Dales neue Gespielin Pia sieht eigentlich genau aus wie Gerda Ingebritsen aus Band 1, und auch alle anderen weiblichen Figuren sind rank, schlank, mit kräftigem Vorbau und austauschbarer Visage, und weil sie öfter nackt als angezogen auftreten, kann man sie wirklich nur noch an der Haarfarbe unterscheiden.

Das kann wohl durchaus als Symptom dafür gelesen werden, dass sich die Schöpfer dieser Comicreihe zwar um eine rasante Geschichte mit einigen Überraschungen bemühen, sich aber doch nicht wirklich für ihre Figuren interessieren und die Story lieber voranpeitschen, anstatt in die Tiefe zu gehen. Das macht die Lektüre von Band 2 nicht mehr so intensiv wie bei Band 1, auch wenn es gewohnt kurzweilig bleibt.

| BORIS KUNZ

Titelangaben

Len Wein (Autor), Jae Lee (Zeichnungen): Before Watchmen: Ozymandias (Before Watchmen: Ozymandias 1-6)
Aus dem Amerikanischen von Steve Kups
Stuttgart, Panini Verlag 2013, 156 Seiten, 16,99 €
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Darwin Cooke (Text), Amanda Conner (Text und Zeichnungen): Before Watchmen: Silk Spectre (Before Watchmen: Silk Spectre 1 – 4)
Aus dem Amerikanischen von Carolin Hidalgo
Stuttgart, Panini Verlag 2013, 116 Seiten, 14,99 €
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J. Michael Straczynski (Text), Adam Hughes (Zeichnungen): Before Watchmen: Dr. Manhattan (Before Watchmen: Dr. Manhattan 1 – 4)
Aus dem Amerikanischen von Carolin Hidalgo
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 144 Seiten, 14, 99 €
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J. Michael Straczynski, Len Wein, John Higgins (Autoren), Eduardo Risso, Steve Rude, John Higgins (Zeichner): Before Watchmen: Crimson Corsair (Before Watchmen: Moloch / Dollar Bill / Crimson Corsair)
Aus dem Amerikanischen von Carolin Hidalgo
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 148 Seiten, 16,99 €
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Ed Brubaker (Autor), Sean Phillips (Zeichner): Fatale Band 2: Hollywood Babylon (Fatale 2: The Devil`s Business)
Aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 140 Seiten, 16,95 €
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David Lapham (Autor), Gabriel Andrade (Zeichnungen): Ferals Band 2 (Ferals 7 – 12)
Aus dem Amerikanischen von Bluna Williams
Stuttgart: Panini Verlag 2013, 148 Seiten, 16,95 €

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