Flug 815 nach… vergiss es!

Comic | Matt Kind: MIND MGMT 1

Ein Passagierflug, an den sich keiner erinnern kann, Massenhypnose, Delphine in geheimer Mission: ›MIND MGMT‹ fährt so einiges auf, um in Fahrt zu kommen – und bleibt in Fahrt. Der erste Sammelband der gefeierten Comic-Reihe erschien in deutscher Sprache bei Skinless Crow. Und lässt CHRISTIAN NEUBERT atemlos zurück.

Die ganz großen Weihen in Form diverser Eisner- und Harvey-Awards blieben dem US-amerikanischen Comic-Künstler Matt Kindt bislang verwehrt. Immerhin wurde er für die begehrten Trophäen mehrmals nominiert, zuletzt 2008. Den Ritterschlag erhielt er dennoch. Sein kanadischer Kollege Jeff Lemire, der wohl zu den größten zeitgenössischen Comic-Schaffenden zählt, bekannte, dass Kindts ›MIND MGMT‹ für ihn »the best comic out there« sei.

Auf Deutsch klingt das noch markiger: »›MIND MGMT‹ ist der beste Comic, den es gibt.« So prangt es auf dem Buchrücken des rund 350 Seiten starken Omnibus-Bands, erschienen beim Schweizer Verlag Skinless Crow. Es ist der erste einer insgesamt dreibändigen Komplett-Edition, die Kindts Opus in deutscher Sprache herausbringt.

Special Agents

In ›MIND MGMT‹ geht es um eine Geheimorganisation gleichen Namens, die Menschen mit besonderen Kräften und Fähigkeiten rekrutiert, um die Geschicke der Welt zu lenken. Leute wie den »Futuristen«, der die Gedanken aller Menschen in einem weiten Radius um sich herum simultan liest und verarbeitet, wodurch er deren Handlungen vorausahnen und daher praktisch in die Zukunft sehen kann. Den »Werbefachmann«, dessen als Anzeige platzierte Designs und Texte individuelle Gedanken viral gehen lassen. Oder die »Tierfreundin«, die es versteht, mit Tieren zu kommunizieren.

Das Wissen um die Organisation, seine Anfänge im Ersten Weltkrieg und seine einzelnen Mitglieder streut der Comic häppchenweise in eine Rahmenhandlung, in deren Zentrum die Journalistin und True-Crime-Autorin Meru steht. Sie hat zwar einen Bestseller vorzuweisen, doch leider keine Geld mehr auf dem Konto. Also muss eine neue Story her.

Die findet sie in einem Passagierflug, der zwei Jahre zuvor gewaltige Rätsel aufgab: Sämtliche Menschen an Bord des Flugs 815 verloren schlagartig ihr Gedächtnis – Passagiere und Besatzung, weswegen die Notlandung vom Bodenpersonal gesteuert werden musste.

Zwar haben alle überlebt – doch ein Passagier war verschwunden und ist bis heute nicht aufgetaucht: Ein gewisser Henry Lime, wie sie rasch ermittelt. Eine erste Spur führt sie nach Mexiko. Dort gerät sie an einen CIA-Agenten – und schließlich mittenrein in die Verstrickungen obskurer Geheimoperationen und einer Organisation, deren Aktivitäten, Ziele und Beweggründe sich offenbar nie so ganz erschließen lassen.

»MIND MGMT« ist eine überraschende, spannungsgeladene Kreuzung aus Spionage-Thriller und X-Men. Der Handlungsbogen entfaltet sich nach und nach, rauschhaft, atemlos, mitunter auch gehetzt. Währenddessen sieht man sich mit einer Fülle an skurrilen Details konfrontiert, bei denen man sich nie sicher ist, ob sie noch handlungsrelevant sind, ob sie die breit gefächerte Story erhellen oder ob sie absichtlich falsche Fährten streuen.

Geheimbotschaften als Randnotiz

Und dann gibt es da noch den sogenannten MIND MGMT Feldführer. Immer wieder ist er bruchstückhaft an den seitlichen Rand der Panelstruktur montiert, um die Comic-Handlung zu kommentieren, um das Geschehene zu erläutern – oder um vollends Verwirrung zu stiften. Vor allem, wenn er augenscheinlich abreißt und sich stattdessen jemand direkt mit warnenden Worten an den Adressaten des Feldführers richtet. Oder an den Leser selbst?

Manchmal finden sich auch Passagen aus Merus erwähntem Bestseller am Seitenrand. Oder Notizen, die offenbar Details einer Beschattung festhalten. Es sind Kunstkniffe wie diese, die die um den gesamten Globus führende Spionagegeschichte vollends zu einem packenden Leseerlebnis machen. Auch die skizzenhaften Zeichnungen und die Aquarell-Kolorierung nähren diesen Eindruck. Alles wirkt flüchtig, Eindrücke verschwimmen, Personen und ihre Absichten bleiben vage und schwer greifbar. Für einen Agenten-Thriller passt das natürlich hervorragend.

Ob die erwähnten Kunstkniffe im Laufe der gesamten Reihe vielleicht zum Gimmick verkommen, ob die atemlose Spannung weiterhin aufrechterhalten bleibt – und ob ›MIND MGMT‹ vielleicht wirklich der beste Comic ist, den es gibt: All das müssen die beiden Folgebände zeigen, die die Reihe zum Abschluss bringen. Der erste macht zumindest schon mal ordentlich Appetit auf den nächsten.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Matt Kind: MIND MGMT 1
Aus dem Amerikanischen von Thomas Müller
Niederwangen: Skinless Crow 2023
Hardcover, 368 Seiten, 49,90 Euro

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