/

Volles Risiko

Menschen | Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945

Wer heute zu seinem Chef geht und sagt: »Ich möchte entlassen werden«, hört allenfalls, dass er Hartz IV und den sozialen Abstieg riskiert. Marie Jalowicz riskiert ihr Leben, warnt der Hallenleiter bei Siemens, als sie ihm im Frühsommer 1941 damit kommt. Sie ist Jüdin, Zwangsarbeiterin, sie darf nicht kündigen, sie kann nur entlassen werden. Er versucht ihr abzuraten, verweist auf die relativ geschützte Umgebung, die Kolleginnen: »Da draußen sind Sie ja allein in der Eiswüste.« Sie entgegnet: »Ich will in die Eiswüste, und ich will allein sein.« Sie ist neunzehn und hat den Satz einer Siemens-Kollegin im Ohr: »Fräulein Jalowicz, Sie haben einen Fehler gemacht, Sie haben sich normal benommen.« Den Fehler wird sie nie wieder machen. Sie hat das Paradox begriffen, dass sie ihr Leben nur retten kann, wenn sie es riskiert. Von PIEKE BIERMANN

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht

Das geht, spürt sie, nur ungebunden, und das ist sie jetzt: Ihre Mutter war schon 1938 gestorben, kurz vor dem Novemberpogrom, ihr Vater, einst »Frontkämpfer« und angesehener Notar und Rechtsanwalt, stirbt im März 1941. Sie hat das deutliche Gefühl, »dass mein Vater gestorben war, um mir den Weg freizugeben. Dass ich leben durfte, leben sollte, leben würde, weil er es so gewollt hatte.« Jetzt kappt sie auch alle anderen familiären Bindungen, durchaus brutal: Sie fährt nicht mit, wenn alte Verwandte deportiert werden. Sie erschmeichelt sich stattdessen die winzige Rente des Vaters und hält sich das Amt für Zwangsarbeit vom Hals, indem sie dem Briefträger weismacht, Fräulein Jalowicz sei »unbekannt in den Osten verzogen«. Sie legt immer öfter den gelben Stern ab und beherrscht bald die Kunst, ihn blitzschnell wieder anzunähen. Sie lässt sich für volljährig erklären mit dem Argument, es sei doch sicher ein wenig schwierig, demnächst »mit meinem Vormund von einem Konzentrationslager zum anderen zu korrespondieren«. Sie läuft kreuz und quer durch die Stadt, hört sich um, stellt zufrieden fest, dass nicht mal Polizisten wissen, was Juden nach und nach so alles verboten ist. Sie lernt den Umgang mit weiblichen Waffen – von erotisch bis Beschützerinstinkte weckend – und vor allem: selbstbewusstes Auftreten, gerade denen gegenüber, vor denen sie Panik haben soll.

Als im Juni 1942 morgens um sechs die Gestapo klingelt, macht sie auf dummes Hascherl und türmt – im Unterrock. Sie kann noch ihre Tasche und eine Flasche schnappen, falls unten im Haus der übliche zweite Häscher steht. Aber auch bei dem reicht ein Trick. Ab jetzt ist sie »illegal«, und das heißt ohne Papiere, Geld, Essen, Wohnung, abhängig von Helfern aller Art, Männern wie Frauen. Manche sind wirklich wagemutige Antifaschisten, andere glühende Judenhasser und Nazis, wieder andere raffgierig und verschlagen. Und viele, viele lassen sich das Helfen bezahlen, auf die eine oder andere Art – mit Sex, mit Machtgehabe, mit emotionalen Spinnennetzen, die Frauen so raffiniert knüpfen können. Hannchen Koch, zum Beispiel, in deren aufopfernder Fürsorge die ganze Psychopathologie der jüdisch-deutschen Tragödie zum Vorschein kommt: »Sie wollte mich armselig, abhängig und leidend haben, um mich dann tröstend streicheln zu können.« Marie überlebt mit Hannchens »arischen« Papieren, hat deren Mann Emil »zu Willen« zu sein und darf nach 1945 mitansehen, dass Hannchen Koch sich für die Jüdin von beiden hält.

Offen, klug und umwerfend schonungslos

Marie Jalowicz registriert das alles genau, sie hat neben ihrer messerscharfen Intelligenz noch eine Überlebenstechnik: Sie schreibt Tagebuch, aber in Gedanken. Sie kürzt und strafft sogar die Einträge, um sie besser auswendig lernen zu können. Und was sie erlebt und sich merken muss, ist schier unglaublich. Sie versucht, durch eine Scheinehe mit einem Chinesen aus Deutschland rauszukommen – aber wer hat schon 40.000 Mark? Also zahlt sie »in Naturalien«, aber die Heiratsgenehmigung dauert und dauert, und der Chinese verliert die Lust und nimmt die nächste. Sie versucht, über Bulgarien nach Palästina zu kommen, sie ist sogar verliebt in ihren »Verlobten«, einen bulgarischen »Fremdarbeiter«, und in Sofia sitzt sogar ein sympathisierender Nazi-Beamter, aber sie kommt nicht weiter, sondern nach sieben Wochen wieder in Berlin an.

Das mentale Tagebuchtraining wird sich 50 Jahre später, als sie endlich bereit ist, ihre Geschichte zu erzählen, als kostbare Quelle erweisen. Erst 1997 wagt ihr Sohn Hermann Simon, selbst Historiker und Direktor des Berliner Centrum Judaicum, ihr ein Tonband hinzustellen. Da ist Marie Jalowicz Simon emeritierte Professorin für Antike Literatur- und Kulturgeschichte, und jetzt redet sie – offen, klug und umwerfend schonungslos, auch gegenüber sich selbst. Als sie 1998 stirbt, sind 77 Kassetten voll. Irene Stratenwerth hat die 900 transkribierten Seiten zu 400 Seiten Prosa voller Witz und Trauer, kühlem Verstand und verrückter Liebe verdichtet, Hermann Simon hat Familienfotos und einen Stadtplan mit allen Wohn- und Versteckorten beigesteuert, Personen und Daten recherchiert und ein berührendes Nachwort geschrieben.

Untergetaucht ist ein hinreißendes Buch, unsentimental und gleichzeitig unglaublich warm. Das macht die Erkenntnis, die man aus jeder Zeile gewinnt, umso eisiger: Zwölf Jahre Naziterror sind mit sechs Millionen ermordeten Juden nicht »erledigt« – sie haben die Beziehungen zwischen den Lebenden bis in feinste Verästelungen vergiftet, und die Wirkung dieses Gifts hat eine beunruhigende Halbwertzeit, nicht nur in den Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Version der Rezension wurde am 6. März 2014 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

Titelangaben
Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940-1945
Bearbeitet von Irene Stratenwerth und Hermann Simon
Nachwort von Hermann Simon
Frankfurt am Main: S. Fischer 2014
416 Seiten. 22,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Schule für eine neue Zeit

Nächster Artikel

Am unteren Ende der Fahnenstange

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Anschreiben gegen die Zeit

Menschen | Tobias Rüther: Herrndorf. Eine Biographie

Tobias Rüther hat die erste Biographie über den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf vorgelegt. DIETER KALTWASSER hat sie gelesen

Der »Les-Schreiber«

Menschen | Navid Kermani Beten auf einer Preisverleihung? Der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, sorgte mit seinem Gebetsaufruf während der Verleihungszeremonie durchaus für Irritationen: Von einem »fragwürdigen«, gar »unerträglichen Übergriff« konnte man im Feuilleton der ›SZ‹ lesen. PETRA KAMMANN hingegen findet das Anliegen des Preisträgers zwar überraschend, aber nicht unangemessen – haben sich doch bereits frühere Preisträger nicht lediglich in Sonntagsreden geübt.

A Time For Rebirth: An Interview With Jazzuelle

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world Sometimes it feels like I am alone in thinking that house music should be sexy, sultry, and appeal to the heart and head as much as the feet. Recently I have become bored of clubs where you get accosted by drunken assholes, the dance floor is too jammed to permit the concept of personal space, while the night’s soundtrack is a limited palette of frantic, functional techno beats. Now, maybe it’s because I am getting a little older, but when I go out I want to hear

»Was machen wir aus unserem Leben? «

Menschen I Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll

Sie sind zwei der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll. Sie waren auch persönlich miteinander befreundet. Über diese Freundschaft ist jedoch nur wenig bekannt. Nun liegt der gemeinsame Briefwechsel vor, der lange unter Verschluss gehalten wurde: ›Was machen wir aus unserem Leben?‹ 122 Briefe sind es, 58 von Bachmann und 64 von Böll. Den ersten davon schrieb Bachmann im Dezember 1952 an den »lieben Heinrich«; er war die Antwort auf einen (verlorenen) Brief Bölls, mit dem dieser den Briefwechsel eröffnete. Vielleicht bedankte er sich darin bei Bachmann für eine Rezension seiner Erzählung ›Der Zug war pünktlich‹ in der österreichischen Kulturzeitschrift ›Wort und Wahrheit‹. Von DIETER KALTWASSER

Das Verhängnis einer Liebe

Menschen | Ingeborg Bachmann, Max Frisch: »Wir haben es nicht gut gemacht«

Von Juli 1958 bis zum Frühjahr des Jahres 1963 dauerte die Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch – zum Ende hin war sie vergiftet und zerbrach. Immer wieder ist über sie in der literarischen Öffentlichkeit gestritten worden mit Frisch in der Rolle des Böswichts und Bachmann in der des Opfers. Ein neues Editionswerk verlangt nach einer Korrektur der Sicht auf diese unheilvolle Beziehung der österreichischen preisgekrönten Lyrikerin und dem schweizerischen Erfolgsautor. Von DIETER KALTWASSER