/

Kurze und bündige Sprachspielereien

Roman | Markus Öhrlich: Die beste erstbeste Gelegenheit

Nichts weniger als ein kleines, sich über achtundfünfzig Seiten erstreckendes Meisterwerk legt Markus Öhrlich mit seinem Debütroman Die beste erstbeste Gelegenheit vor, ein Meisterwerk lakonischer Sprachspielereien. Von RÜDIGER SASS

Öhrlich GelegenheitDie fünf, sechs Jahre seiner Entstehungszeit sind dem Text nicht anzumerken, eine leichtfüßige lyrische Prosa, die aus einem systematischen Prozess der Verdichtung, des Kürzens oder Komprimierens, wie es im Untertitel heißt, hervorgegangen ist. Der Text verblüfft und überzeugt zugleich durch seine stilistische Einheitlichkeit, Konzentrierung und Strukturiertheit; der Textkörper wirkt wie aus einem Guss, eine durch und durchgehende Melodie, und es würde nicht verwundern, wenn die einzelnen Sätze wie etwa bei Ludwig Wittgenstein nummeriert wären, Sätze wie diese:

Beerwitz steigt aus seinem Bett, nimmt er sich vor.
Einfach so.
Nimmt sich vor, er steigt jetzt aus dem Bett. Die Füße, Hintern, Hals, überhaupt Kopf.
Stellt sich auf die Beine. Hat sich auf die Beine gestellt.
Und versucht weiter nun seinen guten Willen abzuschätzen.
Man meint, man sieht ihm den sogar an.
Nicht grade auffallend, aber immerhin.
Das will er selber sehen.
Da stellt er sich vor den Spiegel, der Vornehmer Beerwitz – da stehst du vorm Spiegel und versuchst, deinen guten Willen abzuschätzen.
Ganz nah davor, um auch bereits den Ansatz davon erkennen zu können.
Kommt ihm bekannt vor, die Situation.

Markus Öhrlich, Jahrgang 1971, weiß, wovon er schreibt. Wovon er nicht schreiben kann, darüber schweigt er. In seiner besten erstbesten Gelegenheit geht es ums nackte, auf das wesentliche, den ontologischen Kern reduzierte Leben, das Leben in seiner aufregenden, aufreibenden Alltäglichkeit; es geht um die Liebe eines Mannes und einer Frau, es geht um Trennung und das Dasein danach. Erzählt wird die Geschichte in Episoden, in einer Vielzahl von Vor- und Rückblenden. Öhrlich erzählt voller Herz, voller Humor: »Fühlen Sie sich ins Blaue hinein! Auf einem der vielen großen Aalsteine am Meeresufer, sehr gut warm von der Sonne, mit feinstem Sand ringsum, so fein, Sie finden abends sogar in Ihrem Po Sand! Spazieren Sie durch die nahegelegenen Auen von Kal, oder machen Sie Picknicks in unserem Garten, stippen Sie Brot in unser selbst hergestelltes huile d`olives, essen Sie Dalbeeren bis Ihnen komisch wird und genießen dabei den Blick auf den samtenen Teppich der Gebli-Ebene.«

»Fühlen Sie sich aufs Geratewohl, fühlen Sie sich freihändig – allez hop!« Es wird schwer sein, geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, dieses Buch, ausgestattet mit Hardcovereinband und Schutzumschlag, trotz Bestellnummer über den Buchhandel zu erhalten. Deshalb sei auf Booklooker.de verwiesen!

Es wird ebenso schwer sein, dass sich dieses Werk trotz oder wegen seines enormen sprachlich-stilistischen Potenzials in einer exakt vermessenen und genormten Literaturlandschaft durchsetzen geschweige denn Aufmerksamkeit verschaffen wird, eine Landschaft, in der Romane in der Regel zwischen 200 und 300 Seiten umfassen müssen, verfasst von jungen, inaugurierten Creative Writern und vermarktet von den Platzhirschen der Verlagsbranche.

Und gerade deshalb sei dies kleine Meisterwerk gepriesen, da sich darin eine individuelle Stimme erhebt, wohltuend anders im Gegensatz zum gängigen Einheitsbrei des herrschenden Geschmacks, das Werk eines Individualisten, das sich in keine Schublade einfügt, trotz aller Suche nach Vergleichbarem, etwa Carl Einsteins Bebuqiun, nach Günter Bruno Fuchs, Hans Carl Artmann oder Samuel Beckett …

| Rüdiger Saß

Titelangaben:
Markus Öhrlich: Die beste erstbeste Gelegenheit
Komprimierter Roman
Grabenstetten: Bank Druck Verlag 2014
58 Seiten. 8,50 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Phönix aus der Asche

Nächster Artikel

Rum und Ruinen

Neu in »Debüt«

Generation Leichtkraftrad

Roman | Kai Thomas Geiger: autoreverse Eine Jugend zwischen Mixtapes und Motörhead, zwischen Mopeds und Marlboro – und das Ganze auch noch in Stuttgart-Möhringen. Kai Thomas Geiger hält die Record-Taste gedrückt und spult das gute, wilde Leben zu Beginn der 80er Jahre in seinem Debütroman autoreverse noch einmal ab. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Coming-of-Age in Berlin Kurfürstenstraße

Roman | Debüt | Stefanie de Valesco: Tigermilch Mariacron, Milch und Maracujasaft – Tigermilch, das ist das Wahlgetränk der pubertierenden Ich-Erzählerin Nini und ihrer besten Freundin Jameelah. Sie trinken sich Mut an, Mut für die Welt und das Leben. Derbe, aufrüttelnd, sanft, verstörend, vielschichtig: Stefanie de Valescos Debütroman Tigermilch ist vieles, doch sicherlich nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber allemal lesenswert. Von TANJA LINDAUER PDF erstellen

Auf dem Pfad der Ungewissheit

Roman | Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville Der Debütroman Viviane Élisabeth Fauville der französischen Autorin und Journalistin Julia Deck ist zunächst nicht das, was er zu sein scheint – und ist es am Ende doch: ein klassischer Krimi. Allerdings liegt die Spannung nicht auf der Klärung des Mordfalls. Die Täterin ist schließlich von Beginn an bekannt – oder etwa nicht? Ein kriminalistisches Verwirrspiel gelesen von ANNA NISCH PDF erstellen

Was vom Bade übrig blieb

Comic | Pierre Oscar Lévy/Frederik Peeters: Sandburg Die Zeit rennt davon, der Raum wird klein: Sandburg seziert das Miteinander unterschiedlicher Menschen in einer mysteriösen Extremsituation. Von CHRISTIAN NEUBERT PDF erstellen

Zwischen den Kriegen

Roman | Krimi | Robert Hültner: Am Ende des Tages Mit Paul Kajetan hat Robert Hültner in seinem neuen Roman Am Ende des Tages eine Figur geschaffen, mit deren Hilfe es ihm gelingt, seinen Lesern das Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen zu erklären. Die bisher vorliegenden sechs Romane um den unangepassten Mann, dessen Aufrichtigkeit und moralische Integrität ihm Anfang der 20er Jahre seine Polizeikarriere gekostet haben, verbinden spannende Unterhaltung mit einem facettenreichen Zeitporträt. Allerdings sieht es am Schluss des aktuellen Abenteuers ganz so aus, als wäre es Kajetans letzter Fall. – Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen