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Frisch gezeichnet aus Bangalore

Comic | Sebastian Lörscher: Making Friends in Bangalore

Aus allen Winkeln der Welt erhalten wir heutzutage sekundenschnell die merkwürdigsten Selfies von Freunden und Bekannten. Geradezu altmodisch hat sich Sebastian Lörscher einen Monat Zeit gelassen für die »Aufnahmen« und legt ein volles Skizzenbuch aus Indien vor: ›Making Friends in Bangalore‹. Vom Strudel der szenischen Eindrücke ist PIEKE BIERMANN ganz hingerissen.

Sebastian Lörscher: Making Friends in BangaloreAus Texten von Reisenden hat Europa über Jahrtausende seine Welt-Anschauung(en) generiert, ganz buchstäblich: Berichte von Welten-Wanderern und Seefahrern über Reisen in ferne Länder haben eine stolze Tradition. Viele waren unterwegs im Auftrag von Herren mit Kriegs- oder Handelsgelüsten, manche als genau von solchen gebeutelte Schelme, und ein paar auch als forschende Doppelgenies, zum Beispiel Georg Forster oder Alexander von Humboldt. Sie brachten neben Texten auch einen immensen Bilderschatz zurück, aber das ist Jahrhunderte her. Längst wirken selbst Foto- und Filmkameras schon fast antik, und inzwischen klicken überall und jederzeit Smartphones und fluten die Welt mit Selfies: Bildern von jedwedem Ich in jedweder Umgebung. Oft so zufällig wie besinnungslos.

Sebastian Lörscher, könnte man sagen, macht Selfies mit Feder, Tusche und Buntstift. Er zeichnet überall und jederzeit. Aber er tut das alles andere als besinnungslos, obwohl es ihn 2011 eher zufällig einen Monat lang nach Bangalore verschlagen hat, in die südindische Megacity mit dem rasanten IT-Boom und der höchsten Selbstmordrate, mit dem religiös-ethnisch-kulturell-kastenmäßigen Gemisch aus 8,5 Millionen Einwohnern, in dem Atavismen und modern times ohne Knautschzone aufeinander prallen, nicht nur wegen der halsbrecherischen Schlaglöcher, und wo noch immer mit der Hand gegessen wird, und zwar ausschließlich mit der rechten. Zeichnend erzählt Lörscher von seinem eigenen Zusammenprall mit einer Welt, die ihm anfangs völlig fremd ist. Manchmal fiebrig-hastig, staunend, mit viel Witz, Sinn fürs Absurde und Selbstironie: Von seinem self sieht man nur die Hände, vor allem die zeichnende – linke! – Hand.

Haltung zur Welt transparent machen

›Making in Friends in Bangalore‹ ist ein erstaunliches Buch, nicht nur wegen des scheinbar völlig unzeitgemäßen Werkzeugs, Buntstifte zumeist. Es ist eine Mischung aus skizzierten Straßenszenen, Personen, Interieurs, aus Porträts mit Namen und Berufsangaben, und aus richtigen mehrseitigen Bildergeschichten, fast konventionell akustisch erzählt als Dialoge mit Sprechblasen in Englisch und Hindi. In explodierenden Farben und, seltener, knappen schwarzen Federstrichen auf den faksimilierten und nummerierten Seiten des Skizzenbuchs.

Lörscher zeichnet was, er sieht, und kriegt dadurch immer mehr zu sehen. Denn dass sich da einer – ein Weißer! Linkshänder! aus Germany! – einfach mit einem großen roten Heft auf die Straße setzt und loslegt, das zieht die Gezeichneten und andere Passanten an, und die ziehen ihn ihrerseits hinein in ihre Wirklichkeit(en): zum Beispiel in eine hochkomplizierte Hindu-Hochzeitszeremonie, in eine Selbstkasteiungsorgie zum muslimischen Muharram-Gedenken, in die Rikscha von Hafeez, der auch keine Ahnung hat, wo die Devanahalli Road ist, den Fahrpreis aber dem Kreuz-und-Quer-Gefahrenen überlässt, denn der ist jetzt a friend und der Lohn in Allahs Willen begründet. Oder zu fünf hochnäsigen irakischen Gaststudenten, die Indien doof und dreckig finden, mit deutschen Fußballclubs um sich werfen und lieber in Deutschland wären – da arbeiten die Leute wie Maschinen und sind straight. Wie Merkel. Und Hitler. Oder auf den Rücksitz des Mopeds der punkig-emanzipierten Filmstudentin Rucha, die das »Was ist dir lieber: Das oder das?«-Spiel liebt und ihn auf eine Party schleppt, wo ihm die Sperrstunden-Polizei die linke Hand kaputt haut. Das Krankenhauspersonal gratuliert ihm kichernd: Zum Glück sei’s ja nicht die Esshand. Fortan trägt die Selfie-Hand auf den Bildern einen weißen Verband.

Sebastian Lörscher kommt wie viele der in den 1980ern geborenen neuen visuellen Erzähler aus der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Dort lehrt Nanne Meyer nach dem Leitsatz: »Als Zeichner hat man es stets mit drei Welten zu tun: der wirklichen, der im Kopf und der auf dem Papier. So gesehen ist Zeichnen ein Übersetzungsvorgang. Zeichnen heißt also immer auch, seine Haltung zur Welt transparent zu machen, Stellung zu beziehen.« Lörscher tut das explizit, indem er das erzählende Ich sichtbar, den Vorgang des Erzählens transparent macht: unprätentiös, reduziert auf die Funktion, als zeichnende, selten mal gestikulierende Hand. So gesehen ist seine erste Graphic Journey auch Hommage an seine Lehrerin.

| PIEKE BIERMANN

Eine erste Version der Rezension wurde am 2. April 2014 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

Titelangaben
Sebastian Lörscher: Making Friends in Bangalore. Mit dem Skizzenbuch in Indien
Graphic Journey
Frankfurt/Main: Edition Büchergilde 2014
144 Seiten. 21,95 Euro

Reinschauen
Homepage von Sebastian Lörscher

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