Vom Suchen und Verlieren des Glücks

in Comic

Comic | Antonio Altarriba/Joaquim Puigarnau Aubert: Die Kunst zu fliegen

Der Autor und Literaturprofessor Antonio Altarriba und der Zeichner Kim sind in der spanischen Comicszene große Namen. In Deutschland hat man noch kaum von ihnen gehört, doch glücklicherweise hat es ihr meisterhafter Comic-Roman ›Die Kunst zu fliegen‹ bei Avant zu einer deutschen Veröffentlichung gebracht. BORIS KUNZ über eine Reise durch fast 100 Jahre spanischer Geschichte.

Die Kunst zu fliegenAlles beginnt mit einem sorgfältig durchgeführten Suizid. Antonio Altarriba Senior, greiser Insasse eines Altersheims in der Nähe von La Rioja, schleicht sich an einem Frühlingstag des Jahres 2001 in den vierten Stock des Gebäudes, um sich von dort in die Tiefe zu stürzen – oder, wie er es nennt, endlich zu fliegen. Fliegen, das war für ihn sein Lebtag lang ein Synonym für das Glück, für die Möglichkeit, sich über all die Grenzen und Mauern hinwegzusetzen, die einem die Chance verwehren wollen, ein Leben nach seiner eigenen Fasson zu führen. Die 200 großformatige Seiten starke Graphic Novel ›Die Kunst zu fliegen‹ schildert unter diesem Aspekt das Leben des Antonio Altarriba Senior, nach wahren Begebenheiten, historischen Fakten und allen Regeln der Erzählkunst von seinem Sohn, Antonio Altarriba Junior nacherzählt, der dabei die Ich-Erzählstimme seines Vaters übernimmt.

Von Ackerland, Schlachtfeldern und Schwarzmärkten

Antonio wächst in einem ärmlichen Dorf auf dem Lande auf, in dem die Bauern zu dieser Zeit beginnen, die Grenzen ihrer kümmerlichen Felder durch Steinmauern zu schützen. Damit die bösen Nachbarn die Mauern nicht in der Nacht heimlich versetzen, um ihr eigenes Ackerland zu erweitern, ziehen die Landwirte diese zu immer absurderer Höhe auf und beginnen am Ende, sie mit Glasscherben und Stacheldraht zu schützen. Antonio hasst dieses Landleben, das für ihn nur Schufterei bedeutet, und in dem einen Mauern die Sicht versperren und die täglichen Wege verstellen. Ein Automobil, wie der Sohn des reichen Gutsbesitzers eines fährt, wird für ihn und seinen Cousin Basilio nicht nur zum Symbol für Wohlstand, sondern auch für Freiheit, und in seiner Fantasie sieht Antonio sich darin hoch über allen Mauern durch die Luft düsen.

Schließlich macht sich Antonio auf den Weg in die Stadt Saragossa, wo er den Führerschein macht, und hofft, sich als Lkw-Fahrer einen gewissen Wohlstand zu erarbeiten. Doch in der Stadt herrscht ebenso große Armut wie auf dem Land. Antonio lebt wochenlang auf Pump bei seiner Zimmerwirtin, und nach und nach wird er in die Wirren der Revolution und des Bürgerkrieges hineingezogen. Er desertiert aus der Armee, schließt sich den kommunistischen Rebellen an und gerät schließlich an eine Gruppe französischer Anarchisten, die im Spanischen Bürgerkrieg kämpfen, und mit deren Idealen er sich identifizieren kann. Eine Zeit lang fährt er Post für die Frontsoldaten aus, gerät nach Kriegsende in ein Flüchtlingslager in Frankreich, kämpft sich durch das von Hitlers Armeen besetzte Land und schließt sich letztlich der Résistance an. Sein Idealismus hat zu dieser Zeit aber schon schwer gelitten: Die Résistance scheint einfach nur der letzte Ort zu sein, an dem man ihn duldet.

Nach Kriegsende ist er wieder dort, wo er angefangen hat: in Arbeitslosigkeit und Armut. Er beginnt damit, auf dem Schwarzmarkt in Marseille Kohlen zu verschachern, hält es aber nicht lange aus, seinen eigenen Wohlstand durch Verbrechen und auf dem Rücken ehrlicher Leute zu verdienen. Desillusioniert kehrt er nach Spanien zurück, wo er jedoch seine letzten politischen Ideale tief in sich vergraben muss, wenn er unter dem Regime Francos bestehen will. Zwar kann er hier eine Familie gründen, droht aber gleichzeitig daran zu zerbrechen, mit einer frömmelnden Katholikin verheiratet zu sein, die seinen Sohn zum Anhänger Francos zu erziehen droht. Gleichzeitig weiß er, was für ein schweres und unsicheres Leben er seinem Sohn aufbürden würde, würde er ihn in diesen Zeiten mit dem Gedankengut des Anarchismus konfrontieren.

Erst in diesem letzten Teil der Erzählung, wo es stark auf den Schluss zugeht, muss man als Leser mit ein paar Irritationen zurechtkommen. Bislang war man in dem bewegten Leben von Antonio Altarriba immer am Ball, war ihm nah in Höhen und Tiefen, in seinem verzweifelten Kampf um Würde und Wohlstand, in den Schrecken des Bürgerkrieges und in den wenigen glücklichen Episoden, etwa auf einem abgelegenen Bauernhof in Frankreich. Man war Zeuge seiner wenigen leidenschaftlichen Affären, man war dabei, wie er zusehen musste, wie seine Kriegskameraden nach und nach ihre Ideale für Schwarzmarktgewinne verschacherten. Die gut geschriebenen Erzähltexte lassen einen an seinem Innenleben teilnehmen, die detailreichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen erwecken dabei ein großes Stück Zeitgeschichte zum Leben, ohne sich in Ausstattungsorgien zu verlieren.

Doch je älter nun Antonios Sohn wird, umso weniger wird er Teil der Handlung. So scheinbar vollständig und vielschichtig uns der Autor das Leben seines Vaters bis zu diesem Punkt geschildert hat, so bedeckt hält er sich selbst und zieht sich aus der Handlung heraus, obschon ein großer Teil der Motivation seines Vaters sich an dieser Stelle aus der Existenz seines Sohnes speist. Hier hat man zum ersten Mal das Gefühl einer Leerstelle, die Altarriba nicht ganz füllt.
Stattdessen tritt nun das Innenleben des alternden Vaters auch visuell in Form von symbolbeladenen Träumen immer mehr in den Vordergrund. Diese eher expressionistische Erzählweise blieb über weite Strecken des Romans auf wenige Panels beschränkt und nimmt am Ende einen recht großen Teil ein. Die sich über Jahre hinstreckende Entfremdung zu seiner Ehefrau und die schmerzhafte Trennung werden beispielsweise ausschließlich symbolisch illustriert, und das Ehepaar erscheint in der Form eigentümlicher Baumwesen, die sich gegenseitig mit Äxten bearbeiten.

Die Kunst zu erzählen

Doch Altarriba weiß genau wo, er mit seiner Erzählung hin will, und das wird im letzten Kapitel der Graphic Novel deutlich, das noch einmal sehr detailreich Antonios Leben im Altersheim schildert. Was ihm dort widerfährt und schließlich zu seinem Selbstmord führt, ist nicht einfach nur das Ende seines bewegten Lebens, sondern so etwas wie die traurige aber folgerichtige Konsequenz daraus. Hier erweist sich, dass die Erzählklammer mit dem gealterten Helden mehr ist als nur eine aus Hollywoodfilmen abgekupferte Tradition. Hier bringt Altarriba seine Erzählung auf den Punkt. Denn auch der Roman ist mehr als eine Biografie eines tatsächlich gelebten Lebens: Er ist gleichzeitig die Beschreibung der Entwicklung eines ganzen Landes, und Antonio Altarriba Seniors Erlebnisse können dabei tatsächlich stellvertretend für sehr viele Spanier stehen: Der nervenzehrende Kampf gegen die Armut, der kurze aber blutige Kampf um glühend verehrte Ideale und schließlich eine bittere Niederlage und der anschließende, noch viel vernichtendere Kampf um Selbstachtung in einer Diktatur. Die Lebensgeschichte von Antonio Altarriba ist die Geschichte von einem, der letztendlich an seiner Suche nach Glück zerbrochen ist, der zwar ein bewegtes Leben hinter sich hat, die wenigen Momente von Freiheit und Zufriedenheit aber an den Fingern einer Hand abzählen kann.

Das klingt nach schwerer Kost, doch die Lektüre dieses dicken Comicbandes kann einem wie im Flug vergehen. Altarriba erzählt zwar episch und mit langem Atem, aber er schweift auch nicht ab, hält sich nicht auf, und lässt niemals den Humor, die Poesie oder die Erotik zu kurz kommen. Die mit Grauschattierungen versehenen Zeichnungen Kims vermitteln sehr passend das Flair einer Zeit, die heutige Generationen eher von Schwarz-Weiß-Fotos kennt. Auf den ersten Blick wirken die Bilder vielleicht etwas unscheinbar, ihre unverkennbar dem Underground-Comic entstammenden Wurzeln sind für eine Graphic Novel mit so gehobenem literarischem Anspruch eventuell nicht ganz angemessen – doch dem ist nicht so. Kim illustriert detailliert, lebendig und anspruchsvoll, ohne dabei Eindruck schinden zu wollen.

Sicherlich fehlt einem als deutscher Leser der historische und kulturelle Background, um diese Graphic Novel in all ihren Facetten begreifen und beurteilen zu können. Was uns aber ohne Zweifel ebenso fehlt, ist ein vergleichbares einheimisches Werk, das eine so gelungene und umfassende Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit in Comicform bieten würde. Die Kunst zu fliegen dürfte in Spanien vielleicht ein Meilenstein sein. Bei uns in Deutschland ist es zumindest ein hervorragendes Comicalbum.

| BORIS KUNZ

Titelanagaben
Antonio Altarriba (Text), Joaquim Puigarnau Aubert (Zeichnungen): Die Kunst zu fliegen (El arte de volar)
Aus dem Spanischen von André Höchemer
Berlin: avant-verlag 2013
208 Seiten, 24,95 Euro

Reinschauen
Leseprobe
Spanische Homepage von Antonio Altarriba
Informationen über Kim

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