Guter Einstand

Comic | Mark Long/Jim Demonakos/Nate Powell: Das Schweigen unserer Freunde
Étienne Davodeau: Die Ignoranten

Ein halbes Jahr hat das neue Ehapa-Imprint ›Egmont Graphic Novel‹ nun auf dem Buckel. Das Sub-Label hat sich einem Comic-Segment verschrieben, das sich vorwiegend an eine erwachsene Leserschaft richtet. Zwei der ersten Graphic Novels, die in das Verlagsprogramm aufgenommen wurden, sind die Werke ›Das Schweigen unserer Freunde‹ und ›Die Ignoranten‹. Von CHRISTIAN NEUBERT

das-schweigen-unserer-freundeDas erstgenannte Werk hat seinen Titel einem Martin Luther King-Zitat entlehnt. Vollständig lautet es: »Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.« Es schließt autobiographische Elemente in eine fiktionale, aber auf realen Ereignissen beruhende Geschichte ein. Angesiedelt in Houston, Texas des Jahres 1968, erzählt der Band, sich auf die Erinnerungen des Autors Mark Long berufend, von der Freundschaft zwischen einem Bürgerrechtler schwarzer und einem TV-Journalisten weißer Hautfarbe.

Der Comic nimmt sich viel Zeit, den Lesern die Schwierigkeit dieser Freundschaft vor Augen zu führen, denn die Apartheid schob einen Riegel zwischen Schwarz und Weiß, dessen Schlüssel in der Gesellschaft zwar vorhanden, aber tief unter Vorbehalten, Halbwissen und Ängsten versteckt war: Wenn das Autoren- und Zeichnergespann in unspektakulären Alltagsschilderungen zu erkennen gibt, dass die sogenannte Rassentrennung sich selbst in unschuldigen Kinderspielen niederschlägt, kann man erahnen, wie allein gelassen und wenig aussichtsreich eine Annäherung zwischen Schwarzen und Weißen seinerzeit wohl stattfinden musste.

Die Schwierigkeit, ein Wir zu werden

›Das Schweigen unserer Freunde‹ steuert langsam und in leisen Tönen auf einen Sitzstreik der Black Community zu, der in gewaltsamen Übergriffen mündet und Todesopfer fordert. Dieses Ereignis stellt die ohnehin schon schwierige Freundschaft zwischen dem Bürgerrechtler und dem Journalisten sowie die ihrer Familien endgültig vor den Prüfstein der Gesellschaft, denn im Zuge der Übergriffe sehen sie sich im Gerichtssaal gegenübergestellt.

Stilistisch zwischen den Zeichenkünsten solch prominenter Herren wie Will Eisner und Jeff Lemire angesiedelt hat Nate Powell das bedächtig inszenierte Apartheidsdrama in schöne schwarz-weiße Bilder gepackt. Die wenigen Graustufen, die der für sein Debüt ›Swallow Me Whole‹ sowohl mit einem Ignatz- als auch mit einem Eisner-Award bedachte Powell einfließen ließ, verleihen den Zeichnungen Plastizität und lassen sie trotz der gerne mal dramatisch überzeichneten Gesichtszüge der Protagonisten sehr realistisch anmuten.

Das Hauptaugenmerk ist dabei deutlich auf die auftretenden Personen gerichtet. Stets nah an ihnen dran, geraten die meist kaum ausgestalteten Hintergründe umso mehr in den Hintergrund, was der Geschichte sinnvollerweise universellen Anspruch verleiht. Immerhin sind die Rassengrenzen auch heute längst nicht zur Gänze aufgehoben. Dass die Apartheid gerade in den vermeintlich kleinen Dingen des Alltags durchblitzt, wird durch die im Band behandelte kleine geschichtliche Episode umso deutlicher, was – auch, wenn er nicht durchgehend mitzureißen weiß – der große Gewinn des Comics ist.

Ein anderer Comic des Egmont Graphic Novel-Programms ist – obwohl thematisch grundverschieden – ebenfalls eine in Graustufen festgehaltene, wahre Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft: Étienne Davodeaus ›Die Ignoranten‹ erzählt von der Kooperation zwischen ihm und dem Winzer Richard Leroy – einer Kooperation zwischen zwei Männern, die jeweils ihre Profession gefunden haben und diese innerhalb eines Jahres dem anderen näherbringen wollen.

Boden und Papier, Fässer und Farbe

cover-die-ignorantenDas klingt zumindest für die beiden Herren interessant. Um solch ein Unterfangen innerhalb eines erzählerischen Experiments in Comicform auch einer Leserschaft zugänglich zu machen, bedarf es allerdings viel handwerkliches Geschick. Und das bringt Davodeau zweifellos auf. Da er sich nicht nur als ausgesprochen guter Zeichner, sondern darüber hinaus auch als grandioser Erzähler entpuppt, gelingt ihm mit ›Die Ignoranten‹ das Kunststück, das abwegige Thema als äußerst unterhaltsamen Lesestoff umzusetzen.

Der Blick der beiden real existierenden Protagonisten in die Profession des anderen lässt tief in das jeweilige Handwerk der beiden blicken. So erging es den beiden zweifellos auch selbst: Sie lernten voneinander und fokussierten dabei Aspekte in der Arbeit des anderen, die ihnen in ihrer Routine nicht bewusst zugänglich waren. Im Comic erscheint daraufhin der Weinbau als Kunstform und der Comic als ein Cuvée unterschiedlicher Einflüsse, Methoden und Techniken. Was Boden und Fass für den Wein sind, sind Papier und Druckfarben für den Comic.

Seinen Unterhaltungswert erhält der Band nicht nur durch das sprachliche Vermögen und den ausdrucksstarken Zeichnungen Davodeaus. Ihm gelingen auch erzählerische Kunstkniffe wie der, den Weinbauer Leroy – übrigens kein beliebiger Winzer, sondern einer, dessen im Zeichen der Biodynamik erzeugte Weine in Kennerkreisen hoch gehandelt werden – sowohl als Objekt als auch als Subjekt auftreten zu lassen: Als Kommentator beschreibt Davodeau die Abläufe im Weinberg, wobei Fragen aufgeworfen werden, auf die Leroy, der eben noch von außerhalb beäugt wurde, sich direkt bezieht und Stellung nimmt.

Daraus ergibt sich eine große Dynamik, die einen selbst dann packt, wenn man mit Wein nichts am Hut hat. Außerdem trifft man – es geht ja schließlich auch um Comics – auf prominente Zeitgenossen wie Lewis Trondheim und Marc-Antoine Matthieu. Und, ach ja, eins noch zum Schluss: Was die Herren Davodeau und Leroy zu Ignoranten macht, ist ihre jeweils als selbstverständlich angesehene Fixiertheit auf ihren Beruf, die es hin und wieder ausschließt, das Besondere im Andersartigen als wertvoll zu erkennen. Um diesen Missstand aufzuheben, leistet der Comic einen wirklich vielversprechenden Beitrag.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Jim Demonakos/Nate Poewll/Mark Long: Das Schweigen unserer Freunde
Aus dem Amerikanischen von Marc-Oliver Frisch
Köln: Egmont Graphic Novel 2013
216 Seiten; 14,99 Euro.

Etienne Davodeau: Die Ignoranten
Aus dem Französischen von Tanja Krämling
Köln: Egmont Graphic Novel 2013
272 Seiten; 29,99 Euro.

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