/

Von »Sissi« nach Äthiopien

Menschen | Zum Tod von Karlheinz Böhm

»Das Ende meiner Schauspielerei bedeutete für mich auf keinen Fall einen Bruch in meinem Leben – im Gegenteil. Ich glaube, erst 1981 mit der Gründung der Stiftung ,Menschen für Menschen‘ das erste Mal begriffen zu haben, was ich wirklich wollte. Ich erkannte den Sinn darin, für andere zu leben«, erklärte der Schauspieler Karlheinz Böhm in einem Interview kurz vor seinem 80. Geburtstag. Zum Tod des Schauspielers Karlheinz Böhm. Von PETER MOHR

© Manfred Werner – Tsui
© Manfred Werner – Tsui

Böhms Wandel vom Filmstar zum selbstlosen Helfer in Äthiopien kann man in der zusammen mit der Journalistin Beate Wedekind verfassten Biografie Mein Leben – Suchen Werden Finden (Heyne Verlag) nachlesen.

Die noch junge Republik hatte sich gerade von den Leiden des 2. Weltkriegs und von den politischen Turbulenzen der Nachkriegszeit erholt, als ein unverbrauchter, smarter Schauspieler die Herzen eroberte – in der Rolle des Kaisers Franz Joseph.

Die festgefügte Welt der Habsburger Monarchie spiegelte Sehnsüchte wider. Die Nachkriegsgesellschaft träumte von einer heilen Welt und fand deren Verkörperung in Karlheinz Böhm und Romy Schneider. Durch den Erfolg von Ernst Marischkas Sissi-Filmen war Böhm Ende der 50er Jahre schnell in eine Rollen-Schublade geraten. In diversen künstlerisch wenig anspruchsvollen Liebesfilmen gab er den samtweichen, einfühlsamen Liebhaber von Sonja Ziemann, Ulla Jacobsson, Johanna Matz und Maj Britt Nilsson – ein Klischee, von dem er sich nur schwer lösen konnte.

Karlheinz Böhm, der am 16. März 1928 in Darmstadt als Sohn des Dirigenten Karl Böhm und der Sängerin Thea Lienhard geboren wurde, sammelte nach dem Studium (Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte) an Wiener Bühnen erste Erfahrungen als Regieassistent und Schauspieler.

Er war gerade 25 Jahre alt, als Hildegard Knef ihn für den Film entdeckte. Ihr gefiel der »Gesichtsausdruck«, und sie setzte Böhm gegen den Willen von Regisseur und Produzentin für eine Rolle in Alraune (1952) durch. Ein Film, der sich als Flop erwies, aber trotzdem Böhms Durchbruch markierte.

Eine erste Zäsur nach den Sissi-Filmen (1955-1957) markierte 1960 Michael Powells Film Peeping Tom, in dem Böhm als psychopathischer Mörder auftrat – eine Rolle, die ihm in Deutschland übel genommen wurde und die für einen Karriereknick sorgte.

Er widmete sich (notgedrungen) wieder mehr dem Theater. Anfang der 70er Jahre feierte er jedoch ein glanzvolles Filmcomeback. Rainer Werner Fassbinder stellte Böhm vor neue Herausforderungen. In Effi Briest, Faustrecht der Freiheit und vor allem in Martha (als Partner von Margit Carstensen) zeigte er bis dahin unbekannte Facetten als Darsteller schwieriger Charaktere.

Die Hauptrolle seines Lebens verdankte Böhm, der u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Filmband in Gold ausgezeichnet wurde, jedoch einem Zufall. 1981 saß er in Frank Elstners TV-Show Wetten, daß? und schlug als Wette vor, dass nicht jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Franken oder sieben Schilling für Menschen in der Sahelzone spendet.

Aus dieser von Karlheinz Böhm verlorenen Wette ist die Stiftung Menschen für Menschen entstanden. Mehr als 200 Millionen Euro hat der Schauspieler für sein Projekt in Äthiopien gesammelt. Der Franz-Joseph ist längst vergessen, die Hungernden im Erer-Tal, wo er auch seine vierte Ehefrau Almaz kennen lernte, waren mehr als 25 Jahre Böhms Protagonisten. »Als Motivation dient mir das kleine Wort ‚Wut‘«, erklärte Böhm, »Wut über die ungerechte und menschenverachtende Diskrepanz zwischen Arm und Reich.« Sein Engagement verdienet aller höchsten Respekt. Am Donnerstag ist Böhm im Alter von 86 Jahren in seinem Haus in Grödig bei Salzburg gestorben.

| PETER MOHR

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Bildungs(un)lust

Nächster Artikel

Die Klavierstimmerin

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Schreiben mit dem Weitwinkel

Menschen | Zum Tod der Georg-Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer ›Eigentlich ist man als Schriftsteller immer froh, wenn sich Wahrnehmungen verändern. Man darf sich bloß nicht in einen blöden Sog bringen lassen‹, hatte Brigitte Kronauer im letzten Jahr in einem FAZ-Interview auf die Frage nach möglichen Problemen mit dem Älterwerden erklärt. Von PETER MOHR

Schreiben ist wie Atmen

Menschen | Zum Tode des Schriftstellers Peter Härtling Er war vielseitig wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Generation. Er schrieb Romane, Gedichte, Essays, Kinder- und Jugendbücher sowie exzellente Künstlerbiografien. Gestern ist Peter Härtling im Alter von 83 Jahren in Rüsselsheim gestorben. Von PETER MOHR

Fluxus als Haltung

Interview | Der Fluxus-Pionier Ben Patterson über Fluxus als Haltung, die schwarze Bürgerrechtsbewegung und ein Versprechen an Mount Fuji Vor 50 Jahren kratzten Unbekannte »Die Irren sind los« in das Werbeplakat. Im Hörsaal des städtischen Museums Wiesbaden fanden damals im Rahmen der Fluxus-Festspiele Neuester Musik vom 1.-23.September 1962 die weltweit ersten Fluxus-Performances statt. Das Fernsehen sendete die Ereignisse und die subversive Strahlkraft dieses Fluxus-Urknalls verbreitet seitdem ihr Unwesen. Von SABINE MATTHES

Auf der Suche nach der »Nazi-Persönlichkeit«

Menschen | Jack El-Hai: Der Nazi und der Psychiater Autorenglück ist, wenn sich eine heiße Story als Matrjoschka entpuppt, aus der während der Recherchen eine zweite, mindestens genauso heiße Story kullert. So ging es dem US-amerikanischen Journalisten Jack El-Hai bei den Vorarbeiten zu seinem Buch über Walter Freeman, ›The Lobotomist‹ (2005). Der Psychiater und Neurologe Freeman hatte der Lobotomie als Mittel gegen psychische und sonstige Störungen zur Popularität verholfen und sich nebenbei für von eigener Hand gestorbene Kollegen interessiert. Insbesondere für einen: Douglas Kelley, heute nur noch Fachkreisen geläufig, aber um die Mitte des letzten Jahrhunderts ein Star. El-Hai horchte

Gelassener und zufrieden

Menschen | Zum 80. Geburtstag von John Irving

»Das Schreiben wird leichter, wenn es die einzige Arbeit ist. Man wird anspruchsvoller, konzentrierter - man kann langsamer und sorgfältiger schreiben«, hatte der Schriftsteller John Irving kürzlich in einem Interview über altersbedingte Veränderungen in seinem Schreiben erklärt. Ein Porträt von PETER MOHR