Bildungs(un)lust

Kinderbuch | Christian Gutendorf: Manfred muss mit

Ferien stehen vor der Tür. Da haben so manche bildungsbeflissene Eltern sicherlich Pläne, welche Kulturgüter den lieben Kleinen nahezubringen sind. Museum, Burg oder Ausgrabungsstätte? Manfred Vaters hat sich jedenfalls für einen Tagesausflug mit seinem Sohn die höchste Kirche der Welt vorgenommen. Ein Vergnügen besonderer Art, meint ANDREA WANNER.

Manfred muss mitDas Modalverb sagt alles. Manfred MUSS mit. Kein sollen, können oder dürfen. Der bildungsbeflissene Vater hat entschieden, was er seinem Sohn zeigen will. Die vorsichtige Frage des Sohnes »Können wir nicht lieber was Lustiges machen? … Irgendwas, das Spaß macht?« wird vom Erziehungsberechtigten eindeutig negativ beantwortet: »Nein, können wir nicht!« Alles klar. Der Vater bestimmt, wo’s lang geht. Manfred hat vermutlich andere Ideen – Vergnügungspark, Schwimmbad, Kino -: Keine Chance. Manfred muss mit.

»Auch als Ungeziefer kann man schließlich was für seine Bildung tun!«

Der unglaubliche Reiz liegt zunächst schon mal darin, dass Vater und Sohn einer Spezies mit wenig Sozialprestige angehören: sie sind Schaben. Nicht näher spezifiziert denken wir doch alle an die Gemeine Küchenschabe, auch Kakerlake genannt, die garantiert keiner als nettes Tierchen empfindet. Und nun gleich zwei davon und die auch noch auf Bildungsreise. Genial.

Herr Schabe ist eher der Intellektuelle. Groß und hager, den unvermeidlichen Reiseführer in der Hand und eher humorlos verfolgt er das ehrgeizige Ziel Manfred »das Werk gebildeter Menschen« in Form der über 600 Jahre alten und 161,6 Meter hohen Kirche zu zeigen. Manfred ist klein, rundlich und hat seine eigenen Vorstellungen davon, wie der Ausflug ablaufen soll.

Das berühmte Bauwerk, das Ulmer Münster, wird nicht explizit benannt, aber der Vater kennt sich aus und zerrt den Sohn zu den Highlights der gotischen Kathedrale. Er klettert mit ihm nach ganz oben und zeigt ihm die Aussicht, präsentiert ihm das Südportal mit einer Darstellung des Jüngsten Gerichts und macht ihn auf die Besonderheiten des Chorgestühls, eines der schönsten und aufwändigsten der deutschen Gotik aufmerksam. »Hochinteressante Leute«, meint Herr Schabe und es klingt schon fast wie eine Drohung, wenn er eine Figur besonders herausstreicht und hinzufügt: »Über die wirst du in der Schule noch viel hören…« Denn keiner geringerer als Pythagoras ist dort zu sehen, der als Philosoph und Mathematiker so manch klugen Gedanken formulierte. Der berühmte Satz des Pythagoras, der Generationen von Schülern beschäftigte und weiter beschäftigen wird, dass nämlich in einem rechtwinkligen Dreieck die Summe der Flächeninhalte der Kathetenquadrate gleich dem Flächeninhalt des Hypotenusenquadrates ist, müssen offensichtlich im entsprechenden Alter auch Schabenkinder lernen.

Christian Gutendorf findet in seiner Geschichte dafür wunderschöne Bilder, die große Kunst im Hintergrund von zwei Schaben zeigen. Der Reiz der Kontraste dominiert die Seiten: Ernstes neben Heiterem, Helles neben Dunklem, Vater neben Sohn, Groß neben Klein, Altes neben Neuem… Und je nach Alter darf man über das eine oder das andere – oder beides – schmunzeln.

Manfred ist das, was sein Vater erzählt, ziemlich egal. Schlimmer: er hört es gar nicht, weil er seine eigene Route durch das Bauwerk wählt. Witzig beschreibt das schon das Bild auf dem Vorsatz. Da ist der Grundriss des Münsters zu sehen, gradlinig und zielgerichtet darauf die Spuren des Vaters, diese immer wieder verlassend und eigenen Wegen folgend die von Manfred. Der schaut sich die Kirche so an, wie er mag. Neugierig. Und mit einem anderen Blick auf die ehrwürdige Kunst. Für den Vater ist der Fall klar: Manfred entzieht sich den Erläuterungen und Erklärungen, würdigt das historische Kulturgut nicht angemessen. Und natürlich verselbstständigen sich solche Gedanken. Was soll aus einem Kind, das nur Unsinn im Kopf hat, überhaupt werden? Das kann nicht gutgehen. Und ist das nicht die Frage, die sich viele Eltern stellen?

Aber was ist Bildung? Wie bringt man sie an Kinder? Wie eng müssen sie geführt werden und wie viel Freiheit darf man ihnen lassen? Eine Frage, die die Geschichte der Bildung durchzieht und je nach Epoche anders beantwortet wurde. Vater Schabe setzt auf einen tradierten Bildungskanon, der in autoritärer Form vermittelt und weitergegeben werden soll. Und Manfred? Um den muss man sich keine Sorgen machen, wie die Schlussszene des amüsanten Bilderbuchs zeigt. Vielleicht entlastet das Eltern und Kinder bei ihrem nächsten Bildungsprogramm in den anstehenden Ferien. Viel Vergnügen!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Christian Gutendorf: Manfred muss mit
Oldenburg: Lappan 2014
40 Seiten, 12,95 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gänsehaut für laue Sommerabende

Nächster Artikel

Von »Sissi« nach Äthiopien

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Freiheit und Kreativität

Kinderbuch | Oksana Sadovenko: Malewitsch und du

Kindern Kunst nahezubringen ist eine nicht immer leichte Aufgabe. Wie das bei Malewitsch schon für junge Menschen ab 5 Jahren gelingen kann, zeigt Oksana Sadovenko in ihrem Mitmachbuch. Von ANDREA WANNER

Der Prinz wird sich scheckig lachen!

Kinderbuch | Nils Mohl: König der Kinder / Tänze der Untertanen

Im Doppelpack sind sie auf meinem Schreibtisch gelandet: zwei Mal Lyrik. Das Cover in grellem Mandarine für die Kleinen ab sechs, violett der Vorsatz; dunkles Gischtgrün auf der Außenseite für die Jugendlichen ab zwölf, innen ein gedämpftes Orange: Schön! ANDREA WANNER freut sich.

Ferienprogramm

Kinderbuch | Michele Weber Hurwitz: Wie ich die Welt in 65 Tagen besser machte Die Sommerferien gestalten sich für Nina nicht besonders spannend. Irgendwie ist alles anders, als es sein sollte – bis sie eine Idee hat. Spontan, ein bisschen verrückt und mit ungeahnten Folgen. Von ANDREA WANNER

Neu in der Klasse: Vanessa

Kinderbuch | Kerascoët: Mein Weg mit Vanessa Wenn jemand neu in einer Klasse ist, hat sie es nicht leicht. Wenn sie dann auch noch beschimpft wird, ist es ganz schlimm. Da kann, da muss man helfen. Wie es in diesem Kinderbuch erzählt wird, findet GEORG PATZER allerdings zu platt

Kein Leben ohne Ella!

Kinderbuch | Timo Parvela. Ella und ihre Freunde außer Rand und Band Seit sieben Jahren erzählt Ella Kindern hierzulande, was in ihrem Schülerinnenleben passiert. Vermeintlich naiv präsentiert wird der Alltag aus ihrem Mund zu einem grotesken Abenteuer, das alle mitreißt, Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrerinnen und Lehrer, Hausmeister, Köchin, Eltern. Nun ist der zehnte Band erschienen, damit niemand lange ohne Ella bleiben muss. Timo Parvela erweist sich dabei wie seine kleine Heldin als außer Rand und Band. Von MAGALI HEISSLER