Zurück in die 70er

Kinderbuch | Anke Kuhl: Manno!

Kindheit in einer hessischen Kleinstadt in den 1970er Jahren: Anke Kuhl erinnert sich und hält den Alltag in kleinen Comicepisoden fest. ANDREA WANNER ist restlos begeistert.

Liebe Anke Kuhl,

eigentlich wollte ich eine Besprechung schreiben, aber die Geschichten von Eva und Anke sind mir so nahe gegangen, dass ich dachte, ein Brief kommt dem näher, was ich beim Lesen erlebt habe.

Anke Kuhl: MannoNein, ich bin in keiner hessischen Kleinstadt aufgewachsen. Aber in einer schwäbischen. Und ich bin auch eher Eva, die Ältere, die oft ziemlich genau weiß, womit man die jüngeren Geschwister auf die Palme bringen kann. Ich hab also auch nicht nur eine Schwester. Und unsere Großeltern haben nicht bei uns im Haus gewohnt. Trotzdem war alles ganz genauso. Der große Röhrenfernseher, der auf einem Extramöbel an der Wand stand, die Klos, die noch nicht frei an der Wand hingen, viel Grün und Orange, die Sicherheitsgurte, die es nur vorne im Auto gab: Das gibt es alles auf einen Blick auf den vielen Bildchen zu entdecken. Prilblumen. Schwimmabzeichen. Rudi Carrell. Und noch viel mehr, das mich sofort zurückkatapultiert hat in die Zeit, die man Kindheit nennt.

 

Wir hatten keine Barbies. Die hatten Busen und deshalb bekamen wir nur Skipper, Barbies busenfreie kleine Schwester. Salat bekamen die auch, die Idee mit dem Rosenkohl hatten wir allerdings nicht. Und geklaut haben wir auch kein Kohlröschen. Wenn wir es getan hätten, wäre das Gleiche passiert … Wir haben uns auch nicht mit den Klobürsten duelliert, obwohl ich das im Nachhinein sehr bedauere. Und die Brille, die hab ich bekommen. Ich wünschte mir, ich hätte damals so begeistert darauf reagieren können … Ich war diejenige, die in der Lage war, mir das Eis einzuteilen. Und klar weckte das Neid. Und den Wunsch, auch noch mal davon zu schlecken. Oder abzubeißen.

 

Telefonstreichen haben wir auch gespielt. Und schreckliche Quälspiele sowieso. Das Schlimmste sah so aus, dass man in den Bettkasten kriechen musste und sich die anderen auf den Deckel setzten. Aber das Stinkvasenriechen klingt auch absolut fürchterlich. Schlimme Gedanken beim Einschlafen, elterlicher Streit und die Hasen im Garten: alles selber erlebt. Manches anders. Aber bei jeder Geschichte ist mir eine eigene eingefallen.

 

Das war schön und hat viele Erinnerungen wachgerufen. Dinge, an die ich schon lange nicht mehr gedacht hatte. Und es ist alles so erzählt, dass es auch für die, die heute noch mittendrin stecken in dieser Kindheit, echt witzig ist.

 

Dass das Buch den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung bekommen hat, finde ich toll und genau richtig. Und ich hoffe, dass sich viele so daran freuen werden, wie ich das getan habe und tue. Es wird einen besonderen Platz in meinem Bücherregal bekommen und ich werde es garantiert noch oft in die Hand nehmen (was angesichts der Unmengen an Bücher schon eine besondere Auszeichnung ist).

 

Vielen Dank und ich freue mich auf noch mehr so gelungene Bücher, die Große und Kleine gleichermaßen begeistern!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Anke Kuhl: Manno! Alles genau so in echt passiert
Leipzig: Klett Kinderbuch 2020
136 Seiten, 16 Euro
Kinderbuch ab 7 und für alle
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der Preis der Freiheit

Nächster Artikel

Am liebsten keine grauen Städte mehr

Neu in »Kinderbuch«

Sozialverhalten will gelernt sein

Kinderbuch | Olivier Tallec: Das ist mein Baum

Eichhörnchen erobern erfahrungsgemäß schnell das Herz von kleinen Lesern, aber, zugegeben, dieses hat auch mein Herz erobert. Seine Lebendigkeit, seine fast trotzige Art auf etwas zu bestehen, sein Einsatz für etwas und schließlich eine ganz unerwartete Erkenntnis. Von BARBARA WEGMANN

Farbe ins Leben!

Kinderbuch | Eymard Toledo: Onkel Flores. Eine ziemlich wahre Geschichte aus Brasilien Onkel Flores ist Schneider in einer Stadt in Brasilien. Edinho, sein kleiner Neffe, ist täglich bei ihm und darf ihm sogar manchmal helfen. Und als es darauf ankommt, hat ausgerechnet Edinho eine wunderbare Idee. Von ANDREA WANNER PDF erstellen

Der überwältigende Charme des Alltäglichen

Kinderbuch | Emma Adbåge: Mickan ist ganz zufrieden mit sich In Kinderbüchern muss etwas passieren, heißt es. Am besten Abenteuer und das am laufenden Band. Egal, ob Verbrecherjagd, Gespenster oder Familienprobleme, Hauptsache, es wird rasant. Dabei übersieht man leicht, dass nicht alle Kinder gleich sind. Manche ziehen ihr Vergnügen daraus, das ganz Alltägliche zu betrachten. Dass das einen eigenen, überwältigenden Charme entwickelt, beweist die junge schwedische Autorin Emma Adbåge mit Mickan ist ganz zufrieden mit sich. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Aus sich herausgehen

Kinderbuch | Elana K. Arnold: Keine Angst vor Stinktieren Manchmal fühlt man sich nur bei sich selber wohl. Die Welt außerhalb ist recht unsicher, Menschen geradezu beängstigend. Tiere sind viel bessere Freunde. Ob das stimmt, davon erzählt die US-amerikanische Autorin Elana K. Arnold in einem rundum überraschenden Kinderbuch. Von MAGALI HEIẞLER PDF erstellen

Tierisches

Kinderbuch | Ulrich Hub: Füchse lügen nicht Tiere mit menschlichen Eigenschaften auszustatten und dementsprechend agieren zu lassen, ist gerade in Kinderbüchern ein ebenso beliebtes wie umstrittenes erzählerisches Mittel. Eng verwandt mit der Fabel, muss sich diese Technik unter anderem den Vorwurf gefallen lassen, den pädagogischen Zeigefinger zu deutlich zu heben und Moral zu predigen, statt zu gestalten. Auch Ulrich Hub hat sich mit Füchse lügen nicht Tierisches einfallen lassen und sich aufs Eis begeben. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen