Vom Stottern und dem Fluss

Kinderbuch | Jordan Scott, Sydney Smith: Ich bin wie der Fluss

Was ist das für ein Gefühl, wenn Worte sich zu einem zähen Brei verklumpen, nicht aus dem Mund kommen? Wenn die Mitschüler sich darüber lustig machen und selbst der Lehrer mit dem stotternden Jungen nicht umgehen kann? Jordan Scott und Sydney Smith erzählen das Seelenleben eines Stotterers grandios in Wort und Bild, findet SUSANNE MARSCHALL.

Ein Junge steht bis zum Bauhcnabel in einem wilden FlussEr kann sie hören, die Wörter, ihr Klang schwebt am Morgen um ihn herum. Aber so sehr er sich auch abmüht, sie wollen nicht aus seinem Mund kommen. Verheddern und verknäulen sich, bleiben stecken: »Das B in Baum treibt Wurzeln in meinem Mund und umzingelt meine Zunge. Das K ist eine Krähe, die sich in meinen Rachen krallt. Das M in Mond malt mir ein stummes, staunendes Lächeln auf die Lippen.« Ohne Worte beginnt er seinen Tag: »Still esse ich meine Haferflocken.«

In der Schule verkriecht er sich in die letzte Bank, hofft, dass der Lehrer ihn übersieht. Ihn einfach vergisst. Aber er hat Pech, heute ist er dran, soll von seinem Lieblingsort erzählen. Seine Mitschüler gaffen ihn an, feixen über sein angstvoll verzerrtes Gesicht, weil er wieder kein Wort herausbringt: »Sie sehen nicht den Baum, der mir statt der Zunge zwischen den Lippen wächst. Sie hören nicht die Krähe Rax! Rax! in meinem Rachen krächzen. Sie starren auf meinen Mund und sehen nicht, wie der Morgenmond aus ihm scheint.«

Bis zum Bauchnabel steht der Junge im Fluss. Lichtflecken tanzen um ihn herum, gleißen auf dem Wasser, das in aquarellig zarten Grüns und Blaus schimmert. Alle Konturen haben sich aufgelöst, der Fluss und der Junge verfließen und verschwimmen ineinander. Sein Vater hat ihn von der Schule abgeholt. Er hat gespürt, dass der Schultag ganz besonders grausam war, die Wörter sich in seinem Mund zu einem zähen Brei verklumpt haben: »Siehst du das Wasser? Wie es sich bewegt? Das ist, wie du sprichst. Das bist du.« Der Junge schaut, »wie es sprudelt, gischtet, wirbelt, vorwärtsdrängt«, und fühlt, dass er etwas gefunden hat, was ihm ähnlich ist. Was ihn trägt, wenn die Wörter mal wieder stocken: »Der Fluss ist wie ich. So spreche ich. Auch der Fluss stottert. Wie ich.«

Nur wenige Worte braucht Jordan Scott für seine poetisch seelenvolle Geschichte ›Ich bin wie der Fluss‹, die von einem stotternden Jungen und seinem täglichen Kampf damit erzählt. Sparsam geht er mit der Sprache um, wiederholt und variiert in fließendem Rhythmus das bereits Geschriebene. Erinnert, vertieft. Brennt die Gefühle des Jungen immer fühlbarer unter die Haut der Leser.

Virtuos umspielen Sydney Smiths malerische Bilder den Text, wo Worte nicht mehr genügen. Verdichten ausdrucksstark die Empfindungen des Jungen, sein Gefangensein im Stottern und bannt sein In-sich-Gefangensein in wesensvolle Malerei. Smith, der mehrfach ausgezeichnet wurde, schneidet Szenen an, hebt so Details hervor, die direkt in das Seelenleben des Jungen sehen lassen: Einmal schauen seine Augen staunend nach außen, dann sind sie nach innen horchend geschlossen.

Er wechselt vom normalen Blick auf die Flusslandschaft zu inneren Nahaufnahmen: Die Krähe ritzt ihre Krallenspuren in das Gesicht des Jungen, panisch aufgerissen sind seine Augen, die Mitschüler werden zu Schemen, schwammig und bedrohlich. Sie bebildern seine wortbedrängende Einsamkeit, wenn er sich in der Fensterscheibe sieht, im Autospiegel. Sie zeigen aber auch, wie er in einer glücklich wortlosen Stille versinkt, eins mit sich und dem Sprudeln des Flusses.

Nur die autobiografische Erzählung von Jordan Scott am Schluss ist vollkommen überflüssig: Dieses wundervolle Bilderbuch spricht für sich selbst.

| SUSANNE MARSCHALL

Titelangaben
Jordan Scott, Sydney Smith: Ich bin wie der Fluss
(I Talk Like a River, 2020). Übersetzt von Bernadette Ott
Hamburg: Aladin Verlag 2021
44 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
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