Eine schöne Bescherung

Kinderbuch | Juli Zeh, Lena Hesse: Alle Jahre wieder

Eigentlich sind es gar keine Weihnachten. Zwar gibt es den Baum, den Spaziergang, das Glöckchen und das Festessen, aber keine Bescherung. Kein einziges Geschenk. Kann man Weihnachten so feiern? Wo ist das Christkind geblieben?! Der Weihnachtsmann war ja schließlich auch da! Aber dann finden Josh und Lena ein Wesen mit großen Flügeln. Und dann wird es doch noch schön. Eine bezaubernde und verzaubernde Geschichte von Juli Zeh. Von GEORG PATZER

Zeh - Alle Jahre wiederWas für seltsame Weihnachten. Erst ist alles in Ordnung: »Die große Tanne steht im Ständer. Das Schmücken des Baums gehört zum Aufgabenbereich des Christkinds, genau wie das Ablegen der Geschenke.« Lena und Josh gehen noch einmal mit ihrem Vater spazieren. Dann singen sie »Alle Jahre wieder«, Mama läutet das Glöckchen, sie machen die Tür auf. Und: Nichts. »Kein Baumschmuck, keine brennenden Kerzen, keine Geschenke. Das Wohnzimmer sieht genau aus wie vorher, nur trostloser.« Eine schöne Bescherung. Liegt es an Josh oder an Lena, dass das Christkind nichts gebracht hat? An den neuen Kindern im Dorf? Am Klimawandel, weil es andere Routen fliegen muss? »Bevor die Zwillinge richtig zu streiten beginnen, sagen die Eltern, dass man auch ohne Geschenke schön Weihnachten feiern könne. Das sehen Josh und Lena definitiv anders. Beim Festessen bekommen sie kaum einen Bissen herunter.« Am nächsten Morgen: nichts. Nach dem Spaziergang mit Papa: nichts. Am Nachmittag, nach dem Abendessen, am nächsten Tag: nichts, nichts, gar nichts.

Und dann merken sie, dass auch bei Finn Weihnachten ausgefallen ist, bei Emily, bei Benny. Nur Tom und Pia haben Geschenke bekommen, »aber bei denen kommt der Weihnachtsmann«. Und dann wacht Josh mitten in der Nacht von einem seltsamen Traum auf, er träumte von einer weißen Gestalt, die am Boden hockt. Und hat eine Erleuchtung: »Das Exemplar! Der Trappatros!«

Am Weihnachtstag, vor dem ausgefallenen Fest, hat ihr Vater ihnen nämlich einen großen Vogel gezeigt, den er verletzt gefunden und in die Vogelschutzwarte gebracht hat: »Ziemlich groß. Fast wie ein Albatros«, hat er gesagt, »Oder eine Riesentrappe oder ein Höckerschwan oder eine Art Kranich…« Und Lena hat geflüstert: »Oder ein Riesenhöcker-Trappatros.« Und da hockt er dann in seinem Käfig in der Ecke, mit dem Kopf unter einem Flügel und regt sich nicht, nur die Riesenflügel sind zu sehen. Am nächsten Tag gehen sie mit Benny, Tom und Pia noch einmal hin. Aber der »Trappatros« bewegt sich nicht. Erst als sie »Alle Jahre wieder« singen, rührt er sich ein bisschen. Und dann sehen sie einen Fuß von ihm, der aussieht wie ein Kinderfuß.

Eine höchst merkwürdige, witzige und schöne Weihnachtsgeschichte hat sich die Verfassungsrichterin und Autorin Juli Zeh ausgedacht: Heimlich entführen die fünf Kinder das Wesen aus dem Vogelkäfig und bringen es, mit Turnschuhen und einem riesigen Kapuzenpulli verkleidet, weg: »Der Hoodie ist groß wie ein Sack, er passt über die Flügel und geht fast bis zum Boden. Der Trappatros wehrt sich nicht. Tom stellt die roten Turnschuhe hin, und der Trappatros schiebt seine Füße hinein. Auch die Schuhe sind viel zu groß, der Trappatros muss schlurfen. Aber das schadet nicht. Benny zum Beispiel läuft immer so, auch wenn die Schuhe passen.«

Und dann bringen sie den Trappatros in eine einsame Hütte und sehen ihn sich zum ersten Mal genau an: »›Alter!‹, entfährt es Tom. Das Christkind trägt ein zerschlissenes Kleid von H & M. Sein Haar ist nicht blond gelockt, sondern dunkel und raspelkurz geschnitten. Zusammen mit den roten Schuhen macht das einen ziemlich komischen Eindruck.« Josh hält es für einen Jungen, Lena weist ihn zurecht: »Es gibt auch Mädchen mit kurzen Haaren, du Penner.« Sie versorgen das stumme Christkind, bekommen heraus, was es essen mag (Weihnachtsgebäck natürlich), bedrucken T-Shirts mit einem Logo aus zwei ausgebreiteten Flügeln und A.J.W. (»Alle Jahre wieder«) und sorgen am Schluss dafür, dass es seinen verletzten Flügel trainieren kann: »Mobilisieren, dann kräftigen«, sagt Benny, dessen Vater Physiotherapeut ist. Mit einem Trampolin.

Mit viel Witz beschreibt Zeh, wie sich die Kinder um das Christkind kümmern, das sich wohl beim Verteilen der Geschenke verletzt hat. In einer einfachen, genauen, humorvollen Sprache erzählt sie von der neuen Freundschaft, auch von den Beziehungen zwischen den Kindern und ihrer Trauer, als das Christkind nach einigen Wochen wieder fliegen kann und dann natürlich weg ist. Zusammen singen Josh und Lena »Steht auch mir zur Seite / still und unerkannt / dass es treu mich leite / an der lieben Hand.« Und Lena schnieft und sagt: »Von wegen treu«. Aber dann gibt es natürlich doch noch eine Belohnung.

Putzig und süß wie die Geschichte sind auch die Buntstiftzeichnungen von Lena Hesse, die ein bisschen nach Fünfziger Jahre aussehen, aber nicht zu viel. Mit viel Phantasie hat sie die Geschichte ausgeschmückt, kleine Details verstreut, die Geistesblitze und vor allem die Freude der Kinder und das niedliche Christkind wunderbar eingefangen.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Juli Zeh / Lena Hesse: Alle Jahre wieder
Hamburg: Carlsen Verlag 2020
76 Seiten, 12 Euro
Ab 5 Jahren
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