Tilmans Engel

TITEL-TExtfeld | Wolf Senff: Tilmans Engel

Es würden weit mehr Engel existieren, als man gemeinhin annehme, versicherte Tilman. An den Abenden, sagte er, spüre er sie wie Katzen, die sich auf seinem Bauch niederließen, nur daß es eben keine Katzen seien, und sie würden schnurren vor Wohlbehagen, nur daß das eben nicht hörbar sei.

Jedesmal mit dem Einschlafen wisse er, daß sie ihn aufsuchen würden, zu dritt, sagte er, mindestens, da sei er sicher, doch er zweifle daß es immer dieselben seien, und sie würden sich auf dem Bauch fokussieren.

Sie drängen unmerklich ein und breiteten eine behagliche Stille aus, sagte er, der Schlaf sei nun einmal eine Präsenz von Engeln, das sei unstrittig. Es handle sich um mächtige Engel, die die tagsüber angestrengt tätige Welt in das schwärzeste Dunkel tauchen, und der aufgeregte Lärm des Tages verstumme in ihrer Finsternis. Deswegen, versteht ihr, sei Schlaf erholsam. Im Menschen, sagte er, würden sich Energien der Engel materialisieren, der wache Mensch, im Grunde existiere er nicht, sondern sei, und jetzt lachte Tilman befreit, lediglich eine gegenständliche Projektion.

Die Engel, sagte er, würden sich wohlfühlen, solange der Mensch schlafe, sie entfalteten ihre heilsame Welt bis in die äußersten Winkel seiner Seele, hemmende Verstrickungen würden entknotet, Last und Mühsal des Tages lösten sich auf.

Sobald der Morgen graue, würden sie unruhig, und nur zögerlich, ja widerstrebend entließen sie den Menschen in den Tag, der Übergang sei jedesmal wieder schmerzhaft, sagte Tilman, sie hängen am Menschen, an seinem Wohlergehen, er lächelte.

Nein, das, was sich als Wissenschaft bezeichne, sei nicht imstande, diese Zusammenhänge zu erkennen, weshalb, sie habe keinen Zugang zu diesen Themen, die man ja weder zählen noch messen könne, auch nicht fotografieren, nein, schon gar nicht fotografieren.

Er wisse nicht, wo Engel sich tagsüber im einzelnen aufhielten, sagte er, vielleicht daß sie sich verspielt in tosenden Winden und Orkanen wiegen oder in den schwankenden Wipfeln der Bäume tanzen, er werde darüber nachdenken müssen; sie beobachteten aber die täglichen Abläufe höchst aufmerksam und seien voller Sorge, daß die Menschen, ihre Zöglinge, vom grellen Licht und falschen Glanz geblendet, sich leichtfertig verlocken ließen, Tag für Tag, und andere lebten in Abhängigkeit von Besitztum, sei es realer, sei es finanzieller Besitz, der Mensch, so sei ihre Sorge, lasse sich auf Irrwege führen.

Nein, die Engel würden bei Tage nicht in den Lauf des Geschehens eingreifen, das sei nicht ihre Aufgabe, der Mensch gestalte diese Abläufe, sagte Tilman, im Grunde gehe es darum, die kostbaren Energien des Lebens im rauhen Alltag zu erhalten und zu pflegen, tagsüber ginge viel Kraft verloren, und sie, soweit es denn möglich sei, unbeschadet bis in die Dämmerung hinein zu begleiten.

Das falle dem Menschen jedoch schwer, sagen sie, womöglich werde von ihm zu viel verlangt, es handle sich um eine äußerst heikle Balance, und das allgegenwärtige Elend mit anzusehen, bereite Qualen. Der Mensch sei überfordert damit, die äußeren Bedingungen so ausgeglichen zu gestalten, daß niemand Hunger leide, und sein aggressiver Umgang mit dem Planeten gefährde überdies dessen Gleichgewicht.

Die Engel ihrerseits ertrügen das rohe Licht der Sonne nicht, vermutete Tilman, unerbittliche Helligkeit und der gleißende Glanz würden selbst ihre Kräfte lähmen. Nein, wie solle er das erklären. Der zierliche Schein des Mondes ist’s, von dem sie sich nähren, habt ihr denn nie sein zartes Licht gesehen, das sich behutsam auf die Welt legt und das Getöse des Tages zum Schweigen anhält?

Tilman lächelte. In diese Abläufe eingreifen zu wollen, sei vermessen. Wo der Mensch sich einmische, richte er Schaden an, im hellen Licht des Tages sei er gewalttätig, aggressiv, uneinsichtig, nicht aufzuhalten in seiner Gier. Es komme aber trotz alledem darauf an, ein ausgeglichenes Naturell anzustreben, für den Planeten ebenso wie für den Menschen, das die widerstreitenden Energien über den Tag hin balanciere, das sei nicht viel verlangt, oder, weshalb solle das nicht möglich sein.

Nein, das sei ein brisantes Thema, er verstehe davon nichts, bekannte Tilman aber sogleich, rein gar nichts, jedes Wort sei ein Wort zu viel, und er sei lediglich glücklich, an den äußeren, den fragilen Rändern des Lebens einen Halt gefunden zu haben. Für wie lange, nein, das liege nicht in seiner Hand.

| WOLF SENFF
| Titelfoto: EinDao, Carl Gutknecht (1878–1970) Bildhauer. Wachende Engel, 1960. Friedhof am Hörnli, Basel, CC BY-SA 4.0

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Beschriftungen

Nächster Artikel

Eine schöne Bescherung

Weitere Artikel der Kategorie »TITEL-Textfeld«

Ferne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ferne

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit.
Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer, die Flamme schlug hoch.
Seit wann reden wir über Krankheiten, fragte Crockeye irritiert, wir haben Verletzungen davongetragen, aber niemand sei krank.
Ein Walfänger, bekräftigte Pirelli, kenne keine Krankheit.
Es sei denn, der Koch tische eintönige Kost auf, mäkelte der Zwilling und warf einen Blick auf Gramner, die Stimmung war nicht besonders friedfertig, es ging auf Mitternacht zu.
Wir reden über ferne Zeiten, protestierte Gramner.
Zukünftige Zeiten, sagte der Ausguck.
Über Krankheiten der Moderne, sagte Thimbleman.

Ausguck, Fußball

TITEL Textfeld | Wolf Senff: Ausguck, Fußball Fußball, er hat über Fußball geredet. Gramner? Wer sonst? Fußball? Was soll das sein? Der Ausguck stand auf, reckte die Arme und schlug einen Salto. Sport, Ausguck. Nie gehört. PDF erstellen

Event und Kultur

TITEL-Textfeld: Event und Kultur Karten seien noch zu haben, war heute zu lesen. Rund eintausend, bestellt und nicht abgeholt, an der Abendkasse morgen ab vierzehn Uhr. PDF erstellen

Nahstoll (fortges.)

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Nahstoll fortges.

Der Bruder sei leicht abgehoben, charakterlich, ja, sagte Setzweyn und unterdrückte ein Lächeln, er fliege, er fliege leidenschaftlich gern in der Welt umher, habe jedoch null Interesse an Reisezielen, nein, touristisch auf gar keinen Fall, er besitze eine Cessna, ein bequemes kleines Gerät, mit dem er vorzugsweise abseits der großen Pisten starte und lande, er genieße das als ein Abenteuer, denn es sei ein großartiges Gefühl, vom Erdboden abzuheben, himmelwärts, sagte Setzweyn, da könne er ihn verstehen.

Aggressivität

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Aggressivität

Wichtig wäre, sagte Tilman, die aggressiven Anteile zu reduzieren.

Ob sie nicht tief in der menschlichen Natur verankert seien, fragte Susanne, stand auf und ging in die Küche, Tee aufzugießen, während Tilman das Service mit dem zierlichen lindgrünen Drachen aufdeckte, dazu ein Schälchen mit Hafergebäck.

Deshalb sei der Mensch mit Vernunft ausgestattet, auszugleichen, sagte Tilman, den aggressiven Anteilen Zügel anzulegen, den eigenen wie denen der umgebenden Natur, daß sie im Zaum zu halten seien.