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Ausrottung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ausrottung

Nein, sagte Termoth, in Kalifornien habe es keine so gravierenden Einschnitte gegeben wie 1832 den Trail of Tears oder 1890 die Schlacht am Wounded Knee, in Kalifornien sei die Ausrottung der Ureinwohner geschmeidig verlaufen, es habe keinen Aufschrei gegeben, und es sei nicht leicht, das Geschehen zu rekonstruieren, zumal die indigenen Stämme bereits von den Spaniern gewaltsam hätten christianisiert werden sollen, doch statt eines Erfolges habe sich Syphilis ausgebreitet und dazu in Epidemien Pocken, Typhus und Cholera, unerfreuliche Mitbringsel der Eroberer – die indigene Bevölkerung, vor der spanischen Missionierung siebzigtausend, sei bis zum Ende der Indianerkriege 1890 um über drei Viertel auf siebzehntausend reduziert worden.

Touste stutzte und spielte einige Töne auf der Mundharmonika.

Thimbleman starrte den Ausguck an.

Crockeye lächelte.

Eldin vergaß den Schmerz in der Schulter.

Doch eines nach dem anderen, sagte Termoth und lehnte sich an die Fock, nach dem Ende des Krieges mit Mexiko 1848 änderte sich für die indianischen Ureinwohner wenig, sie waren für die seit Jahren einwandernden Siedler bestenfalls billige Arbeitskräfte. Doch gab es, sagte er, eine starke populistische Strömung, und es wäre keineswegs falsch, zu sagen, daß in Kalifornien der blutrünstigste Abschnitt der Besiedlung des Westens ablief.

Darüber sei wenig bekannt, flüsterte der Ausguck, die Gazetten hätten sich lange Zeit nicht für das Thema interessiert.

Unerfreuliche Tatsachen, sagte Thimbleman, kommen spät ans Licht des Tages.

Crockeye lächelte.

Das Gold, sagte Termoth, zog Immigranten aus aller Herren Länder –  viel rauhes Volk: verkrachte Existenzen, Glücksritter, Karrieristen, Draufgänger, Abenteurer, Spekulanten, und jeder auf schnell erworbenes Geld aus. In diesem Kampf um Macht und Besitz, schloß Termoth, hatten die indianischen Stämme nie eine Chance, kein Gedanke an Koexistenz, ihre über mehrere Jahrtausende stabile Kultur war gegen diese Invasion der nackten Habgier wehrlos.

Termoth blickte nachdenklich in die Lagune. In den Gazetten, sagte er, fand die aufgeheizte Stimmung ihr Echo, die indianische Bevölkerung störe, und wirklich gab es Regionen, in denen Kopfgelder auf Indianer ausgesetzt wurden, sie müßten, hieß es vielfach, ausgerottet, vernichtet werden.

So sei die Stimmung in der Stadt, sagte der Ausguck.

Getränkt von Haß und Verachtung, sagte Thimbleman.

Dabei komme einiges zusammen, sagte Termoth, zögerliche Präsidenten und unausgereifte staatliche Strukturen waren nicht imstande, dieser üblen Kampagne Einhalt zu gebieten. So kam es zu dem  Rachefeldzug von Sam und Ben Kelsey, die im Napa Valley mehrere Siedlungen dem Erdboden gleichmachten, und zum Massaker von Bloody Island seitens der Garnisonen von Sonoma und Benicia, Mai 1850, über hundert Stammesangehörige der Pomo wurden erbarmungslos getötet, Säuglinge wurden auf Bajonette gespießt und in den See geschleudert, die Indianer galten nicht als Menschen.

Touste stockte und legte die Mundharmonika beiseite.

Zwar gab es besonnene Stimmen der Vernunft, nur waren sie zu leise, zu schwach – das Momentum gesellte sich zu den Agitatoren, den Krawallmachern, den Brandstiftern, denen die Kultur der Stämme allenfalls zum Amüsement gereichte und denen es darum ging, die herrschende Stellung des Weißen Mannes zu festigen.

Für Thimbleman und für den Ausguck war diese Version der Zusammenhänge neu, in der Stadt herrschte eine andere Erzählung – sie hörten Termoth gespannt zu.

In Kalifornien lebten viele Stämme, mehr und minder große Familienverbände, dezentral über das Staatsgebiet verteilt, und wohl deshalb kam es selten zu aufsehenerregenden Konflikten, sagte Termoth, keine Kriege, keine Deportationen, sagte er, die Vertreibung und Vernichtung verlief, man scheut das Wort, sie verlief quasi geräuschlos, versteht ihr, wenige nur wagten öffentlich gegen die lautstark auftretenden, haßerfüllten Hetzer und Schreihälse aufzutreten.

Es waren die eher klein dimensionierten Vorfälle, die die Atmosphäre vergifteten und den Boden für Haß und Rache nährten, so etwa als vier Goldgräber nicht weit von Placerville, Sacramento, einem Krieger der Nisenan und seiner Squaw begegneten; der Mann, der seine Frau gegen sexuelle Übergriffe schützen wollte, wurde kurzerhand erschossen. Dieser und ähnliche Vorfälle waren an der Tagesordnung, sie lösten Scharmützel aus, die sich bis Ende 1850 hinzogen und regional als erster El Dorado County-Krieg bekanntwurden.

Auf Seiten der Einwanderer etablierten sich Leitfiguren, regionale Anführer wie Jim Savage, der Verhandlungen anbot und eine kaltblütige, niederträchtige Machtpolitik betrieb. Entweder die Häuptlinge fänden sich zu den Verhandlungen ein, oder man werde ihre Siedlungen dem Erdboden gleichmachen und ihre Vorräte vernichten. An Vergeltungsmaßnahmen teilzunehmen, fanden sich stets Freiwillige, Stämme flohen vor diesen Trupps in die Berge und bis ins entlegene Yosemite-Tal, die Überlebenden wurden in ein Reservat am Fresnofluß überführt, der Konflikt wurde für ausgestanden erklärt.

Für ausgestanden erklärt, spottete Gramner und lachte.

Auch Termoth konnte sich ein Lachen nicht verbeißen. Die Einwanderer, sagte er, kannten keine gemeinschaftliche Lebensform, geschweige denn eine gemeinsame Kultur, ihr täglicher Umgang beruhte auf Habgier, ihr Alltag war chaotisch und destruktiv – die sogenannte Moderne dauerte nur wenige Jahrhunderte, sie kannibalisierte sich selbsttätig und riß die Lebensformen des Planeten mit in unermeßliche Abgründe.

Die Zeiten würden sich kaum ändern, und noch die Versuche in den 1950er Jahren, die Stammesstrukturen abzuschaffen, ›termination policy‹, waren ein ultimativer Affront einer durch Arthur V. Watkins und den McCarthyismus geprägten Politik und ein letzter Versuch, die kulturelle Identität der indigenen Stämme zu eliminieren, propagandistisch begleitet von Schlagwörtern wie ›Eigenverantwortung‹, ›Freiheit‹, ›Emanzipation von staatlicher Bevormundung‹ – frühen zuckersüßen Parolen der neoliberalen Globalisierung.

Zwar seien, wandte Gramner ein, in den 1950er Jahren viele Stämme und ihr gemeinschaftlicher Besitz aufgelöst worden, die Angehörigen suchten Arbeit in den Städten, die neue Lebensform aber war ihnen fremd.

Und dennoch, ergänzte Termoth, hielten diverse Stämme den Versuchen, die indianische Kultur nahtlos zu assimilieren, stand, und wir erfahren seit den ausgehenden 1950er Jahren ihr erstarktes Wiederaufleben, das Fundament habe standgehalten.

Touste spielte eine Melodie auf der Mundhamonika.

Crockeye lächelte.

Eldin vergaß den Schmerz in seiner Schulter.

| WOLF SENFF
| Abbildung: Mythology of ›Hamfo‹ people of Clear Lake, California (Public Domain)

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